Entwurf eines positiven Sicherheitsbegriffs

Awareness auf Festivals

Sicherheit wird bislang negativ betrachtet! In ihrer prämierten Masterarbeit definiert Teresa Hähn jedoch einen alternativen positiven Sicherheitsbegriff, der die Bedürfnisse des Publikums in den Fokus rückt. Methoden von Awareness-Arbeit sollen hier neue Herangehensweisen ermöglichen.

Menschen stehen Arm in Arm

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Sowohl in der Veranstaltungssicherheit als auch in der Betrachtung des Sicherheitsbegriffs im Allgemeinen ist bislang eine negative Definition üblich. Sicherheit wird über die Abwesenheit von Risiken, Gefahren und Verbrechen konstruiert. Dadurch werden viele Faktoren vernachlässigt, die für Unsicherheit bei Besucher:innen sorgen können. In dieser Arbeit wird die Definition eines alternativen positiven Sicherheitsbegriffs gewagt, der die Bedürfnisse der Besucher:innen in den Fokus rückt. Die Methoden von Awareness-Arbeit werden analysiert, um neue Herangehensweisen für den Bereich der Veranstaltungssicherheit zu ermöglichen.

Zum Zwecke der Sicherheit existieren im Veranstaltungsbereich unzählige Verordnungen, Richtlinien und Maßnahmenkataloge. Doch nicht immer gelingt es, durch Methoden der Veranstaltungssicherheit – etwa Brandschutz, Fluchtwegeplanung und den Einsatz von Sicherheitskräften, welche Gefahren entgegenwirken sollen – zu bewerkstelligen, dass die Besucher:innen sich tatsächlich sicher fühlen. Oft lösen unübersichtliche Situationen direkt vor der Bühne, der Gang zur Toilette oder sogar das Sicherheitspersonal selbst Ängste und Unwohlsein aus. Denn nicht nur eine schlecht geplante Infrastruktur, auch zwischenmenschlicher Kontakt birgt zahlreiche Gefahren für das Publikum von Veranstaltungen. Grenzüberschreitungen und diskriminierende Erfahrungen – die Hand am Hintern auf der Tanzfläche, unangenehme Gespräche auf der Toilette oder die gewaltvolle Konfrontation mit rassistischen Vorurteilen durch Securities – entziehen sich häufig der Sichtbarkeit der Veranstaltenden und kommen nur in seltenen Fällen, dafür aber meist in Verbindung mit viel negativer Aufmerksamkeit für die jeweilige Veranstaltung, ans Tageslicht. Dabei sind sie ein zentraler Grund, warum Gäste sich auf einer Veranstaltung nicht wohl fühlen, diese gar nicht erst besuchen oder sie im schlimmsten Fall verletzt und traumatisiert wieder verlassen.

Der Begriff Awareness: Unsicherheit abbauen

Unter dem Begriff „Awareness“ existieren präventive und reaktive Konzepte für den Umgang mit dieser Art von Unsicherheitsgefühl, die auf Veranstaltungen ebenso wie andere Sicherheitskonzepte umgesetzt werden können. Dadurch können Grenzüberschreitungen und diskriminierendes Verhalten verhindert und Unterstützung für Betroffene im eigenen Verantwortungsbereich angeboten werden. Die Prävention von und der Umgang mit grenzüberschreitenden Situationen und diskriminierendem Verhalten ist in besonderem Maße herausfordernd für Veranstaltende, da nicht nur die individuellen Umstände ihrer Veranstaltung eine Rolle spielen, sondern jeder einzelne Gast individuelle persönliche Grenzen und Bedürfnisse besitzt, auf die im Ernstfall eingegangen können werden sollte. Weil ebendiese Grenzen so unterschiedlich verlaufen und eine Überschreitung – beabsichtigt oder nicht – nie ganz ausgeschlossen werden kann, wird im Bereich Awareness niemals von sicheren Räumen, sondern nur von sichereren Räumen – auch Safer Spaces – gesprochen.

Inwiefern eignen sich herkömmliche negative Definitionen von Sicherheit für die Umsetzung solcher Maßnahmen vor dem Hintergrund einer kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und struktureller Gewalt? Ein Blick auf unterschiedliche Konzepte aus dem Bereich Awareness, die sich in den vergangenen Jahren bereits auf subkulturellen Veranstaltungen, vor allem in linksalternativen Szenen, etabliert haben, bietet Anknüpfungspunkte für die Entwicklung von Präventions- und Unterstützungskonzepten in anderen Formaten. Die Analyse existierender Konzepte führt zu einer neuen positiven Definition von Sicherheit:

Sicherheit beschreibt das subjektive Gefühl, dass die individuellen Grenzen respektiert und gewahrt werden und Menschen kollektiv Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen übernehmen. Es existieren die Voraussetzungen, um diese Sicherheit, Selbstbestimmtheit und Handlungsfähigkeit im Falle einer Grenzüberschreitung wiederherzustellen.

