Roland Lambrette im Interview

Gestaltung ist nichts für Ja-Sager: Roland Lambrette im Interview

Suchbewegungen und eine unstillbare Neugier treiben Roland Lambrette an. Er ist Professor für temporäre Architektur, ein Pionier der Kommunikation im Raum, Erfinder interaktiver Veranstaltungsformate. Seine Leidenschaft gilt der Vermittlung und Übersetzung sozialer, politischer und vor allem auch naturwissenschaftlicher und technologischer Themen, die er miteinander verknüpft. Heute ist er Rektor der Hochschule für Künste in Bremen (HfK).

Roland Lambrette
Vom Roadie zum Kreativen zum Dozenten: Roland Lambrette (Bild: Hilmar B. Traeger)

In Schülertagen waren es R&B, der „Summer of Love“ mit dessen psychodelischer Musik, die Konzerte und Shows in den 1970ern, die ihn auf seine Reise geschickt haben: Vom neugierigen Bastler zum Gründer von Atelier Markgraph zum Rektor einer der agilsten Kunst- und Gestaltungs-Hochschulen des Landes. Begonnen hat er als Roadie auf Konzerttourneen – unter anderem bei Jimi Hendrix. Lightshows, Theater, Event-Design, Ausstellungen und Messe-Auftritte kamen hinzu. Mit Rolf Engel, Meinhard Hutschenreuther und Christoph Meyer gründete er in den 1980ern das Atelier Markgraph. Kunden aus der Industrie wie Mercedes-Benz kamen vor dreißig Jahren hinzu und blieben. Kaum zu glauben.

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Inzwischen ist Atelier Markgraph – vielfach und international ausgezeichnet – längst selbst zur Marke geworden. So gilt der regelmäßige große Auftritt auf der IAA als ein Benchmark der Branche. Ausstellungen, Inszenierungen und ihre Expertise in der ‚Kommunikation im Raum’ haben die Agentur berühmt gemacht. Die Zusammenarbeit der Frankfurter mit Künstlern wie Brian Eno, Peter Gabriel oder Fura dels Baus haben die Projekte des Ateliers nachhaltig beeinflusst. Roland Lambrette hat sich inzwischen aus der Geschäftsführung von Atelier Markgraph zurückgezogen, berät Museen und Unternehmen und gibt sein Wissen und seine Haltung an die nächste Generation von Gestaltern an der HfK Bremen weiter.

Wie sind Sie Designer geworden und weshalb haben Sie sich für Design als Lebensaufgabe entschieden?

Das war zu keiner Zeit eine bewusste Entscheidung. Ich bin in einer auch politisch sehr aktiven, geradezu revoltierenden Zeit aufgewachsen. Alles in Frage zu stellen, das hat mich geprägt. Um das auszudrücken, haben wir alle Mittel der Kommunikation genutzt, die wir irgendwie auftreiben konnten. Vom Wachsmatrizendrucker über Siebdruck auf dem Tisch in Mutters Küche bis zum selbstgebauten illegalen Radiosender. Wir haben Plakate, Flugblätter, Banner für Hausfassaden gestaltet und dabei gelernt, wie Kommunikation funktioniert, wie Menschen und wie die Öffentlichkeit wahrnehmen.

Temporäre, wandelbarer Werkraum: Viessmann auf der DMY Berlin 2016.
Temporäre, wandelbarer Werkraum: Viessmann auf der DMY Berlin 2016. (Bild: Atelier Markgraf)

Bereits als Schüler kam ich in Kontakt zu Lippmann + Rau. Die hatten ihr Büro gleich neben unserem Gymnasium. Das war die Konzertagentur schlechthin, die Musiker und Bands nach Deutschland und nach Europa brachte, die bei uns noch kaum jemand live gesehen hatte.

