Interview: Barbarella Entertainment

Heike-Melba Fendel über die Inflation von Awards

Barbarella Entertainment ist keine Agentur wie jede andere. Sie schafft es, Managerin für hochkarätige Schauspieler wie Matthias Brandt zu sein und Events zu machen, die sich nachprüfbar unterscheiden und die das nicht nur von sich behaupten.

Heike-Melba Fendel, die Mitgründerin und jetzige Pilotin von Barbarella Entertainment, ist für jeden (professionellen) Gesprächspartner eine vergnügliche Aufgabe. Gut, dass das Schäuble nicht weiß, er könnte versucht sein, Vergnügungssteuer darauf zu erheben. Ihre Intelligenz, der daran gekoppelte Humor und ihre daraus resultierende Überzeugungskraft ist der Antrieb für etliche Awards, die sich nicht am gewohnten Standard orientieren, sondern selbst in der Lage sind, Standards zu setzen. Sie hat unter anderem für Hessen den Filmpreis entwickelt, für den Bühnenverein den FAUST als den nationalen Theaterpreis, bei dem inzwischen selbst die üblichen Laudatoren gegen wirklich würdige Vorstellungen im Videoformat von der Bühnenkante zurücktreten mussten. Inzwischen ist sie dabei, über einen weiteren Preis nachzudenken.

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Heike-Melba Fendel
Heike-Melba Fendel (Bild: Hilmar B. Traeger)

Ist das ein falscher Eindruck oder gibt es eine Inflation an Awards und Award-Shows?

Das ist kein Irrtum. Das hat sich in den letzten 15 bis 20 Jahren verzigfacht. Das hat mehrere Gründe. Eine Preisverleihung schafft einen Aufhänger für ein Event. Und da sich ja immer mehr Unternehmen emotional und auch mittels Prominenter positionieren wollen, sind Awards natürlich ideal. Sie sichert emotionale Momente, in der Regel prominente Laudatoren, und jemand, der einen Preis bekommt, kommt auch. Also schafft man ein emotionales promigespicktes Ereignis, das sich dann medial wieder gut ausschlachten lässt. Diese simple Mechanik entdecken immer mehr Unternehmen und Institutionen für sich. Insofern erklärt sich diese Inflation.

Ursprünglich waren Preisverleihungen ja dazu da, Leistungen anzuerkennen und zu loben. Diese Zeiten sind längst vorbei. Wenn man z.B. an den Deutschen Nachhaltigkeitspreis denkt, wo die Nachhaltigkeit und der Inhalt überhaupt nicht mehr zählen, sondern die Fotos auf dem roten Teppich vor der Veranstaltung.

Wir reden eigentlich über eine PR-Maßnahme im Gewand eines Events. Am Anfang liegt der rote Teppich aus, dazwischen gibt es irgendein Event und am Ende gibt es eine Berichterstattung vom Teppich. Das, was zwischen dem Ausrollen des roten Teppichs und den Bildern in der Zeitung liegt, ist eigentlich nur der Vorwand, der Aufhänger. Beim Blick auf den Bambi sieht man ja auch eine sehr spezifische Art Kategorien festzulegen – nämlich nach dem Motto: Wer kommt, nach dem wird der Award benannt. Dort ist der rote Teppich nicht mehr die handelsüblichen 100 Meter lang, sondern schlängelt sich endlos, von außen nach innen, durch Gänge vorbei an Sponsoren-Inseln und immer neuen Fotografenhorden, bis man irgendwann drin ist. Das hat etwas von einem Geburtstunnel. Man merkt, dass jedem Sponsor zu seinem Recht verholfen werden soll. Da wird das Prinzip „warum Event?“ deutlich.

Der Oscar ist ja inzwischen über 80 Jahre alt. Die Award-Shows folgen immer der gleichen Dramaturgie.

Es gibt im Grunde zwei Sorten. Das eine sind die Preisverleihungen mit Nominierungen, die versuchen, genau diese Emotionalisierung aufzubauen. Und dann die Verleihungen, bei denen schon vorher klar ist, wer den Preis bekommt und die Überreichung nur noch die Ehrerbietung darstellt, wie z.B. der Grimme-Preis. Hieran kann man übrigens diese Entwicklung sehr gut nachvollziehen: Das war früher der Preis, der unter Anwesenheit normaler Bürger verliehen wurde. Später ging man ins Rathaus und es gab bunte Luftballons und Gulasch. Lustig war’s! Und dann kam auch in Marl der rote Teppich. Zuerst noch klein und ein bisschen unbeholfen. Fernsehkultur auszuweisen und zu würdigen, ist immer noch Sinn und Zweck der Sache. Aber man hat jetzt mit Promis, die zusätzlich eingeladen werden, und einer ganz anderen Art von Pressearbeit einen Rahmen inszeniert. Diese Vermarktung steht diesen seltsamen Awards, die doch nur der Eitelkeit wegen vergeben werden, um nichts nach.

