Von Künstlern zu Eventmanagern

Kolumne: Angst und Mut in der Kommunikation

Angst ist eine menschliche Triebkraft. Wird sie nicht überwunden, dominiert sie das Verhalten. Kommunikation erfordert aber Mut. EVENT PARTNER-Autor Andreas Schäfer skizziert in der literarisch/philosophischen Event-Ecke die Entwicklungen der Branche bis zum Platzen der Dotcom-Blase und die Folgen.

Essay Mut 01

In den Neunzigern des letzten Jahrhunderts waren Events Neuland. Die Macher waren zwangsweise Quereinsteiger. Viele kamen aus der freien Kulturszene. Die Kunst verließ die Theater und Museen und landete mitten in der Gesellschaft, da wo die Menschen waren und sind. Es herrschte Aufbruch und Goldgräberstimmung. Das „Etwas-Neues-wagen“ war systemimmanent. Einige Pioniere kamen aus der Pop-Kultur, sogar aus der Hausbesetzerszene. Wie Roland Lambrette, der „The Wall“ in Berlin und Peter Gabriels „Secret World Tour“ mitmachte. 1991 begann er dann die Arbeit für Mercedes. Auch mal mit Choreograf Stephen Galloway, wie für den Pariser Autosalon. Man kam aus der Hochkultur, wie Otmar Demharter, mit seiner Theater-des-Westens- und Staatsoper-Vergangenheit. Er sollte die großen Jubiläen für Siemens machen. Vok Dams kam aus der Fotografie.

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Die Solinger kogag orientierte sich am Entertainment ihrer Zeit, das zum Edutainment wurde, und holte sich den Magier Hans Klok zu Hilfe. Oder auch mal einen Musiker wie Martin Ernst, der bei RTL Samstag Nacht für ein frühes Fernsehcomedy-Format nach amerikanischem Vorbild mit einer Studioband live Musik machte. Das Spektrum war sehr groß. Der Teppich- und Staubsaugerhersteller Vorwerk aus Wuppertal operierte mit Weltkünstler Robert Wilson. Man ließ ihn Teppiche wie auch Events entwerfen. Die RWE AG ging 1998 zum Hundertjährigen mit André Heller voran. In Essen baute man das temporäre Erlebnishaus, den „Meteorit“ und ließ die Besucher Zukunft mit allen Sinnen erfahren. Hinter den Lichtleiterzauberkokons steckten kluge Köpfe wie Antonius Quodt von Lightlife. Die A-Klasse wurde 1997 mit den katalanischen Theaterberserkern La Fura dels Baus europaweit eingeführt. Die Event-Unternehmenskommunikation wurde nicht in ein enges Korsett gesteckt.

Teppich mit dem Design von Robert Wilson, kreiert im Auftrag von Vorwerk aus Wuppertal
Teppich mit dem Design von Robert Wilson, kreiert im Auftrag von Vorwerk aus Wuppertal

Aus dem Silicon Valley wehte der Vorstandsgroßzügigkeit deutscher Obrigkeitsprägung ein neuer Zeitgeist entgegen: Leger ohne Krawatte, Bundfaltenhose oder polierte Treter. Sneaker waren auf einmal die neuen Businessschuhe. Steve Jobs wurde der neue Messias. Titus Dittman – zuvor nur der engen Skaterszene bekannt – wurde in Talkshows als der neue Typus Unternehmer herumgereicht. All das kulminierte in der EXPO2000 in Hannover, der Eventhorizont war grenzenlos. Die T-Aktie führte Oma derweil in neue Geschäftsbewusstseinsgefilde! Die Börse schien Demokratie pur zu sein. Jede(r) konnte auf dem Parkett teilhaben. Jeder konnte am großen Schwips teilhaben. Leider ging es nicht so weiter. Die Dotcom-Blase sollte platzen. Wachstum ist doch nicht unendlich. Peng! 9-11 gab den aus dem Rausch Getaumelten den Rest. Vorsicht wurde wieder zur Mutter der Porzellankiste.

Die Spezies „Event-ManagerIn“

Währenddessen sollten sich in der Event-Wildnis Strukturen herausbilden. Man wollte ernst genommen werden, Platz nehmen neben den Jungs von McKinsey, BCG oder Roland Berger, den neuen Helden – und mutierte vom Partymacher zum Dienstleistungsverkäufer. Der Felgaufschwung zum angesehenen Kommunikationsberater wollte jedoch nicht gelingen. Dabei blieb leider ein großer Teil des kreativen Mutes auf der Strecke. Künstler verhandelten zuvor mit Agenturinhabern, gemeinsam sprach man mit Vorständen und Geschäftsführern. Eine Ebene, auf der man Weitsicht und Mut mitbringen sollte und Entscheidungen trifft. Diese Entscheidungsebene auf Augenhöhe gibt es nicht mehr.