Durch diese Definition wird sowohl die Notwendigkeit für präventive Maßnahmen als auch für reaktive bzw. interventive Konzepte deutlich. Es lohnt ein genauerer Blick auf die oben genannte kollektive Verantwortungsübernahme, eine durch von rassistischer Polizeigewalt betroffenen POC-Communities entwickelte Methode zum Umgang mit häuslicher Gewalt, die ebenfalls als Grundlage für Awareness-Konzepte auf Veranstaltungen dient. Indem es Veranstaltenden gelingt, die Besucher:innen in ihr Sicherheitskonzept einzubinden, sie für Grenzüberschreitungen, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung zu sensibilisieren und eine Atmosphäre gegenseitiger Rücksicht- und Verantwortungsübernahme zu kreieren, kann die Wahrscheinlichkeit für Übergriffe und unangenehme Situation bereits im Vorfeld gesenkt werden. Wenn grenzüberschreitendes Verhalten stattfindet, fühlt sich auch das Publikum verantwortlich zu intervenieren, indem sie das Verhalten der ausübenden Person erkennen, offen ablehnen und der betroffenen Person Unterstützung anbieten.

In der Veranstaltungspraxis sollte daran die Arbeit eines durch die Veranstaltenden bereitgestellten Awareness-Teams anschließen, welches im Sinne der betroffenen Personen professionelle Unterstützungsarbeit leistet. Dies steht dem regulären Einsatzbereich des Sicherheitsdienstes diametral gegenüber, weshalb Sicherheitsdienst und Awareness-Team unbedingt als zwei separate Gewerke betrachtet werden sollten.

Ein Awareness-Team einsetzen

In der Arbeit des Awareness-Teams liegt der Fokus auf der betroffenen Person und ihren Bedürfnissen anstatt auf der gewaltausübenden Person, wie das beim Sicherheitsdienst der Fall ist. Das Awareness-Team sorgt dafür, dass die betroffene Person die Veranstaltung nicht verlassen muss, um sich wieder sicherer zu fühlen, während der Sicherheitsdienst den Täter verwarnt, weiter im Blick behält oder sogar der Fläche verweist. Dazu wird ein Rückzugsort bereitgestellt, in dem ein geschützter Platz zum Ausruhen, kräftigende Snacks, warme Getränke und ein aufmerksames Ohr angeboten werden. Das geschulte Awareness-Team übernimmt mit dieser Unterstützung Betroffener eine Aufgabe, die im Veranstaltungsbetrieb des Mainstreams aktuell oft gar nicht oder durch häufig selbst überforderte oder alkoholisierte Freund:innen übernommen wird. Dadurch wird an einer Veränderung gesellschaftlicher Realität zugunsten betroffener Personen mitgewirkt.

Gleichzeitig hängt die erfolgreiche Umsetzung eines Awareness-Konzepts niemals allein am Awareness-Team, sondern ebenso an allen anderen Gewerken vom Booking und Marketing über den Sicherheitsdienst und das Barpersonal bis hin zur Durchführung. Denn nur wenn alle Beteiligten ausreichend geschult sind, die betroffenenzentrierte Haltung, auf der Awareness beruht, verinnerlicht haben und das Vorgehen in kritischen Situationen im Voraus gut geplant wurde, können wirklich sicherere Räume geschaffen werden.

Awareness Holzklötze(Bild: Shutterstock / Kunst Bilder)

Ziel: Kritische Situationen vorab vermeiden

Ziel eines erfolgreichen Awareness-Konzepts im Sinne eines positiven Sicherheitsbegriffs ist es also, dass kritische Situationen vorab vermieden werden, ein geteiltes Verständnis für Grenzüberschreitungen existiert, aber zugleich auf die Veranstaltung zugeschnittene Konzepte für den Umgang mit solchen Situationen vorhanden und mit dem gesamten Team kommuniziert sind.

Dass Awareness-Arbeit eigene Fallstricke mit sich bringt und wie diese vermeidbar sind, wird anhand der Untersuchung von beispielhaften Fällen wie „Monis Rache“ deutlich. Das Festival erweckte 2020 viel Aufmerksamkeit, als voyeuristische Aufnahmen, ohne Zustimmung der Betroffenen auf dortigen Festivaltoiletten gedreht, öffentlich wurden. Auch wenn Vorfälle wie diese nicht immer vermeidbar sind, so kann doch durch die Einnahme einer betroffenenzentrierten Haltung ein Umgang mit der sexualisierten Gewalt gefunden werden, der die Bedürfnisse der betroffenen Personen als Ausgangspunkt für weiteres Handeln nimmt. Stattdessen hatte das Festival die Vorfälle vor den Betroffenen geheim gehalten, den Täter, der aus dem Team kam, geschützt und über die Köpfe der Betroffenen hinweg Entscheidungen getroffen und so die erfahrene Gewalt reproduziert.

Aus der Analyse mehrerer Interviews mit Awareness-Expert:innen und Veranstaltenden anschließend ergibt sich eine universelle, also nicht von den Umständen einzelner Veranstaltungen abhängige, operative Definition von Awareness:

Awareness im Veranstaltungsbereich bezeichnet die Kollektivierung von Verantwortungsübernahme und die Professionalisierung von Präventions- und Unterstützungsarbeit.

