Echt grün oder nur Greenwashing?

Das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit

Der ESC ist ein grünes Event! So tönte es nach dem Contest in Wien 2015 nicht nur durch die Fachpresse. Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich. Nun werden einige sicher sagen: Das ist doch super, dass so viele Anstrengungen unternommen wurden. Grün ist hip, Green Meetings sind in aller Munde genauso wie die kompostier- oder sogar essbaren Teller im Catering. Ist das Grün? Oder gar nachhaltig? Glaubt man den Presseverteilern der Eventbranche, laufen die Stromzähler bald rückwärts und jeder hat mindestens ein oder mehrere Sustainability-Labels auf dem Briefpapier.

Das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit
Das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit zeigt, dass Nachhaltigkeit nur bei gleichwertiger Rücksichtnahme auf alle drei Bereiche erreicht werden kann. (Bild: Marc Honeck )

Doch was bedeutet nachhaltig wirklich? Sind alle Green Meetings „green“ und alle Label „sustainable“? Der Begriff Nachhaltigkeit wurde 1713 von Hans Carl von Carlowitz eingeführt. Er stellte damals fest, dass Forstwirtschaft nachhaltig, also langfristig angelegt sein muss, um die Ressource Holz zu erhalten. Anstatt blind Bäume abzuholzen, sollten auch immer genügend Setzlinge nachgepflanzt werden. In den 1990er Jahren wurde dann im Zuge einer weltweiten Debatte das sogenannte Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit durch den Verband der Chemischen Industrie in die Debatte eingeführt.

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Nach dem Drei-Säulen-Modell besteht Nachhaltigkeit gleichberechtigt und untrennbar aus ökologischen UND wirtschaftlichen UND sozialen Aspekten.

In der Praxis jedoch wird häufig nur die ökologische Säule angesprochen und bearbeitet. Da wird der CO2-Ausstoß „neutralisiert“ durch einen modernen Ablasshandel, indem ich – böse ausgedrückt – jemandem Geld dafür gebe, dass er einen Baum in der Wüste pflanzt. Oder ich stelle auf Ökostrom um, der in Deutschland mit Braunkohle produziert und über eine Fernleitung nach Norwegen geschickt wird und dort Wasser in einen Stausee pumpt. Nachts wird das Wasser abgelassen und die Turbinen produzieren dann Ökostrom. Bekannte Wege zur ökologischen Nachhaltigkeit stellen die verschiedenen Zertifikate und Labels dar, denen sich Interessierte anschließen können, wie z. B. juliesbicycle.com, go-group.org, sustainable-event-alliance.org, my-green-meeting.de, fairpflichtet.de, greenglobe.com oder soundsfornature.eu. Nicht zu vergessen die etablierten Begriffe wie EMAS, ISO 20121, CSR, ÖKOPROFIT oder Compliance. Die soziale Komponente wird wiederum durch die beiden Schlagworte CSR („Corporate Social Responsability“) und „Compliance“ versucht abzubilden. Da werden mehrtägige Kurse zum CSR-Manager angeboten und es wird genau festgelegt, wer keine Flasche Wein mehr annehmen oder bekommen darf.

Soziale Nachhaltigkeit = gelebter Arbeitsschutz

Ist das alles und alles so einfach? Ist es nicht, es ist viel einfacher und das ohne große Worte. Fangen wir bei der dritten Säule an: Soziale Nachhaltigkeit bedeutet, dass die Mitarbeiter regelkonforme Arbeitsplätze bekommen, die gesund und sicher sind. Damit sind wir auch schon bei „Compliance“, was nichts anderes besagt, als dass sich eine Firma an alle geltenden Regeln hält. Also eigentlich etwas Selbstverständliches. Wie kann es dann sein, dass sich nach Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nur ca. ein Drittel aller kleineren und mittleren Unternehmen bundesweit halbwegs an das Regelwerk dazu halten, so es denn überhaupt in den Firmen bekannt ist? Der Autor kann davon berichten, dass in der Eventbranche, auch bei großen Akteuren aller Sparten, Arbeitssicherheit noch lange nicht konsequent umgesetzt wird.

Mehr zum Thema Arbeitsschutz in der Eventbranche lesen Sie hier.

Wozu dann also große Worte in den Mund nehmen, wenn das kleine Einmaleins nicht funktioniert? Echte soziale Nachhaltigkeit, CSR und Compliance beginnen bei funktionierendem und gelebtem Arbeitsschutz. Dadurch erfährt der Mitarbeiter, zu dem auch die vielen freien Mitarbeiter gehören, Wertschätzung und Anerkennung. Leider ist das deutsche Arbeitsschutzsystem für einen normalen Unternehmer nicht so einfach zu durchschauen, trotz aller Handlungshilfen der Berufsgenossenschaften. Stichworte dazu sind arbeitssicherheitstechnische Betreuung durch die vorgeschriebenen Spezialisten Betriebsarzt und Fachkraft für Arbeitssicherheit, Gefährdungsbeurteilungen mit abgeleiteten Schutzmaßnahmen, Vorsorgeuntersuchungen und einiges mehr. Dazu gehören selbstverständlich Arbeitsschichten inklusive Pausen auf Produktion nicht über elf Stunden und gesundes Mitarbeitercatering. Oder ein leistungsgerechtes Entgelt und offene und wertschätzende Kommunikation mit allen Dienstleistern. Dazu gehört auch, dass sich alle auf der Produktion befindlichen Mitarbeiter – auch die Führungsebene – vorbildlich verhalten.

