Ein offenes Ohr haben

Notfallseelsorge auf Events: Auch die Psyche kann leiden

Was hat Seelsorge mit Sicherheit zu tun? Und warum sollten sich Veranstalter von Großevents Gedanken über die Einrichtung einer psychosozialen Anlaufstelle machen – obwohl dies gesetzlich nicht vorgeschrieben ist? EVENT PARTNER begab sich auf Spurensuche.

„Gott am Ring“ bei Rock am Ring
„Gott am Ring“ bei Rock am Ring (Bild: Privat)

Ohne Sicherheitskonzept geht nichts mehr bei Großveranstaltungen. Minutiös sind darin Aufgaben, Zuständigkeiten und viele Szenarien festgeschrieben. Nicht Gegenstand solcher Konzepte – jedenfalls nicht obligatorisch – ist laut einer Sprecherin des Innenministeriums NRW die Bereitstellung einer psychosozialen Notfallseelsorge. Obschon sich dies bei vielen Events als hilfreich erwiesen hat.

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Lediglich im Rahmen des Katastrophenschutzes wird im „Konzept für den Sanitäts- und Betreuungsdienst des Landes Nordrhein-Westfalen“ Bezug zum Thema genommen, wenn auch nicht wörtlich. Dies sieht aber zumindest eine „soziale Betreuung, kurz PSNV“ vor, für „besonders hilfsbedürftige Personen“, ebenso die Einrichtung von Aufenthalts- und Ruheräumen. Dem Personalschlüssel nach sind für einen „Betreuungsplatz von rund 500 Personen“ sechs Gruppenführer sowie 27 Helfer vorgesehen, die vom Deutschen Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund, der Johanniter-Unfall-Hilfe und dem Malteser-Hilfsdienst gestellt werden.

Seelsorge auf dem Festival(Bild: Privat)

Der Einsatz von Notfallseelsorgern ist nicht zwingend

Soweit die Theorie für den Notfall. Der Einsatz von Seelsorgern bei Großveranstaltungen kann aber schon im Rahmen von Pop-Konzerten oder Stadtfesten vonnöten sein. Hier regelt das jeweilige kommunale Ordnungsamt, was im Vorfeld und während einer solchen Veranstaltung zu tun ist. Jan Welzel, Ordnungsdezernent der Stadt Solingen, 162.000 Einwohner, gibt zu bedenken, dass „Veranstalter heute bereits viele Standards einhalten“ müssten und sie „gerade bei Großveranstaltungen ein nicht unerhebliches Kostenrisiko“ trügen. Insofern sei, jedenfalls bisher, der Einsatz von eigens dafür abgestellten Notfallseelsorgern nicht zwingend. „In Solingen haben wir hierfür allerdings unter dem Dach der evangelischen und katholischen Kirche ein System einer professionellen Notfallseelsorge mit überkonfessioneller ehrenamtlicher Unterstützung für diverse Notlagen geschaffen“, so der Beigeordnete. „Seit dem Jahr 2017 sind in dieses System auch muslimische Notfallseelsorger integriert, so dass der Bereitschaftsdienst in Solingen nun 34 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 22 ausgebildete ehrenamtliche Helfer umfasst.“

Jan Welzel, Ordnungsdezernent der Stadt Solingen
Jan Welzel, Ordnungsdezernent der Stadt Solingen (Bild: Privat)

Insgesamt wurden diese im vergangenen Jahr zu 83 Einsätze gerufen, zumeist im Zusammenhang mit Todesfällen. Die Erfahrungen, die mit diesem System gemacht wurden, wertet Jan Welzel als durchweg positiv: „In Notlagen ist eine fachlich kompetente Seelsorge immer sehr schnell vor Ort. Und wir konnten auch schon über die Grenzen der Stadt hinaus helfen, unter anderem im Rahmen der Loveparade 2010 in Duisburg.“ Auch, als im Mai 2018 dem Brandanschlag auf das Wohnhaus der Familie Genç gedacht wurde, der sich zum 25. Mal jährte, und sowohl der türkische als auch der deutsche Außenminister nach Solingen kamen, sorgte die Stadt vor, indem sich Notfallseelsorger in Bereitschaft hielten, zum Glück ohne dass tatsächlich ein Einsatz nötig wurde.

Festival
Nicht nur der Körper, auch die Psyche kann auf einem Großevent Schaden nehmen und will betreut werden. (Bild: Privat)

Jan Welzel ist das Thema wichtig: „Die Erfahrung zeigt, dass bei großen Unglücksfällen sowohl Angehörige als auch Helfer seelisch bei der Bewältigung dieser Ereignisse unterstützt werden müssen. In früheren Jahren hat man die Menschen damit alleine gelassen. Das hat sich grundlegend gewandelt.“ Und er sieht ein gestiegenes Bedürfnis nach dieser Art der Unterstützung: „Betroffene Menschen sind heute eher bereit, sich seelsorgerische Hilfe zu holen.“

Räume anbieten, die entschleunigen

Das kann auch Ulrike Johanns, die bis vor kurzem rund 20 Jahre Pfarrerin am Frankfurter Flughafen war, nur bestätigen: „Ich habe Menschen in vielen unterschiedlichen Notfallsituationen erlebt. Sie brauchen jemanden, der sie in ihrer besonderen Situation wahrnimmt, für sie da ist und zuhört.” Deshalb appelliert sie an Veranstalter, sich mehr Gedanken zu machen über Rückzugsräume: „Krisensituationen reißen Menschen den sicheren Boden unter den Füßen weg, sie werden wie ein inneres Chaos erlebt. Deshalb sind ruhige Räume für die Betroffenen eine Wohltat. Hier können eigene innere Ressourcen belebt werden, die Halt geben.“ Insofern seien Veranstalter von Großevents gut beraten, wenn sie Räume anböten, die entschleunigen, und dies auch für Besucher gut sichtbar machten.

