Kommentar

Mehr Schein als Sein: Abschlüsse und Berufsbezeichnungen in der Sicherheitsbranche

 „Veranstaltungssicherheit“ ist ja irgendwie alles: Technik, Arbeitssicherheit, Brandschutz oder Crowd Management. Man würde wohl sagen: Ein klassisches Querschnittsthema. Leider fehlen diesem Heft ca. 300 Seiten, um das Thema abzudecken, daher ist es wohl der perfekte Anlass, um über ein Thema zu schreiben, dass alle betrifft, das aber niemand so recht thematisieren mag: Konkurrenz, Verweigerung, Eigenbrötlerei auf der einen Seite, mehr Schein als Sein auf der anderen Seite.

Abschluss
Ob in drei Tagen, drei Wochen oder drei Monaten: Wege, einen Abschluss zu machen, gibt es viele. (Bild: Pixabay.com)

Beginnen wir mit Letzterem: Den verschiedenen Aus- und Weiterbildungsabschlüssen und den zahlreichen Berufsbezeichnungen in unserer Branche. Inzwischen existiert eine Vielzahl von Titeln, die irgendetwas mit Veranstaltungssicherheit zu tun haben – Beispiele nennen wir nicht, die mag sich jeder selber suchen. Aber was sagen diese Titel aus? Genau genommen: Gar nichts. Da es an standardisierten Aus- Weiterbildungskonzepten fehlt, ist jeder dieser Titel erst einmal das kreative Werk eines Verkäufers. Nun mag man erst einmal nichts Schlechtes unterstellen und behaupten: Der, der den Titel und die dazugehörige Weiterbildung erfunden hat, ist davon überzeugt, ein gutes Produkt zu haben, mit einem Titel, der die vermittelten Inhalte widerspiegelt. Das Problem ist: Alle sind natürlich davon überzeugt – der eine setzt dafür drei Tage an, der andere drei Wochen, der nächste drei Monate. Am Ende steht eine lange Liste auf unterschiedlichste Art und Weise zu erlangender Titel.

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Das könnte erst einmal egal sein, ist doch jeder erwachsen und mündig, sich für diese oder jene Weiterbildung zu entscheiden. Das Problem sind die Erwartungen, die Versprechungen, die mit dem Titel einhergehen: „Ich kann etwas – ich bin ein Fachmann / eine Fachfrau“. Nun weiß man schon aus der Welt der tatsächlich standardisierten Ausbildungen, dass nicht jede/-r, die / der einen Abschluss hat, auch ein Experte / eine Expertin ist – in der Welt der frei erfundenen Veranstaltungssicherheitstitel potenziert sich das Problem um ein Vielfaches.

Senior
Nicht jeder mit einem Titel verfügt auch Expertenwissen. (Bild: Pixabay.com)

Auch der vermeintlich so seriöse „Sachverständige“ löst das Problem nicht – im Gegenteil: Das Vertrauen in den Titel wird ad absurdum geführt, wenn man sich die Bedingungen anschaut, unter denen man Sachverständige/-r werden bzw. sich selbst dazu ernennen kann – denn nein, auch der „freie Sachverständige“  ist nicht geschützt. Die „regelmäßig erwartete Sach- & Fachkunde“ ist in diesem Fall schwer nachzuweisen, beißt sich doch die Katze hier in den Schwanz: Es gibt keinen Standard, an dem sich die Sach- & Fachkunde messen lässt – explizit ausgenommen hiervon die beneidenswert gut geregelten Vorgaben aus der Veranstaltungstechnik und / oder der Arbeitssicherheit – die für ihre Bereiche tatsächliche Standards definieren.

Das alles wäre nicht schlimm, hätte es nicht durchaus Auswirkungen auf die Sicherheit von Menschen. Schafft es jemand, eine – sagen wir einmal „mittlere“ Leistung aufgrund einprägsamer Titel zu verkaufen, so ist dies mehr als nur ein Marketingerfolg: Es ist eine potentielle Gefährdung, vertraut doch der Kunde darauf, den bestmöglichen Experten gebucht zu haben. Mit ein bisschen Glück erwischt der Kunde jemanden, der einen klangvollen Titel trägt und tatsächlich ein Experte ist – allein: Am Titel wird er es nicht erkennen können.