Ich bin damals einfach rüber zu Fritz Rau gegangen und hab gefragt, ob ich nicht irgendwie helfen könnte. Ich durfte Plakate aufhängen und zu den GIs in die amerikanischen Clubs fahren. Dort habe ich sagenhafte Musiker gesehen. Später wurde ich Roadie und Stage Manager, so hieß das damals. Der Job bestand daraus, drei Marshall-Verstärker und vier Mikrofone aufzustellen. Ich kam dafür mit Bands und Bühnen in Verbindung, mit Hallen, mit dem großem Publikum. Ein Maßstabssprung. Einer der Jobs war Stagemanager für die Lightshow von Joshua White, eine echt große amerikanische Lightshow. Die haben ein mehrstöckiges Baugerüst aufgebaut und mit fast fünfzig Projektoren eine riesige Rück-Pro gemacht. Mit Filmprojektoren, Overheads, den berühmten Kodak-Carousel-Projektoren, Lampen, allem, was irgendwie Licht reflektiert oder projiziert hat. Zehn Leute an den Geräten gemeinsam in Aktion – eine visuelle Band. Das hat mich total fasziniert, und ich habe sofort selbst angefangen, Diaprojektoren und Filmprojektoren zusammen zu schnorren. Mit Freunden habe ich eine Lightshow aufgebaut und wir sind damit in Stadien gegangen, haben mit Amon Düül und Psychedelic-Formationen wie Soul Caravan und anderen Lightshows gemacht. Das war aus dem Stand heraus erfolgreich, weil es für all die anderen genauso sensationell neu war wie für uns selbst.

Das war ja auch eine spannende Zeit …

Klar, gleichzeitig war Häuserkampf im Frankfurter Westend, Opposition und Pop-Kultur waren damals eins. Rainer Werner Fassbinder wurde in Frankfurt Intendant am TAT und hatte irgendwas von uns gesehen. Wir wurden angefragt, Theaterplakate und Programmhefte zu machen. Plötzlich hing unser Zeug in der ganzen Stadt. Der Name Fassbinder hatte eine starke Aura, war brisant und provokativ. Wir haben für ihn erst Grafik und später auch bei der Filmausstattung mitgemacht.

Wir haben uns sehr viele Techniken als Autodidakten selbst beigebracht und wurden mehr und mehr gefragt, auch von Agenturen, die diese neuen visuellen Möglichkeiten dann natürlich auch für sich entdeckten. Wir wurden zum Grafikatelier und saßen zufällig in der Markgrafenstraße. Und zack gab’s das Atelier Markgraph.

Das Jahr in San Francisco hat mir dann den Trickfilm und die Animation erschlossen. Dort standen dem Wissbegierigen viele Türen offen. Da konnte man einfach reinmarschieren, helfen, mitmachen und lernen.

Interdisziplinäres Arbeiten – das ergab sich einfach aus dem Flow der Projekte. Die Lust am Suchen nach dem noch nie Dagewesenen hat mich immer tiefer einsteigen lassen. Das sollte sich bis heute nicht ändern. Ich wollte immer alles auch technisch bis ins Letzte verstehen und nicht nur Excel-Tabellen und Orga-Pläne verwalten.

Ist das wirklich noch so, oder ist es nicht heute so, dass alles durchgeplant wird, dass das Experiment doch ein Stück zurückgetreten ist?

Das Experiment ist letztlich der Weg zur Qualität. Aber dafür braucht es das Vertrauen zwischen Gestaltern und Auftraggebern, gemeinsam den Kreationsprozess durchzustehen. Atelier Markgraph hat sich dieses Vertrauen erworben, dadurch dass das Ergebnis erfahrungsgemäß schlussendlich gut wird. Das ist ein unglaublicher Vorschuss, der nur von Auftraggebern gegeben werden kann, die selbst auf der Suche sind.  Gestaltung ist eine riskante Sache. Vielleicht ist das Ergebnis anders, als das, was bei einer Wettbewerbsabgabe oder Vorstandsabnahme vor einem halben Jahr gesehen und genehmigt wurde. Es wäre ja im Grunde absurd, wenn tolle Leute über lange Zeit an einem Projekt arbeiten, und sich dabei nichts weiterentwickeln würde. Gestalter müssen den Ehrgeiz haben und die Zeit nutzen, um mehr aus einer Idee, mehr aus einem Projekt und mehr aus dem Budget herauszuholen. Das geht nur mit Leidenschaft und Begeisterung und nicht allein mit Job-Abarbeiten und Prozess-Optimierung.

