Arts-based Learning von Soft Skills

Soft Skills fürs Projektmanagement von Events erlernen

Wissen ist heute überall und jederzeit verfügbar. Soft Skills wie Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und Flexibilität dagegen können nicht von Algorithmen ersetzt werden. Ein besonderer Ansatz, diese Fähigkeiten zu vermitteln, wurde in einem Berliner Forschungsprojekt getestet.

Workshop „Führung verkörpern“ mit dem Choreograf Martin Stiefermann
Workshop „Führung verkörpern“ mit dem Choreograf Martin Stiefermann (Bild: Berit Sandberg)

Mit dem damals kontroversen Ausspruch „Jeder Mensch ist ein Künstler“ drückte der Zeichner, Bildhauer, Aktionskünstler und Kunsttheoretiker Joseph Beuys einst seine Überzeugung aus, dass jeder Mensch zur Kreativität imstande sei und über ihm eigene schöpferische Fähigkeiten verfüge. Auch wenn Beuys sich damit weniger auf die tatsächliche Berufskunst bezog, sondern vielmehr den Kunstbegriff auf jedes schöpferische Wirken erweiterte – sei es in der Medizin, im Recht oder der Wirtschaft –, so ist es doch ein schöner Gedanke, dass jedem und jeder von uns ein gewisses kreatives Potenzial innewohnt.

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An diese künstlerische Affinität knüpft ein neuer Fortbildungsansatz an, der in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin und der Beuth Hochschule für Technik in Berlin erprobt wurde: das sogenannte Arts-based Learning. Anstatt Wissen und Fähigkeiten kognitiv zu vermitteln, findet durch Materialien und Aktivitäten, die aus der bildenden oder darstellenden Kunst kommen, eine Auseinandersetzung mit allen Sinnen statt, durch die Sozial- und Persönlichkeitskompetenzen intensiver trainiert werden. Das vom Institut für angewandte Forschung in Berlin geförderte Forschungsprojekt „AL-Pro“ fokussierte sich dabei auf „Arts-based Learning von Soft Skills im Projektmanagement von Veranstaltungen“.

Prof. Dr. Berit Sandberg von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Prof. Dr. Berit Sandberg von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (Bild: Nikolas Fahlbusch)

Arbeitswelt setzt verstärkt auf Soft Skills

Soft Skills, also persönliche soziale Fähigkeiten und Eigenschaften, die unabhängig von fachlichen Kompetenzen sind, stehen nicht erst seit der Corona-Pandemie in der Arbeitswelt hoch im Kurs. Digitalisierung und Globalisierung bringen neue Herausforderungen und erhöhen die Geschwindigkeit und die Unsicherheit in der Wirtschaft. Der Umgang mit Unvorhersehbarem und mit kurzfristigen Veränderungen erfordert Fähigkeiten wie Selbstreflexion, Belastbarkeit, Flexibilität und kreatives Denken. Auch wenn diese Anforderungen in der seit jeher von Kurzfristigkeit und Unsicherheit geprägten Eventbranche nicht neu sind, sind sie für Einsteiger: innen wie Führungskräfte gleichermaßen relevant und bei Weitem nicht selbstverständlich vorhanden. Aufgrund ihrer Komplexität lassen sich solche Soft Skills allerdings am besten über persönliche Erfahrungen vermitteln.

Trotzdem werden Soft Skills selbst in der kreativen Eventbranche bislang meist durch kognitive Techniken, Erklärungen und Rollenspiele eingeübt. Von dieser kopflastigen Herangehensweise rückt das Projekt „AL-Pro“ ab und legt den Fokus stattdessen auf sinnliche Wahrnehmung und Körperlichkeit im Lernprozess. Dabei zieht es Inspiration aus einem Bereich, in dem die Herangehensweise an die Arbeit sich genau dadurch auszeichnet: die Künste. Denn mit der zunehmenden Unsicherheit, die die Wirtschaft aktuell vor neue Herausforderungen stellt, ist dieser Berufszweig schon lange vertraut. Die Fähigkeit zu schnellem Umdenken, kreativen Problemlösungen und guter Kommunikation sind für Künstler:innen selbstverständlich.

