Interview

Nachhaltigkeit in der Eventbranche: Wie handeln Unternehmen?

Nachhaltigkeit gewinnt immer mehr Relevanz in der heutigen Eventbranche. Aber wie stellt man ein Unternehmen überhaupt nachhaltig auf und wie ist eine nachhaltige Unternehmensführung möglich? Welche Auswirkungen hat Nachhaltigkeit bei Ausschreibungen und Kundenanfragen? Wir haben mit drei Eventdienstleistern gesprochen.

Collage Jutta Kress, Karsten Richard, Michael Kiesewetter
(v.l.n.r.): Jutta Kress, Karsten Richard und Michael Kiesewetter (Bild: a boy called 7daysisaweekend, Angela Regenbrecht, Walbert-Schmitz)

Einen aktuellen kleinen Einblick in die Praxis, geben uns Jutta Kress, Managing Director Consulting der Agentur Elastique. GmbH, Karsten Ritter, Inhaber von RitterRichard Catering, sowie Michael Kiesewetter, Technischer Geschäftsführer und Messebauer der Walbert-Schmitz GmbH & Co. KG.

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1. Stellen Sie fest, dass sich die Anforderungen bei Anfragen/Ausschreibungen in Bezug auf Nachhaltigkeit für Eventdienstleister verändert haben? Wenn ja, inwiefern?

Jutta Kress: Definitiv. Früher wurde Nachhaltigkeit von Kunden häufig über die Wiederverwendbarkeit von Produkten definiert – egal ob digital oder baulich. Mittlerweile betrachten unsere Kunden das Thema ganzheitlicher und wollen von uns als Agentur wissen, wie wir in den Bereichen gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit aufgestellt sind und dafür Proof Points sehen. Aktuell begegnet uns häufiger die ISO 14001 Zertifizierung für Umweltmanagement, aber wir sind auch schon explizit zum Thema Nachhaltigkeit vom Kunden auditiert worden.

Karsten Richard: Die Anforderungen haben sich gewaltig geändert. Vor kurzer Zeit sind wir eine Partnerschaft mit dem SAP Data Space Berlin eingegangen. SAP hat die eigenen Ziele zur Klimaneutralität um zwei Jahre vorgezogen, auf 2023! Wir als Partner an der Seite eines solchen Unternehmens müssen da mithalten können. Das funktioniert aus unserer Sicht nur mit größtmöglicher Transparenz, die schon in der Konzeption sichtbar werden muss. Dabei helfen uns auch technische und digitale Lösungen, die von SAP umgesetzt und bereitgestellt werden – in den nächsten Monaten freuen wir uns z.B. auf die gemeinsame Umsetzung von Showcases im BITE Restaurant in der Rosenthaler Str. 38, die auch Nachhaltigkeitsthemen in den Fokus nehmen werden.

Michael Kiesewetter: Unser Unternehmen nimmt nur in geringem Maße an Ausschreibungen teil, dahingehend können wir nur bedingt eine Aussage machen. Das Thema wird auf Kundenseite noch sehr unterschiedlich betrachtet. Während Nachhaltigkeit bei der Umsetzung eines Events viel stärker berücksichtigt wird, gibt es doch noch einige Firmen, die das Thema weitestgehend ausblenden. Die Tendenz, es deutlich aktiver anzugehen, nimmt aber eindeutig zu. So arbeiten wir ganz bewusst gemeinsam mit einigen unserer Kunden an ökologischeren Lösungen. Teilweise wird hier nach möglichen Zertifikaten o.ä. nachgefragt bzw. Auskünfte zum Umgang des Unternehmens mit dem Thema Nachhaltigkeit erfragt.

2. Welche Maßnahmen wurden/werden ergriffen, um das Unternehmen auf nachhaltige Unternehmensführung auszurichten?

Kress: Ökostrom, Jobräder, faire Arbeitsbedingungen, Jobsharing im Management – Nachhaltigkeit war bei uns schon immer ein Thema. Allerdings war uns bis zu dem Kundenaudit nicht bewusst, dass wir unser Handeln auch für Partner sichtbar und messbar machen müssen. Wir haben uns daher mit 2bdifferent einen Partner gesucht, der mit uns ein eigenes Nachhaltigkeitsprogramm aufbauen kann.