Die Kollektivierung der Verantwortungsübernahme bezieht sich hierbei auf die Entwicklung eines gemeinsamen Wertekodex und Konzepts, welches sowohl organisationsintern als auch -extern kommuniziert und immer wieder mit dem tatsächlichen Handeln und sich verändernden Ansprüchen abgeglichen werden muss, um alle Beteiligten – sowohl Team-seitig als auch das Publikum betreffend – aktiv einzubinden. Die Professionalisierung von Präventions- und Unterstützungsarbeit erforderter konkrete Maßnahmen durch Schulungen, Handlungsleitfäden und Personalergänzungen, um in allen Gewerken, vom Booking bis zur Gastronomie, ein diskriminierungssensibles Handeln und das Wissen zum Umgang mit grenzüberschreitenden Situationen zu etablieren.

9 Ansätze zur erfolgreichen Umsetzung

Neun¹ zentrale Ansätze sichern die erfolgreiche Umsetzung von Awareness-Konzepten:

    1. Konsens als zentrales Konzept für gegenseitiges Einverständnis bei jeder zwischenmenschlichen Handlung,
    2. die Definitionsmacht der betroffenen Person über die Situation,
    3. die Parteilichkeit für die Betroffenen,
    4. diverse Repräsentation in allen Bereichen,
    5.  die Reflexion der eigenen Positioniertheit sowohl der Einzelpersonen als auch der Organisation im Ganzen,
    6. der vertrauliche Umgang mit den Situationen, um Betroffene zu schützen,
    7. die Sichtbarkeit des Awareness-Konzepts,
    8. die Erreichbarkeit der Maßnahmen bzw. des Awareness-Teams,
    9. die Entlastung der Personen, die Awareness leisten oder damit in Kontakt kommen und die Bereitstellung eines Rückzugsorts, der einen sichereren Raum als der Rest der Fläche darstellt.

¹ Die ursprünglichen sieben Konzepte wurden nachträglich um Konsens und Vertraulichkeit erweitert

Paradigmenwechsel in der Veranstaltungssicherheit

Indem die Definitionen und Konzepte auf existierende Kampagnen im Bereich Antidiskriminierung oder Abbau von sexualisierter Gewalt angewendet werden, lassen sich Stärken und Schwächen analysieren. Die vorliegende Masterarbeit transferiert theoretische Grundlagen in die Veranstaltungspraxis und ergänzt die akademische Forschung um ein in der Praxis bereits seit Jahren erprobtes Feld. Auf diese Weise beinhaltet der Text sowohl ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der Sicherheitsforschung und Veranstaltungssicherheit, ein wissenschaftliches Nachschlagewerk als auch einen handlungspraktischen Leitfaden zur Anwendung auf der eigenen Veranstaltung.


Bewertung der Jury:

Die für den VFSG Student Award eingereichten Abschlussarbeiten wurden von einer interdisziplinären Jury von sechs Personen aus Wissenschaft, Veranstaltungspraxis und Privatwirtschaft bewertet. Teresa Hähn erhielt die Auszeichnung für die beste Masterarbeit:

Frau Hähn greift mit ihrer innovativen Arbeit ein gesellschaftspolitisch sehr relevantes Problem auf und beleuchtet dieses im Kontext von Veranstaltungen. Diskriminierung ist gerade auch auf Veranstaltungen allgegenwärtig und die (Sicherheits-)Perspektive der Besucher:innen in den Vordergrund zu stellen, ist ein wichtiger Beitrag dieser explorativen Arbeit. Methodisch setzt Frau Hähn auf eine Kombination aus Diskursanalyse und leitfadengestützten Interviews, deren Auswertung sich an qualitativer Inhaltsanalyse und Grounded Theory orientiert. Die Arbeit macht schlussendlich deutlich, dass die Sicherheit auf Veranstaltungen durch geeignete Awareness-Konzepte um eine zentrale Dimension erweitert werden kann und somit die üblichen Sicherheitskonzepte sinnvoll ergänzt.


Über die Autorin:

Teresa Hähn
Teresa Hähn (Bild: Janine Oswald)

Teresa Hähn absolvierte 2020 ihren Master of Arts in Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg. In ihrer Masterarbeit verband sie Inhalte ihres Studiums mit praktischen Erfahrungen aus mehreren Jahren Festivalproduktion. Heute ist Teresa Hähn als freiberufliche Produktionsleitung für Kunst, Festival und freie Szene tätig und engagiert sich im Vorstand und als Bildungsreferentin beim Act Aware e.V. Durch Workshops, Fortbildung und Beratung von Veranstaltenden arbeitet sie am Abbau von Diskriminierung und dem Aufbau von Awareness-Strukturen in Veranstaltungskontexten.


Hinweis der Redaktion:

Der Artikel basiert auf Literatur und Quellen, die in der vollständigen Bachelorarbeit einzusehen sind und deren explizite Nenung für die Veröffentlichung im Magazin vernachlässigt wurde.

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