Ergebnisoffene Entwicklungsprozesse statt starrer Pläne

Kunstschaffende seien aber nicht die „kreativen Chaoten“, für die viele sie hielten, stellt Prof. Dr. Berit Sandberg von der HTW Berlin, die das Projekt gemeinsam mit ihren Kollegen Prof. Dr. Jochen Prümper sowie Prof. Thomas Sakschewski von der Beuth Hochschule leitet, im Gespräch klar. Künstler:innen müssten sich und ihre Arbeit ebenso diszipliniert organisieren wie andere Menschen auch. Ihre inhaltliche Herangehensweise an die Arbeit unterscheide sich aber wesentlich von der Angehöriger anderer Berufe: „Kunstschaffende haben eine sehr sensible Wahrnehmung und gehen ihre Arbeit viel intuitiver an.“ Während die Wirtschaft sehr stark auf langfristige Planung und Sicherheitsorientierung ausgelegt sei, sei die Arbeitsweise von Künstler: innen flexibel und ergebnisoffen. Prof. Sandberg beschreibt: „Am Anfang des künstlerischen Prozesses ist nicht klar, was am Ende genau herauskommt. Es gibt mehr Freiräume. Wenn sich ein Ansatz als nicht ergiebig herausstellt, ändert man eben die Richtung.“ Die Konzeption und Organisation von Veranstaltungen ist dieser Herangehensweise zwar näher als andere Bereiche der Wirtschaft. Doch auch hier geht es vorrangig um Planung und verkopfte Tätigkeiten und weniger um Intuition und echte Ergebnisoffenheit.

Diese Offenheit zu vermitteln, sei eines der Ziele der Arts-based Learning-Workshops im Forschungsprojekt „AL-Pro“ gewesen. Die starre Fokussierung der Wirtschaft auf Planbarkeit und berechenbare Verhaltensmuster sei in der sich schnell wandelnden heutigen Welt nicht mehr sinnvoll. Daher waren die Workshops vor allem darauf ausgelegt, den Teilnehmenden einen selbstbewussten produktiven Umgang mit Unsicherheit und Führungsqualitäten in dynamischen Umfeldern zu vermitteln.

Workshop „Führung verkörpern“ mit dem Choreograf Martin Stiefermann
Workshop „Führung verkörpern“ mit dem Choreograf Martin Stiefermann (Bild: Berit Sandberg)

Leadership mit dem ganzen Körper lernen

Hierfür wurden zwei Kunstgattungen eingesetzt: Das Thema Leadership wurde mit Methoden adressiert, die aus dem Tanz kommen. Über Körperhaltung und Bewegung lernten die Teilnehmenden, was es bedeutet, Führung nicht nur zu denken, sondern zu verkörpern. Mit Hilfe des Choreographen Martin Stiefermann (MS Schrittmacher) erarbeiteten sich die Teilnehmenden einfache Auftrittstechniken und trainierten nicht nur Bühnenpräsenz, sondern auch ihre Präsenz als Führungspersonen. Durch unterschiedliche Arten von Bewegung im Raum und in der Gruppe schärften sie ihre Wahrnehmungsfähigkeit sowie ihr Gespür für nonverbale Kommunikation und intuitives Teamwork. Dabei entstanden laut Prof. Sandberg innerhalb kürzester Zeit positive Dynamiken. Die nonverbale Interaktion habe dazu geführt, dass sich die Gruppe sehr schnell aufeinander eingestellt habe und in der Folge als starkes Team agierte.

Der zweite Ansatz hatte den Schwerpunkt, den Umgang mit Unsicherheit zu trainieren, und benutzte dafür Elemente aus der bildenden Kunst. Hier bestand die Forschungsfrage darin zu überprüfen, ob mit Hilfe der kunstbasierten Methoden die Teilnehmenden mehr Sicherheit gewinnen konnten als mit kognitiven Methoden. Unterstützt durch eine Web-App des Partners „PParts“ absolvierten die Teilnehmenden mehrere Lernschritte, reflektierten ihre Stärken anhand von Bildern und gestalteten schließlich gemeinsam eine kleine Installation. Obwohl das Projekt aufgrund der COVID-19-Pandemie kurzfristig im digitalen Raum stattfinden musste, konnte die bessere Vermittelbarkeit der Kompetenzen durch kunstbasiertes Lernen gegenüber der Vergleichsgruppe mit klassischem Workshop bestätigt werden.

