Alina Gause im Gespräch

Interview: Die Psychologie der Event-Branche

Alina Gause ist Künstlerin – und Psychologin. Wer weiß also besser, wie man eine schlechte Produktion verarbeitet, man mit Lampenfieber umgeht oder sich selbst immer wieder zur Akquise motiviert? Ihren Rat holen daher auch immer mehr Vertreter aus der Event-Branche ein. EVENT PARTNER-Autorin Martina Gawenda traf Alina Gause anlässlich ihrer Lesung zu „Warum Künstler die glücklicheren Menschen sein könnten“ in der Alten Feuerwache in Köln.

Alina Gause
Alina Gause weiß seit ihrer Kindheit, was es heißt, auf der Bühne zu stehen.

Als Sängerin und Schauspielerin unter ihrem Mädchennamen Alina Lieske bekannt, weiß Alina Gause seit Kindertagen, was es heißt, auf der Bühne zu stehen, Serien und Filme zu drehen. Sie spielte im Maxim Gorki Theater, Theater des Westens und an der Neuköllner Oper, und fand irgendwann, dass künstlerischer Aufwand und Ertrag für sie in keinem Verhältnis zueinander standen. Also widmete Alina Gause sich ihren eigenen Texten und der eigenen Musik und brachte sie auf die Bühne. Nebenher studierte sie Psychologie und richtete in Berlin eine Anlaufstelle für Künstler ein, in der sie zwar psychologische Themen aber keine psychologischen Störungen behandelt. So etwas gab es noch nicht: Eine aktive Künstlerin, die Künstler psychologisch betreut. Ein Angebot, das sich mittlerweile auch bis in die Medien- und Event-Branche rumgesprochen hat.

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Frau Gause, Sie beraten Künstler im Spannungsfeld zwischen Beruf und Berufung. Die oft zitierte „zerrissene Künstlerseele“ gibt es also wirklich?

Ja und nein. Das, was sich die Leute im Allgemeinen darunter vorstellen, gibt es so gar nicht. Künstler starten mit ihrem Künstlerdasein eigentlich alle schon in der Kindheit; hier sind sie rein gar nicht zerrissen. Im Gegenteil: Sie haben ein Ventil gefunden. Dann beginnen sie eine Ausbildung, finden Bestätigung für ihr Talent – und treffen schließlich auf den Arbeitsmarkt. Dort beginnt die Zerreißprobe. Gerade im Filmbereich wird immer weniger und auch weniger aufwändig produziert. Heute wie noch vor zehn, zwanzig Jahren seine eigene Geschichte zu finden, ist viel schwieriger geworden. Gerade Anfänger richten sich daher immer mehr danach aus, was das Business von ihnen verlangt, und entfernen sich so von dem Ideal, mit dem sie gestartet haben. Das macht unglücklich. Jetzt stehen sie vor der Frage: Baue ich mir ein zweites Standbein für den Broterwerb auf und verwirkliche mich nebenbei? Oder akzeptiere ich ein Leben am Existenzminimum? Wo finde ich meinen Platz?

Und wie steht es um die innere Zerrissenheit, die gequälte Künstlerseele?

Jeder Künstler besitzt einen Antrieb, etwas sagen zu wollen, eine Geschichte zu erzählen. Dies wird vor allem bei Konflikten interessant, bei Problemen und inneren Nöten. Diese innere Bewegtheit bringen Künstler mit. Sie müssen emotionaler und empfänglicher für Konflikte sein. Die Folge ist nicht, dass sie zerrissener sind als andere Menschen, sondern sich dessen viel bewusster sind. Wenn Sie einen Künstler fragen, wann er das letzte Mal bitterlich geweint hat, wird er dazu etwas sagen können. Wenn Sie dies eine andere Person fragen, die nicht immer so nah an ihren Gefühlen dran ist, muss derjenige erst einmal in seinem Gedächtnis kramen, oder würde spontan sagen, es sei soweit alles in Ordnung. Dieses offen nach außen Gehen hinterlässt bei einem Gegenüber oft den Eindruck von „mein Gott, was ist denn bei dem alles los?“

Alina Gause solo unter ihrem Mädchennamen Alina Lieske mit Songs aus ihrem Programm Diva Berlin
Alina Gause solo unter ihrem Mädchennamen Alina Lieske mit Songs aus ihrem Programm Diva Berlin

Sind Künstler offener darin zuzugeben, dass sie Unterstützung bräuchten?

