Ausstellungen: Tomi Ungerer und Helmut Newton

Wie sich Corporate Art einprägt: Let´s misbehave!

Diese Tage ist viel von Jan Böhmermann die Rede. Dabei gibt es Künstler, die schon lange alles andere als brav sind, und das obwohl sie auch Corporate Art gemacht haben. Tomi Ungerer und Helmut Newton sind gerade durch aktuelle Ausstellungen in Deutschland erneut geadelt worden und es zeigt sich, dass Frechheit keine Angelegenheit des 21. Jahrhunderts ist.

Helmut Newton, French Vogue, Melbourne, 1973
Helmut Newton, French Vogue, Melbourne, 1973 (Bild: Helmut Newton Estate )

Ob Tomi Ungerer für das französische Dosengemüse Bonduelle oder Helmut Newton für die Strumpfhosenmacher von Wolford oder den neuen VW Käfer, beide haben Geschichte geschrieben. Das Museum Folkwang in Essen und das Museum für Fotografie in Berlin haben gerade zwei Ausstellungen beendet, die uns allen klarmachen, wie man Geschichten auch erzählen kann. Dabei ist es beiden Fotografen immer wieder gelungen, Aufmerksamkeit zu schaffen und ihre Botschaften wie auch die ihrer Kunden nachhaltig loszuwerden. Auf diese Weise sind sie berühmt geworden, aber ihre Auftraggeber haben durch die große Aufmerksamkeit ebenfalls profitiert. Die Live-Kommunikation, die sich noch viel zu oft an braven Showbühnenkonzepten und adaptierten TV- und Party-Formaten orientiert, könnte durch mehr Mut und ein wenig mehr Frechheit durchaus belebt werden. Newton wie Ungerer waren aber keine bloßen Provokateure, sondern großartige Künstler, die immer wussten, was sie taten. Ungerer wie Newton sind seit mehr als drei Jahrzehnten Ehrenmitglieder des Art Directors Club für Deutschland.

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Beide haben das Sehen neu erfunden. Das lag auch daran, dass sie großartige Handwerker waren oder sind. Aber dies ist es nicht alleine. Das Undenkbare machen beide sichtbar und es gelingt ihnen dadurch, ihre Betrachter immer wieder zu überraschen. Und das wollen wir doch alle, überrascht werden. Beiden ging es nie um Konfektionsware oder Konventionen. Über Tabus haben sie sich gerne hinweggesetzt und Tomi Ungerer tut das mit fast 85 Jahren auch heute noch. Dabei hat er eine kindische Freude am Scherz, die ihn wohl jung gehalten hat. Helmut Newton, der eigentlich Helmut Neustädter hieß und als Jude Deutschland gegen Australien hin verlassen musste, war auch immer zu Experimenten bereit. Weshalb also artig sein?

Wie man Geschichten auch erzählen kann…
Die Feministin Alice Schwarzer hatte sich beide zum Lieblingsziel auserkoren. Absurderweise unterstellte sie ausgerechnet dem Juden Newton Herrenmenschen-Nazi-Ästhetik. Dabei war der gar nicht von Leni Riefenstahl geprägt, sondern von seiner jüdischen Lehrmeisterin, der Akt- und Modefotografin Else Ernestine Neuländer-Simon alias Yva, die 1942 im KZ Sobibor ermordet wurde. Unweit des Kurfürstendamms machte Newton seine Lehre.

Tomi Ungerer, Pride and Prejudice, 2012, Sammlung Philipp Keel
Tomi Ungerer, Pride and Prejudice, 2012, Sammlung Philipp Keel (Bild: Tomi Ungerer Collection )

Der frühe Tomi Ungerer arbeitete in den USA. Plakate für Monterey Pop oder „Dr. Seltsam“ machten ihn bekannt, ebenso wie seine unkonventionellen Kinderbücher. Schweinchen waren seine ersten Protagonisten. Sein „Geheimes Skizzenbuch“ und „The Party“ nahm sich die New Yorker Schickeria schonungslos vor. Der erste Skandal war da. Ungerer wurde vom FBI observiert, und die Kinderbücher wurden verboten. „Das Kamasutra für Frösche“ ist eines seiner Meisterwerke. Inzwischen ist Ungerer ziemlich unumstritten und hat in der Elsässischen Heimat Straßburg sein eigenes Museum. Newton hat es in Berlin – direkt am Bahnhof Zoo – auch zu einem Museum gebracht.