In der Medienwelt wird Prominenz mittlerweile immer weiter ausdifferenziert, auch in den bunten Blättern. Eine Bekleidungsindustrie möchte möglichst viele schöne Menschen auf roten Teppichen in ihren Sachen abfotografiert sehen. Es partizipieren immer mehr Industrien an der Sichtbarmachung der jeweiligen Produkte und das Event ist eigentlich nur der Aufhänger, um diese Aufmerksamkeiten für diese verschiedenen Produktpaletten zu generieren.

Man sieht das auch am Henri-Nannen-Preis. Es ist durchaus redlich, dass jede Branche für sich beschließt, die Besten zu ehren. Sich selbst als Branche zu feiern ist ja erst einmal gut, auch in Verbindung damit, jemanden ehren zu wollen. Aber es ist eben nicht mehr individuell auf das ausgerichtet, worum es geht. Ein Journalistenpreis ist etwas anderes als der GQ-Man-of-the-Year-Award. Man könnte denken, dass diese Preise, weil sie von ihrem Gegenstand so anders sind, auch in ihren Abläufen anders sind. Das ist jedoch nicht der Fall. Alle denken irgendwo an den Oscar. Der hessische Filmpreis wird in den Medien als Hessen-Oscar kolportiert. Überall der Oscar, Oscar, Oscar! Was natürlich ziemlich albern ist. Aber brauchen wir beim Journalistenpreis tatsächlich einen roten Teppich? Ich weiß nicht. Braucht ein Nachhaltigkeitspreis einen roten Teppich? Beim Deutschen Theaterpreis „Faust“ etwa, den wir vor zehn Jahren zum ersten Mal realisiert haben, war uns ganz klar, dass man diesen immer von den Preisträgern und Nominierten her denken muss. Normalerweise denken Preisstifter oder Veranstalter von Preisverleihungen immer: Was will ich? Was ist gut für mich? Wenn man es jedoch ernst meint mit dem, was man da auszeichnen will, muss man aus der Sicht der Leute, die man ehrt, denken. Beim Theaterpreis war uns daher sehr schnell klar, dass, wenn wir einen Award für Theaterschaffende machen, wir als Laudatoren Menschen haben müssen, die von den Preisträgern auch ernst genommen werden.

Da ist die Bunte nicht im Visier.

Genau. Wir haben einige Jahre lang einen Award für Ehrenamtliche im Kulturbereich in NRW gemacht, der dann im Zuge eines Regierungswechsels eingestellt wurde, wie das eben so ist. Den konnten wir – was immer toll ist – von Null auf entwickeln. Wir haben sehr lange überlegt, was diese Menschen, die ehrenamtlich Kinderbüchereien betreiben, Kirchenfenster restaurieren, mit Migranten Programme entwickeln – also Menschen, die Dutzende von Stunden aus Liebe und Glauben an eine kulturelle Sache umsonst investieren – toll fänden. In der Umsetzung haben wir dann zum einen den Preis „Der Dank“ genannt, weil das ja genau das zum Ausdruck bringen sollte. Das nächste war, dass die Politikerreden sehr klein gehalten werden sollten, und dass sie sich sehr intensiv mit den prämierten und auch nominierten Projekten beschäftigen. Und schließlich haben wir diese Menschen gefragt, welche Laudatoren sie selbst toll fänden. Für jeden ist ja jemand anderes ein Star. Unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche haben andere Ideen von Prominenz oder von dem, was sie stolz macht. Das war ein ganz herzlicher, diesen Menschen zugewandter Preis, der wahnsinnig gut funktioniert hat. Interessanterweise hat er auch für die Prominenten gut funktioniert, weil sie auf einmal gemerkt haben, dass sie nicht nur Schwenkfutter für irgendwelche bunten Blätter, sondern wirklich gewünscht sind. Das fand ich ein ideales Beispiel dafür, wie man einen Award beseelt.

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