Nein, das ist sogar ein ganz großes Tabu. In unserer Gesellschaft ist es heute eigentlich weit verbreitet, dass man sich helfen lässt. Bei Künstlern besteht die Schwierigkeit, dass es niemand wissen darf. Das kann soweit gehen, dass meine Klienten und ich uns noch nicht einmal grüßen, wenn wir uns begegnen. Es gibt einige, die damit ganz offen umgehen. Aber da ich es mittlerweile auch mit bekannten Namen zu tun habe, kann demjenigen die Bekanntschaft mit mir alles ruinieren, sollten Gerüchte hochkommen, die Person sei eventuell nicht ganz stabil.
Im Beratungsgespräch selbst sind alle jedoch sehr offen, und extrem erstaunt, wenn ich ihnen sage, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Es haben bei mir auch schon Leute gesessen, von denen jeder glauben würde, sie müssten jeden Tag nur glücklich sein, daran gemessen, wie weit oben auf der Karriereleiter sie sich befinden – doch die haben die gleichen Probleme.

Seit kurzem haben Sie auch Kunden aus der Event-Branche. Wie kam es dazu?

Ich wurde immer wieder angesprochen: „Könnte ich nicht dazukommen? Ich bin aus der Medienbranche.“ – „Ich bin eine Führungskraft, aber die Problematik ist eigentlich auch meine.“ In Einzelgesprächen habe ich dann festgestellt, dass gerade Leute, die in verwandten Branchen arbeiten, in denen es um öffentliche Darstellung, Unterhaltung und Kreativität geht, sich von meinem Konzept sehr angesprochen fühlen. Ich glaube, sie erwarten zu Recht, dass ihnen nicht nach Schema F begegnet wird; dass ich eher mit kreativen Methoden arbeite und aus ihnen das heraushole, was in ihnen steckt. Und hier kommen wir zu dem zurück, was ich am Anfang meinte: Man findet die Verbindung zu sich selbst wieder, und merkt: Das bin ich, die hier etwas tut – und nicht: Ich tue nur, was mir gesagt wird. Man nimmt die eigene Person wieder wichtiger. Das ist es ja auch, was man Künstlern unterstellt und teilweise neidet: Dass sie sich selbst so wichtig nehmen. Das tut einem selbst gut, aber auch der Umwelt. Zum Beispiel tut es einem Team in einer Firma gut, wenn die Kollegen sehen, derjenige ist sich der eigenen Fähigkeiten bewusst und kann diese einbringen. Da die Fähigkeiten im Team häufig sehr unterschiedlich sind, wird es oft sehr lebendig.

Ist Ihr Konzept bei Kunden aus dem Event-Business ein anderes? Wie gestaltet sich Ihre Beratung?

Ich führe immer erst ein Telefonat, nach welchem ich beurteile, ob ich die Richtige bin, oder ob es andere Wege gibt, die für den Beratung Suchenden wahrscheinlicher zum Ziel führen. Doch meine Klienten suchen mich schon relativ gezielt aus. Sie wollen an ihrer Ausstrahlung und Präsentation arbeiten, an der Work-Life-Balance, oder eine Standortbestimmung machen. Die Themen sind teilweise andere, was aber ähnlich abläuft, ist, dass ich selbst eine Idee entwickeln muss, wo es hingeht. Diese Idee formulieren wir dann nochmals gemeinsam und suchen anschließend auf denjenigen zugeschnittene Methoden. Der Unterschied zu Künstlern ist derjenige, dass das Herangehen behutsamer ist. Künstler sind so daran gewöhnt, sich aufreißen zu müssen und aus sich herauszugehen, dass sie dies als selbstverständlich empfinden – so kann man nicht mit jemandem arbeiten, der an sachliche Kontexte gebunden ist.

Alina Gause
Alina Gause

Hätten Sie hier ein Beispiel?