Ein Rendering zum Beispiel in der Architektur, mit dem ein Wettbewerb gewonnen wird, simuliert ein Endergebnis. Aber natürlich beginnt der eigentliche gestalterische Prozess erst nach Auftragserteilung. Wenn dann alle Angst haben, das Rendering zu verlassen, wird im Grunde die Skizze zum finalen Produkt gemacht und eingefroren. Das tut weh. Aber genau dies geschieht heute in vielen gestalterischen Projekten. Dabei finden doch alle das Experimentieren toll. Die Chance anders zu sein als die anderen. Dazu braucht es Mut auf allen Seiten. Angst und Risikoscheu sind in Entscheidungsstrukturen im gleichen Maße gewachsen wie die Qualität der Programme, die Ergebnisse visualisieren können. Ein echtes Dilemma.

Secret World Tour: Peter Gabriel 1994.
Secret World Tour: Peter Gabriel 1994. (Bild: Atelier Markgraf)

Der neue „Mut zum Scheitern“ ist die Rückkehr des Experiments als legitime und notwendige Methode. Aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass das zu Grunde liegende Wertesystem nicht in Frage gestellt wird. Eine radikale Infragestellung, eine wirklich neue Haltung, die unsere Gesellschaft, unsere Kultur und unser Planet brauchen, ist mit „Mut zum Scheitern“ nicht gemeint.

Haben es Gestalter heute schwerer? Die Vorgaben werden detaillierter. Ist da noch genug Raum für Entwicklungsprozesse und was passiert, wenn man sich stur an die Vorgaben hält?

Gestalter müssen die Vorgabe in Frage stellen. Das halten viele Leute, die in Hierarchien eingebunden sind, schwer aus. Die politische Kultur des Infragestellens ist einer Art Großer Koalition im Kopf gewichen. Kompromiss, Mittelweg und Effizienz-Denken stehen dagegen. Wenn Gestalter etwas hinterfragen und nicht gleich ja sagen, entsteht eine Diskussion, die Zeit kostet. Und diese Zeit senkt auf den ersten Blick die Effizienz eines Prozesses. Man macht sich schnell zum Ja-Sager, wenn man dieses Spiel so mitspielt. Wir dürfen unsere kritische Kultur nicht der Effizienz, dem neoliberalen Wettbewerbsdenken um das billigste und willfährigste Angebot opfern. Das würde letztendlich einen großen Qualitätsverlust bedeuten. Und letztendlich würden wir uns selbst als Gestalter überflüssig machen.

Design ist ja irgendwo Schwester der Kunst, und damit kommt ja doch ein Stück Unberechenbarkeit ins Spiel?

Design und Kunst sind fundamental unterschiedliche Herangehensweisen. Aber Unberechenbarkeit ist ein wichtiges Stichwort. Das Unberechenbare muss man geradezu herauszufordern, um eben Dinge zu ermöglichen, die nicht quantifizierbar sind, die sich nicht in ein Zahlenkorsett pressen lassen, die auf keine Excel-Tabelle passen. Das Unerwartete ist der Schlüssel zu Aufmerksamkeit, zu Alleinstellung und Respekt.

Deswegen ist es nur logisch, dass sich die Kriterien für Kommunikation ständig verschieben. Auch wir haben daran mitgewirkt, dass sich Perfektion und Aufwand für die Bühnen des Marketings in den Himmel geschraubt haben. Inzwischen können wir sehen, dass diese Formen der Überwältigung und Verblüffung durch Gewöhnung stumpf geworden sind. Bombastische Auftritte werden heute eher mit einem Gähnen quittiert und Materialschlachten als Ideenmangel wahrgenommen. Für Gestalter eröffnen sich jetzt neue Perspektiven, für die eigentlichen Kommunikations- und Dialogaufgaben neue, intelligente Formate wie beispielsweise spezifische Conventions zu entwickeln oder Medien wie Augmented Reality einzusetzen, die die Face-to-Face-Beziehung mit den einzelnen Besuchern auf eine neue Ebene heben. Sie sehen, auch hier geht es wieder um Suchbewegungen und Experimente.