Tiefgehende Auseinandersetzung statt simpler Handlungsanweisungen

Dazu wurden die Teilnehmenden jeweils vor und direkt nach den Workshops sowie nach weiteren sechs Wochen zu ihrem Erkenntnisgewinn und der Umsetzung des Erlernten befragt. Die Resonanz auf die Workshops war laut Prof. Sandberg sehr gut – auch wenn es zumindest im Projektteil der bildenden Kunst auch Aussteiger gab. Hierin liegt der Professorin zufolge auch der einzige „Nachteil“ des Arts-based Learning-Ansatzes: Die Teilnehmenden müssten für die ungewöhnlichen Konzepte grundsätzlich offen sein und dürften keine klassischen Methoden mit Anleitung, „Tools“ und Erfolgsgarantie erwarten. „Die kunstbasierten Methoden können herausfordernd sein. Auf dieses Neue muss man sich einlassen können“, betont Prof. Sandberg. Diese Bereitschaft findet sich vermutlich unter Eventschaffenden zumindest häufiger als in konventionelleren Wirtschaftszweigen, sodass der Ansatz sich für die Eventbranche besonders gut eignen dürfte.

Den großen Vorteil des Ansatzes sieht Prof. Sandberg in der intuitiven Herangehensweise. Durch die sinnliche und körperliche Erfahrung sei die Methode viel individueller und finde auf einer völlig anderen Ebene statt als klassische kognitive Konzepte. Dieser Zugang sorge für eine tiefere Verankerung des Erlernten, da alle Sinne beteiligt würden und die Teilnehmenden die Erfahrung nicht nur kopfgesteuert wahrnähmen. So eigne sich Artsbased Learning besonders gut für Soft Skills, doch auch die Vermittlung von Fachwissen sei denkbar.

Bilder von Jörg Reckhenrich wurden in den Workshops mit Methodik aus der bildenden Kunst zur Reflexion genutzt.
Bilder von Jörg Reckhenrich wurden in den Workshops mit Methodik aus der bildenden Kunst zur Reflexion genutzt. (Bild: Jörg Reckhenrich)

Entwicklung zugeschnittener Inhouse-Workshops möglich

Die positiven Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt stehen noch vor der Veröffentlichung, sind aber bereits jetzt für interessierte Unternehmen und Agenturen nutzbar. Unter dem Label „Art Hacking“ bietet Prof. Sandberg in Kooperation mit Künstler:innen selbst Inhouse-Workshops für verschiedene Unternehmensbereiche an, während das Partnerunternehmen des Forschungsprojekts, PParts, verschiedene Workshop-Lösungen mit Schwerpunkt in der bildenden Kunst durchführt.

Die Frage, ob man sich das Arts-based Learning-Konzept auch im Alltag durch eigene Übungen zu Nutze machen könne, verneint Prof. Sandberg jedoch: „Das Konzept liefert gerade keine ‚Tools, Tricks und Kniffe‘, die man auf die Schnelle mitnehmen kann. Die Auseinandersetzung ist so tiefgehend, dass es zumindest zu Beginn einen angeleiteten Workshop von mindestens ein bis zwei Tagen braucht, um in diese Erfahrung reinzukommen. Im Anschluss daran sind regelmäßige Auffrischungen und Vertiefungen durch kleine Einheiten sinnvoll.“

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Eine umfassende und gute Beschreibung der beiden Ansätze und ihrer Möglichkeiten – Haltung und Repertoire einzuüben und seiner Grenzen – anwendbare Tools zu vermitteln. Die künstlerische Praxis zeigt, dass die Erfahrung, einschließlich des produktiven Umgangs mit Scheitern (Künstler:innen zeihen häufig ihre besten kreativen Wendungen aus diesen Momenten), der entscheidende Faktor ist.

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