Einmal war eine Person besonders stolz darauf, dass sie explizit fachlich spricht, und eigentlich auch nur dann, wenn sie etwas zu sagen hat. Das Problem dabei war, dass das Gesagte relativ trocken blieb. Ich gab ihr die Aufgabe, sich eine Zeit lang das „Heute-Journal“ und die „Tagesthemen“ anzuschauen und den Unterschied zwischen Anchorman und Nachrichtensprecher festzustellen. Beide sind fachlich und journalistisch genau, und trotzdem unterscheidet sie etwas. Man muss jedes Mal einen Weg finden, denjenigen dort abzuholen, wo er oder sie sagt, damit kann ich mich identifizieren.

Prinzipiell geht es immer um dasselbe: Ein Bewusstsein zu schaffen, wo die eigenen Stärken liegen, und wie man diese stärker einbringen bzw. ausleben kann, um mit der eigenen Arbeit glücklicher zu werden. Darum geht es sowohl bei Künstlern als auch bei Klienten aus der Event-Branche. Würde ein Außenstehender zuschauen, würde er jedoch bei dem einen Treffen zwei Leute sehen, die relativ bewegt aus sich herausgehen, und bei dem anderen eine etwas zurückgenommenere Situation.

Das klingt, als hätten alle Gespräche etwas Allgemeingültiges.

Ja, diesen Gedanken versuche ich gerade herauszuarbeiten. Ich bin der Ansicht, dass es auch für die Allgemeinheit interessant wäre zu erfahren, wie Künstler so ticken, gerade unter dem Aspekt, wie die Gesellschaft, Arbeitsbiografien, -plätze und -beschreibungen sich verändern. Gemäß dem Motto „Wie realisiere ich Träume?“ – „Wie vereine ich den Anfangsenthusiasmus mit der Realität, wenn die Enttäuschung des Lebens dazu kommt?“ Eigentlich geht es viel um Mut. Wie traue ich mich, Dinge in meinem Leben zu realisieren? Wie finde ich dafür die innere Rechtfertigung, und welche Mittel und Wege gibt es, diese Wünsche umzusetzen?

Gibt es in Ihrer Laufbahn als Psychologin eine Situation, an die sie sich ganz besonders gerne erinnern?

Einen Moment, den ich besonders anrührend fand, war, als ich mit einem Solisten eines Orchesters mit asiatischem Hintergrund gearbeitet habe. Die asiatische Kultur ist ja anders als unsere im Umgang mit Emotionen. Derjenige litt seit seinem dritten Semester an der Hochschule unter Lampenfieber. In einer Übung musste er gedanklich an den Moment zurückgehen, warum er überhaupt Musik macht. Als er da stand, und ihm die Tränen kamen, hat mich dies zutiefst berührt. In diesem Moment wurde mir klar, was es für ihn bedeutet, sich so zu zeigen. Diese Verbindung hat er mitgenommen. Nach dem Konzert, auf das wir ihn vorbereitet hatten, meldete er sich zurück, er hätte zum ersten Mal wieder Spaß am Spielen gehabt. Zuvor war er immer so von Angst besetzt gewesen, dass er die Musik schon gar nicht mehr gehört hatte. Jetzt wäre er rausgegangen und hätte die Ouvertüre gehört – und auf einmal auch, wie schön diese Musik überhaupt ist. Dabei war er so glücklich, ein Teil davon zu sein, rausgehen und spielen zu können. Ein anderer Klient hatte ein Projekt 25 Jahre lang in der Schublade. Er hatte zum einen nicht den Glauben, dass die Idee etwas wert sein könnte, und zum anderen fehlte ihm das Durchhaltevermögen. Sobald wieder starke Selbstzweifel kamen, wanderte das Projekt – ein Event – zurück in die Schublade. Wir haben ihn in wirklich mühsamer Arbeit aufgebaut, und irgendwann habe ich den Vorstoß gemacht und gesagt: Wir setzen jetzt einen Termin fest, an dem die Idee herausgeholt und präsentiert wird. Zu besagtem Event war ich dann auch eingeladen. Es war bewegend, an diesem Tag dazusitzen und zu sehen, wie ein Mensch 25 Jahre lang etwas vor sich hergeschoben hatte, und wie begeistert diese Idee aufgenommen wurde – und was dies wiederum mit ihm gemacht hat.

Herzlichen Dank für das Gespräch Alina Gause!

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