Egomanie und Profilierungswahn

Dies führt unmittelbar zum anderen Thema, das überall präsent ist, selten aber offen diskutiert wird: Konkurrenzdenken. Letztendlich kann man nur mutmaßen, wie weit das Thema der Veranstaltungssicherheit (auch hier wieder außerhalb z.B. der Veranstaltungstechnik) schon wäre und wie viele Standards schon existieren würden, würde nicht jeder sein eigenes Süppchen kochen. Ob Egomanie, Profilierungswahn, der Glaube, alle anderen könnten eh nichts oder bloße Abneigung: Gründe, warum Menschen, die gemeinsam einiges bewegen könnten, nicht zusammen arbeiten, sind so vielfältig, wie die oben genannten Titel. Man muss sich ja nicht mögen – aber gerade im noch jungen Themenfeld der Veranstaltungssicherheit geht es weit darüber hinaus: Man blockiert sich, ignoriert sich, schafft Bündnisse rund um die eigenen Interessen und versucht, sich möglichst von „den anderen“ abzugrenzen.

Da ist es fast ein guter Witz, wie sehr diese Menschen dann aber – durchaus nahezu einheitlich – im Rahmen ihrer jeweiligen Empfehlungen fordern, dass Veranstaltungssicherheit immer die Zusammenarbeit und das Miteinander aller Beteiligten brauchen. Auch hier könnte man meinen: Ist doch egal, soll einfach jeder machen, was / wie er / sie will – aber auch hier ist wieder einmal der Kunde der Leidtragende. Nehmen wir die inzwischen immense Anzahl der Leitfäden zum Thema, die sich im direkten Vergleich durchaus relevant in ihren Aussagen unterscheiden. Fast könnte man meinen, einen Leitfaden herauszubringen „gehört dazu“ – nicht, um die Sicherheit von Menschen auf Veranstaltungen zu verbessern, sondern um den eigenen Namen / die eigene Institution präsentiert und sich damit am Markt positioniert zu haben. Aber wie soll der Kunde – der ja die Fachkunde nicht hat und sich diese genau durch den Leitfaden aneignen möchte – wie soll der also erkennen, was ein guter Leitfaden ist und was nicht?

Graduation(Bild: Pixabay.com)

Alles in allem keine schöne Situation – umso mehr, als keine Änderung in Sicht ist. Letztendlich ist Veranstaltungssicherheit von einem hehren Ziel zu einem bloßen Markt geworden – ein Markt, in dem Verkaufen wichtiger ist als Emanzipieren: Warum sollte man den Leuten beibringen, wie sie ihr eigenes Sicherheitskonzept schreiben können, wenn man es doch prima inklusive anstehender Aktualisierungen verkaufen kann? Es steht außer Frage, dass es für spezielle Fragestellungen, für besondere Herausforderungen spezielles Fachwissen braucht – meist aber geht es gar nicht darum: Es geht um Handwerkszeug, um Grundlagen. Und so ist es mit der Veranstaltungssicherheit ein bisschen wie mit der Entwicklungshilfe: Die Erziehung zur Unmündigkeit als Garant für einen niemals endenden Bedarf – getrieben von Menschen mit selbst erfundenen Titeln, die lieber heimlich beim anderen abschreiben, als sich zu einem gemeinsamen Ansatz zu bekennen.

Anmerkung: Als Autorin ist mir das Glatteis, auf dem ich mich mit diesem Artikel bewege, durchaus klar – schließlich bin ich selbst Teil dieses Marktes. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich nicht in der Lage bin, mein Tun genauso wie das Tun der anderen kritisch zu reflektieren. Das Ziel, Veranstaltungen für Menschen sicherer zu machen, ist es allemal wert, sich auch (selbst)kritischen Diskussionen zu stellen.


Veranstaltungssicherheit auf EVENT-PARTNER.DE

Schon seit einigen Jahren widmen wir uns bei EVENT PARTNER vermehrt dem Thema Veranstaltungssicherheit. Dabei sind natürlich so einige Artikel entstanden, die wir nicht allein für uns behalten wollen! Hier können Sie unser Wissen teilen.

U.a. haben wir uns mit den folgenden Themen beschäftigt:

Crowd Management: Wie kann man Unglücke verhindern?

Krisenkommunikation: Was tun, wenn doch mal etwas schief läuft?

Wie erstellt man einen Notfallplan für Events?

Wer darf eigentlich was in der Veranstaltungstechnik?

Sicherheitsaspekte für Märkte und öffentliche Events

 


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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ein längst überfälliger Artikel. Vielen Dank für die Thematisierung eines brisanten Themas, über das noch viel zu häufig hinweggesehen wird.

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