Richard: Da muss ich etwas weiter ausholen. Die Pandemie hat mir die Chance gegeben mein Unternehmen komplett neu aufzustellen. Seit nun zwei Jahren arbeite ich gemeinsam mit meinem Coach, Joachim Mühlheims, an meinem Unternehmen unter Berücksichtigung des Wahrnehmungsmodells. Es basiert auf den Bedürfnissen meiner Mitarbeiter:innen, unserer Kunden und auch meine Sichtweise und Vorzüge werden berücksichtigt. Es ist mein täglicher Kompass für geschäftliche Entscheidungen, ganz klar wertebasiert. Das war schon immer in mir, auch als reiner Event-Caterer waren wir schon immer besonders. Jetzt habe ich aber mehr darüber gelernt und setze das Gelernte bewusst ein. Das ist für mich die nachhaltigste Form der Ausrichtung. Bestätigung finden wir dabei auch im aktuellen Audit für Berlin Sustainable Meeting Partners.

Kiesewetter: Nachhaltig zu denken und zu handeln, hat seit jeher für uns einen hohen Stellenwert. Es ist aber nicht zu verhehlen, dass gerade die Berücksichtigung der ökologischen Aspekte stärker in der Vordergrund gerückt werden muss. Dies ist nur mit der Einbindung der Belegschaft und der Zulieferer möglich. Nur wenn das Thema von allen Beteiligten verinnerlicht und gelebt wird, kann es zu einer dauerhaften Veränderung kommen. Ständiger Austausch ist somit wichtig, um den Themen der Umwelt, Wirtschaft und der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Im Rahmen einer Zertifizierung und der regelmäßigen Teilnahme an einem externen Bewertungsprozess durch EcoVadis wollen wir unser Handeln auf den Prüfstand stellen.


Der Nachweis nachhaltiger Wertschöpfungsprozesse in der Lieferkette rückt für Eventdienstleister weiter in den Fokus. Immer häufiger werden Unternehmen bei Anfragen dazu aufgefordert, ihre Nachhaltigkeitsbestrebungen zu untermauern und ihre Nachhaltigkeits-Performance im eigenen Geschäftsbetrieb aufzuzeigen. Wir erklären, was dabei zu beachten ist.

>> Hier geht es zum Supplier Check in Sachen Nachhaltigkeit.


3. Wie wirken sich diese Maßnahmen aus? Positiv/negativ? Und konnten dadurch z. B. Aufträge gewonnen bzw. Anfragen überhaupt erst bearbeitet werden?

Kress: Eine gute Nachhaltigkeitsperformance wird in immer mehr Ausschreibungen vorausgesetzt und ermöglicht uns in der Zukunft vielleicht den Zugang zu neuen Branchen und Kunden. Aber ganz abgesehen von Zertifikaten war es uns schon immer wichtig, in möglichst vielen Bereichen unserer Arbeit Stück für Stück immer nachhaltiger zu agieren und zu arbeiten.

Richard: Ich freue mich sehr darüber, dass wir Mitarbeiter:innen haben, die nun mein WARUM kennen und andersherum genauso – ich kenne und verstehe die Motivation und Bedürfnisse von ihnen. So können wir uns bestmöglich gegenseitig in der Erreichung unterstützen. In Bezug auf unsere Kunden kann ich sagen, dass ich derzeit einige Anfragen ablehne oder an Kolleg:innen weiterempfehle, weil diese nicht mehr zu uns passen. Aus Gastgebersicht tut mir das sehr weh und es ist auch bei weitem nicht so, dass wir keinen Umsatz brauchen. Ich möchte aber einfach nicht da weitermachen, wo wir vor der Pandemie waren. Wahr ist aber auch: Wir gehen damit auch immer noch ein hohes Risiko! Wir hatten extreme Lohnsteigerungen, obwohl wir auch vorher gute Gehälter zahlten und ein attraktiver Arbeitgeber waren. Ich sehe daher die Nachhaltigkeitsmodelle stets als 360°-Modell zwischen Kunde, Mitarbeiter, Umwelt und Inhaber.

Kiesewetter: Das Sensibilisieren aller Beteiligten ist unseres Erachtens der Weg zum Erfolg. Hier muss jeden Tag aufs Neue an der Veränderung gearbeitet werden. Wir müssen alle vom Erkennen und Verstehen ins Handeln und Umsetzen kommen. Hier sollte der pragmatische Ansatz nicht verloren gehen. Wir merken schon, dass unsere Grundsätze und Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit neue Unternehmen ansprechen und zumindest ein Öffner in der Kommunikation sind. Klar ist, dass die fehlende Auseinandersetzung mit der Thematik, das Ausblenden, unweigerlich in die Sackgasse führt.

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