Die Eventbranche hat inzwischen ihre eigene Eventspezies hervorgebracht: Den/die EventmanagerIn! Sie sind zugleich Verkäufer und Administratoren. Eines sind sie jedoch nicht: Auf Augenhöhe. Sie müssen sich für Entscheidungen immer erst in höheren Ebenen das Okay holen. Zum Teil verantworten recht junge Menschen Einzelbudgets, die ihren Erfahrungshorizont weit überschreiten. Da darf und will man natürlich nichts falsch machen. Die Künstler sind aus dem Fokus verschwunden. Dienstleister sind gefragt. Kunst und Avantgarde hat nämlich immer etwas mit Risiko zu tun. Wie aber soll ein Unternehmenseinkäufer, ein Eventmanager, heutzutage die wesentlichen Entscheidungen aushandeln, ästhetische Entscheidungen treffen? Er oder sie hat dafür keine Erfahrung und keine Ausbildung. Also wird das gemacht, was sich bereits bewährt hat. Fernsehunterhaltung funktioniert genauso. Ohne ästhetisches oder unternehmerisches Risiko. Der Ausdruckskanon wird auf Ferres bis Furtwängler beschränkt. Tucholsky wusste von solchen Zuständen ein Lied zu singen:

 

O hochverehrtes Publikum,

sag mal: bist du wirklich so dumm,

wie uns das an allen Tagen

alle Unternehmer sagen?

Jeder Direktor mit dickem Popo

spricht: „Das Publikum will es so!“

Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen?

Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“

Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:

„Gute Bücher gehn eben nicht!“

Sag mal, verehrtes Publikum:

bist du wirklich so dumm?

 

Auch auf der heutigen Zeit lastet ein „Fluch der Mittelmäßigkeit“. Tucholsky schrieb das Gedicht übrigens 1931. Nach 83 Jahren scheinen wir immer noch an einem ähnlichen Punkt zu sein. Außer dem treibhaus 0.8, das aus der Ausbildungsnot für „Konzeptioner“ hervorgewachsen ist, gibt es weit und breit keinen Ausbildungsgang für unsere Branche, der Besserung verspricht. Die temporäre Architektur, die Kommunikation im Raum hat ihre vielschichtig ausgebildeten Architekten und Designer. Durchaus angesehene Kreativberufe. Da kommen unsere Event-Manager nicht mit!

Der Teppich- und Staubsaugerhersteller Vorwerk aus Wuppertal ließ von Künstler Robert Wilson Teppiche wie auch Events entwerfen
Der Teppich- und Staubsaugerhersteller Vorwerk aus Wuppertal ließ von Künstler Robert Wilson Teppiche wie auch Events entwerfen

Wissen hilft, Angst zu überwinden und Mut zu haben

Die Expressionisten haben aus der Angst selbst tolle Kunst gemacht. Auch im Kino. Freud half zu erkennen, was das urmenschliche Gefühl mit uns macht. Wir sollten den Schwindel der Freiheit (Achtung, Kierkegaard!) genießen, anstatt uns hinter bürokratischen Festungen oder den allmächtigen Über-Ichs (Achtung, Freud!) zu verschanzen.

Nach Exzessen schlägt das Pendel gerne ins Gegenteil aus. Die Kontrolle wird dominant. Es steht zu befürchten, dass unter Basel III und IV nicht nur die gierigen Banken leiden müssen. Leben heißt gehen, rennen, fallen, sterben. Ausgerechnet Heidegger sah darin eine Kraft: „Das Wovor dieser Angst ist das In-der-Welt-sein selbst. Das Worum dieser Angst ist das Sein-können des Daseins schlechthin.“ Die Real-Angst darf gerne sein. Angst kann aber auch bei zu großer Intensität zu unangemessenen Reaktionen und (selbst)schädigendem Verhalten führen. Da hilft nur Mut. Steve Jobs hatte den. Er hat die gemütliche Garage der Eltern verlassen. Er hatte Mut und eine Vision. Das hat ihm geholfen, das hat Apple geholfen, das hat der ganzen Welt geholfen. „Jedem ein Computer“ heißt tatsächlich mehr Demokratie. Es wäre schön, wenn wir mehr Mut aus den Veränderungen der Dotcom-Welt herübergerettet hätten. Unter anderem die flacheren Hierarchien. Also mehr Augenhöhe. Derweil gibt es aber noch Agenturen, die weiter Ideen entwickeln, anstatt fleißig Standards zu verkaufen. Lambrettes Atelier Markgraph hat die Nähe zur Architektur sicherlich gut getan, Heike-Melba Fendels Barbarella Entertainment die Nähe zu Film und Bühne. Das sind Mut spendende Beispiele. Es geht doch!

 

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