Funktionierende Wertschätzung = ökonomischer Erfolg

Die funktionierende Wertschätzung und Kommunikation sorgt dann schnell für den Erfolg der zweiten, der ökonomischen Säule, die erstaunlicherweise so gut wie nicht in der Diskussion vorkommt. In der Praxis ist es häufig noch so, dass beispielsweise erst sehr spät ein Technikdienstleister gesucht wird bzw. verschiedene Dienstleister rein nach dem Preis zusammengestellt werden. Manchmal wechseln die Dienstleister dann auch noch von Event zu Event. Eine genaue Betrachtung der Angebote und besonders der Angebotsinhalte findet dann nicht mehr statt. Eine Koordination der Dienstleister bzw. der relevanten Dinge und möglichen Abläufe ist ebenso selten. Auftraggeber, die auf ihre technischen Dienstleister hören, werden schnell feststellen, dass z. B. weniger Strom als vom Caterer gewünscht benötigt wird. Bedeutet also kleinere Generatoren, die weniger verbrauchen und kleinere Kabelquerschnitte. Der Caterer zählt oft nur die Werte auf den Steckern zusammen, der Mobilstromdienstleister hingegen kann realistische Werte ermitteln oder aus Erfahrung nennen und passende, sparsame Technik empfehlen.

Menschen, die „nur“ noch 10 Stunden arbeiten und vernünftiges Catering mit ordentlichen Pausen bekommen, sind leistungsfähiger bei höherer Qualität. Ein aufgeräumtes und sauberes Lager mit gepflegtem Arbeitsmaterial verbessert ebenfalls die Laune der Mitarbeiter. Firmen, die mit qualifiziertem Fachpersonal (Fachkräfte und Meister) arbeiten und ihrerseits die rechtlichen Pflichten z. B. bei der Prüfung der Betriebsmittel erfüllen, erhöhen ihre Betriebssicherheit und sorgen dafür, dass Unterbrechungen und Schäden vermieden werden. So werden die eigenen und die Mitarbeiter der Dienstleister „die Baustelle rocken“ und oft ganz automatisch für Einsparungen und Qualitätsverbesserungen sorgen, gesünder und besser in gestrafften Strukturen arbeiten und damit den Erfolg eines Unternehmens oder eines Events entscheidend und positiv beeinflussen. Damit ist der ökonomische Erfolg gesichert. Sollte es zusätzlich ein Vorschlagswesen geben oder regelmäßige Gespräche mit den Mitarbeitern, werden ebenfalls interessante Erkenntnisse gewonnen. In der Praxis gab und gibt es reichlich Veranstaltungen, auch hochkarätige, die trotz widriger Umstände (schlechte Planung und unglückliche Kommunikation) stattgefunden haben. Das können die Veranstalter dieser Events oft den Mitarbeitern der beteiligten Firmen danken, die aus Teamgeist heraus grobe Fehler in Planung und örtlicher Umsetzung wegbügeln.

Die ESC-Bühne in Wien
Die ESC-Bühne in Wien (Bild: Thomas Hanses (EBU))

Ökologisch = Sozial + Ökonomisch

Zum Ende gelangen wir zum Anfang: Zur ersten Säule der Nachhaltigkeit, der Ökologischen – obwohl wir eigentlich schon mittendrin sind. Erst durch eine konsequente Umsetzung des beschriebenen Weges von hinten nach vorne können Firmen wirklich langfristig nachhaltig handeln und bestehen. Denn nur so kann erreicht werden, dass die Mitarbeiter auch von selbst ökologisch handeln. Ist die Akzeptanz da, wird das Licht von selbst ausgestellt, das Firmenfahrzeug schonend (sparsam) gefahren und auch die Heizung im Büro runtergedreht. So hat sich ein Mitarbeiter eines Theaters, das gleichzeitig als Eventlocation betrieben wird, Gedanken zu den Heizkosten gemacht. Er konnte errechnen, dass das Geschlossen halten des Eisernen Vorhanges bei Ein- und Ausladen einer Produktion für massive, vierstellige Einsparungen sorgt. In einem anderen Betrieb wurde im Rahmen des von Städten und Gemeinden geförderten Programmes ÖKOPROFIT u. a. festgestellt, dass durch den Austausch der Lagertore gegen moderne Schnelllauf-Tore ebenfalls massive Einsparungen erzielt werden können. Gleichzeitig wird die Gesundheit der Mitarbeiter geschützt. Das genannte Programm – Ökologisches Projekt für Integrierte Umwelt-Technik – ist nicht nur eine reine Zertifizierungsmaßnahme, sondern das Projekt an sich ist bereits nachhaltig und integriert ausgerichtet.

Dies nur als Beispiel für ein mögliches, echtes Bemühen um gelebte Nachhaltigkeit. Weiterhin stehen selbstverständlich die bekannten Labels der Nachhaltigkeitsindustrie zur Verfügung, von denen einige mit Web-Links im hier integrierten Kasten genannt werden. Einen interessanten Ansatz bietet etwa das aus England kommende „Julies Bicycle“: In diesem aus dem Tourneetheater kommenden Tool können verschiedene Akteure der Eventbranche ihren Carbon Footprint ermitteln und Maßnahmen bestimmen. Als Fazit kann genannt werden, dass nicht alles so Green ist, wie es scheint, und nicht unbedingt das schickste Label den besten Weg darstellt. Auf jeden Fall sollte sich ein um Nachhaltigkeit bemühtes Unternehmen fragen, ob es nur um Außenwirkung gehen oder ein dauerhafter, eben nachhaltiger und alle drei Säulen bedenkender Weg beschritten werden soll. Übrigens, der ESC ist deswegen grün geworden, weil die zu erfüllenden Punkte im österreichischen Umweltzeichen für Standbau und Veranstaltungstechnik nur 12 von 141 möglichen Punkten darstellen, dafür Catering, Veranstaltungsstätte und Mobilität einen sehr großen Raum einnehmen.

 

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