Pfarrerin Ulrike Johanns hat 30 Jahre lang am Frankfurter Flughafen gearbeitet.
Pfarrerin Ulrike Johanns hat 30 Jahre lang am Frankfurter Flughafen gearbeitet. (Bild: Dagmar Brunk)

Genau das macht Philipp Hein: Seit zwei Jahren stellen er und sein Team von Ehrenamtlichen der Pfarreiengemeinschaft Niederehe bei Trier beim Musik-Happening „Rock am Ring“ auf dem Nürburgring einen Anlaufpunkt, ein Zelt, das weithin sichtbar unter dem Motto „Gott am Ring“ steht. „Wir bieten damit einen Raum an, wo Menschen mit ihren Fragen, Problemen und Bedürfnissen ernst genommen werden. Wir sind offen für alle, wir wollen nicht missionieren“, so der Gemeindereferent. Einige Besucher, so berichtet er, kommen aus Neugier, wollen wissen: Was macht Kirche hier auf dem Rockfestival? Was wird in dem Zelt angeboten? Ebenso lockt eine „Bevor ich sterbe, möchte ich“-Wand Interessierte an.

Gemeindereferent Philipp Hein aus der Pfarreiengemeinschaft Niederehe
Gemeindereferent Philipp Hein aus der Pfarreiengemeinschaft Niederehe (Bild: Pfarreiengemeinschaft Niederehe)

Manche Konzertbesucher werden aber auch durch den Rettungsdienst oder Ordner ins Zelt gebracht, so Philipp Hein. „Ein Jugendlicher etwa musste im Krankenhaus versorgt werden. Er trampte zum Festivalgelände auf eigene Faust zurück, hatte aber außer einer kurzen Hose, einem Arztbrief und seiner Versicherungskarte nichts bei sich. Außerdem wusste er nicht mehr, wo sein Zeltplatz war. Ein Gewitter zog auf, also haben wir ihn für die Nacht bei uns aufgenommen und uns am nächsten Tag gemeinsam auf die Suche nach seinen Leuten und seinem Zelt gemacht. Ein anderer junger Mann kam zu uns, weil er gerade erfahren hatte, dass sein Großvater gestorben war. Seine Freunde wollte er mit seiner Trauer nicht belasten und war froh, auf offene Ohren zu stoßen.“ Einen Ort der Ruhe inmitten hektischen Treibens, das suchte auch eine Security-Mitarbeiterin, berichtet Philipp Hein: „Nach ihrer Schicht saß sie einfach nur bei uns im Zelt, beobachtete eine Zeit lang eine Kerze und berichtete, dass dies ein wichtiger Moment gewesen sei, um runterzukommen.“

Im Worst Case greift der Notfallplan der Kommunen

Sven Hansen vom Heidelberger Unternehmen „Event Safety Consult“ erstellt im Auftrag von Unternehmen und Gemeinden Sicherheitskonzepte, etwa für die Nibelungen-Festspiele Worms, den diesjährigen Rheinland-Pfalz-Tag in Worms und bereits seit 2010 für den „Time Warp“ in Mannheim. Immer nach dem Motto seines Unternehmens: „Risiken frühzeitig erkennen und minimieren.“ Über den Einsatz von Seelsorgern musste er sich im Rahmen seiner Arbeit bisher allerdings noch nie konkret Gedanken machen, gibt er zu. „Wir müssen dem Anlass gemäß planen“, erklärt er, „für eine ausreichende Anzahl von Sanitätern ist da natürlich immer gesorgt, aber Seelsorger, das ist auch eine Kostenfrage für Veranstalter, und man muss ernsthaft fragen: Wie oft passiert etwas, dass das rechtfertigt?!“

Sven Hansen von Event Safety Consult
Sven Hansen von Event Safety Consult (Bild: Event Safety Consult)

Wenn der Worst Case tatsächlich einträfe, so Sven Hansen, greife schließlich der Notfallplan der Kommunen. Dennoch sieht er, der u.a. Beiratsmitglied der Deutschen Prüfstelle für Veranstaltungstechnik ist und sich auch als Prüfungsausschussmitglied für die Weiterbildung „Fachmeister für Veranstaltungssicherheit“ (TÜV/DPVT) engagiert, die Fragestellung als interessant an: „Man muss sicherlich genau hingucken: Wer ist das Zielpublikum der Großveranstaltung? Geht es dabei etwa hauptsächlich um Jugendliche, wäre der prophylaktische Einsatz von Seelsorgern sicherlich ein Punkt, den man ansprechen kann.“ Wohlgemerkt „kann“, nicht muss, denn noch hat der Gesetzgeber keine Richtlinien dafür vorgegeben.

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