Das Folkwang in Essen zeigte bis Mitte Mai „Incognito“, frühe wie späte Plakate und Collagen von Tomi Ungerer. Die Newton-Stiftung präsentierte die „Pages from the Glossies“, seine eigenwilligen Bildgeschichten für die Crème de la Crème der großen Modezeitschriften. Beide Ausstellungen sind in ausführlich schönen Katalogen (in den Hausverlagen Diogens bzw. bei Taschen) noch für jede(n) nachzuverfolgen. Das Musée Tomi Ungerer wie die Newton-Stiftung im Museum für Fotografie machen beider Schaffen ständig in wechselnden Ausstellungen zugänglich.

Kontroverse Bildästhetik: Pelze inmitten eines Luftangriffs
Für Tomi Ungerer ist eines klar: „Ein Plakat muss den Betrachter treffen wie ein Faustschlag.“ Entsprechend eindeutig ist der bekennende Erotiker auch. Dabei – so der Meister – muss sich der Künstler einfach ausdrücken. Der Abgrund ist Abenteuer: „Das Absurde hilft uns, die Realität in die richtige Perspektive zu rücken.“ Sein Gehstock trägt eine Fahrradklingel. Konventionsware ist nicht zu erwarten. Vor dem Hakenkreuz stehen die Erdmännchen in einer der neuen Collagen Spalier. Für das Kriegskind Tomi und den leidenschaftlichen Europäer ist der Neofaschismus die größte Sorge. Die „Revolution des Vergebens“ kennen solche Schurken nicht. Das Orakel Ungerer gibt mir seine Botschaften gerne mit auf den Weg: „Das Gute kann viel vom Bösen lernen!“ Für solche Erkenntnisse muss man ein Künstlerleben gelebt haben: „Let’s misbehave!“

Helmut Newton hat, wie man in Berlin sehen kann, den Punk schon 1973 vorweg – genommen. 1963 hat er für die French Vogue Mode mit Mata Hari erzählt. Das männliche Pendant gab es als Bond-Story (damals noch kein Kult) im gleichen Jahr schon für das Magazin Adam. Jeanne Moreau wurde 1964 zur frechen Femme de Chambre. Damals noch opportune Pelze zeigte er in der Vogue inmitten eines Luftangriffs (– eine Anspielung auf Lee Miller, die zufälligerweise auch gerade in Berlin gezeigt wird?). Models spiegeln sich dreidimensional mit ihresgleichen als Schaufensterpuppen. Newton selbst sieht man im Wandspiegel mit Kamera. Werk, Schöpfer und Werkzeug werden eins. Newton war der Meister der Inszenierung. Nicht nur der schönen, auch der der Biester. Sein Sujet übersetzte er genial in Geschichten. Er lässt die Baronesse rückwärts in den Pool fallen und friert den Moment vor dem Eintauchen ein. Genau den. Nein. Es geht nicht um Bademode, sondern um Abendkleider! Für die Bademode braucht er einen Weltraumbahnhof. Mit Yves Saint Laurent geht er für die French Vogue 1973 gleich ins Bett. Und die Frau in der Badewanne muss sich selbige mit lebendigen Goldfischen (Vogues Hommes 1975) teilen.

Ungerer wie Newton haben den Duft der Freiheit wie das Salz der Verderbtheit ins korrekte 21. Jahrhundert gerettet. Nehmen wir uns ein Beispiel daran! Das Berliner Foto Museum zeigt aktuell und bis zum 20. November 2016 Newtons „Yellow Press“. Newton interessierte sich auch für Paparazzi-Bilder, für Polizei-Fotografie oder Kriminalgeschichten. Von denen ließ er sich gerne inspirieren. Ach ja, und Ungerers Straßburg ist auch immer eine Reise wert.

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