Ich bin auch sehr glücklich, dass die Übergabe von Atelier Markgraph an die nächste Generation überraschend gut gelungen ist. Für mich als Gründer ging es ums Loslassen. Eine schwierige Übung, wenn ein Unternehmen so tief aus den eigenen Leidenschaften heraus entstanden, mit Freundschaften verbunden und mit langen Vertrauensvorschüssen der Kunden versehen ist. Unsere Nachfolger – Stefan Weil und Lars Uwe Bleher und natürlich das große, vielfältige Team bei AM –  sind auf Augenhöhe mit ihren Partnern auf Kundenseite und führen diese Haltung der Suchbewegungen und Experimente auf höchsten Niveau fort.

Sie arbeiten immer noch interdisziplinär?

Wir haben hier an der Hochschule für Künste in Bremen Freie Kunst, Integriertes Design, Digitale Medien und Musik als Studiengänge. Als agile und experimentierfreudige Hochschule wollen wir mit unserem Programm alle ansprechen, die eine interdisziplinäre Kompetenz erwerben wollen. Basis dafür ist natürlich auf dem eigenen Gebiet eine exzellente Befähigung zu erwerben. Die Hochschule stiftet dazu an, zugleich auch die anderen Disziplinen so weit kennenzulernen, dass man über den eigenen Tellerrand hinaus sehen, denken, konzipieren und arbeiten kann.

Diese generalistisch-orientierte Ausbildung zu entwickeln und zu verteidigen, finde ich die tollste Aufgabe überhaupt. Ich persönlich habe erfahren, welche Kontinente sich durch interdisziplinäres Arbeiten beruflich und persönlich erschließen. In Zeiten einer Verschulung des Lernens ist es großartig, dass uns die Freie und Hansestadt Bremen diese Spielräume gibt.

Wir können in Bremen Studierenden Bedingungen schaffen, um eine eigene Position zu finden gegenüber der Gesellschaft, gegenüber den Notwendigkeiten des Planeten, gegenüber dem Markt, so wie er funktioniert.

Mercedes Benz IAA 2015
Mercedes Benz IAA 2015 (Bild: Atelier Markgraf)

Und wir sitzen im Hafen, also an einer Schnittstelle zur Welt. Von hier aus sind die Schiffe in die Welt hinausgefahren oder aus aller Welt hier angelandet. Diese Weltoffenheit ist im Herzen der Stadt verankert. Um die Ecke finden wir Forschungsinstitute, die Klimaforschung und Meeresforschung betreiben. Hier werden die Navigationssatelliten konstruiert, hier wird die oberste Stufe der Ariane gebaut. Diese Verknüpfungen mit Wissenschaft und Technologie, dem Blick aufs Ganze, bereichert um unsere künstlerische und gestalterische Perspektive ergibt die einmalige für Bremen typische Mischung.

Das meiste, was Sie gemacht haben, war temporär und nicht für die Ewigkeit. Hat Sie das nie frustriert?

Alles ist letztlich temporär. Wir schaffen Beiträge zur Wahrnehmung der Welt, Konzepte für das gesellschaftliche Zusammenleben, künstlerische und musikalische Auseinandersetzungen. Kein Produkt, kein Smartphone, keine App, kein Print-Produkt, kein Raum an dem nicht GestalterInnen und KünstlerInnen beteiligt sind. Es geht um verantwortbare Beiträge zur kulturellen Entwicklung. Es geht darum, Sichtweisen zu verändern und Handlungen zu motivieren.

Nur ein Beispiel um den Gedanken zu illustrieren: Mit der Sky-Arena 2006, das soll jetzt nicht anmaßend klingen, haben wir dem Verhältnis der Frankfurter zu ihrer Stadt einen Ruck gegeben. Die Glaspaläste der Macht, die eindeutig nichts mit der Bevölkerung zu tun haben und sich in einem ganz wörtlichen Sinne über das Volk erheben, wurden mit dem Thema Fußball vereinnahmt. Das war so etwas wie eine visuelle Hausbesetzung.

Die Skyline wandelte sich plötzlich in ‚unsere’ Skyline, und war nicht mehr die der Banken allein. Wir konnten sie mit unseren Themen bespielen. Das hat das Selbstbewusstsein der Stadt gehoben, das seit dem Krieg schwer angeschlagen war. Das ist ein wirklich nachhaltiger Effekt einer temporären Fassadenprojektion.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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