Abgesang auf die Berliner Volksbühne

Abschied ist überall oder wie eine Marke verschwindet

Diese Kolumne hat in 15 Jahren ihres Bestehens sowohl die Randbereiche als auch den Kern von Events, Live-Kommunikation und Inszenierung beleuchtet. Mit dieser Ausgabe ist Schluss. Schluss ist auch in Berlin mit der Volksbühne, die wir als Hotspot der Inszenierungskunst immer wieder besucht haben. Zumindest Schluss ist mit der Volksbühne, wie man sie seit mehr als 25 Jahren kannte.

Aufkleber von der Volksbühne Berlin
Mit der Volksbühne, wie man sie die letzten 25 Jahre kannte, ist Schluss… (Bild: Andreas Schäfer)

Castorf, Marthaler, Schlingensief oder René Pollesch haben uns Freude bereitet, weil sie immer nicht nur auf der Höhe der Zeit waren, sondern Avantgarde. Lenore Blievernicht und der wie Schlingensief viel zu früh verstorbene Bert Neumann haben das äußere Erscheinungsbild der Volksbühne geprägt (im letzten Fall auch das Innerste). Das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird nicht mehr das sein, was es war: eine Marke. Es wird eine Marke gewesen sein. Es ist die Marke unter allen deutschsprachigen Theatern, der es gelang, sich in den Neunzigern und in diesem neuen Jahrtausend zu manifestieren und dabei seine vielgestaltige, mehr als hundert Jahre alte Geschichte weiterzuerzählen. Wenn Edward Snowdon „From Moscow with Love“ zum Dialog gefordert wird, passiert das dort am Rosa-Luxemburg-Platz. Hausherr Castorf bestimmte den seit der Wende antikapitalistischen Kurs der steten Verneinung. Das unmissverständliche Nein hatte er schon den grauen realsozialistischen Herren und blaugelockten Damen der SED künstlerisch entgegengerotzt. Mit ihm durfte sich dann ein Marthaler entschleunigen, ein Schliengensief schleudern und ein René Pollesch das Erzähltempo gnadenlos anziehen. Der Bogen reichte von Ost nach West. Zuletzt bis Wildwest. Die „Endstation Amerika“ wurde längst überholt, ohne sie einzuholen.

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Bei Pollesch wird im ständig ausverkauften Haus Diskurs geplappert, dass einem Hören und Sehen vergeht. Mit „Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat“ beginnt eine Serie, in der man nichts oder alles versteht. Die tatortgestählten Ausnahmeschauspieler Martin Wuttke, Milan Peschel und der glänzend mithaltende (Next Generation) Trystan Pütter reflektieren, was das Zeug hält. In roter Westernganzkörperunterwäsche und mit unverwechselbaren Stetsons landen „Die drei Amigos“ ständig im falschen Stück. Ein wenig „Hang Over“ ist mit von der Partie, wenn man durch die Gegenwart hechelt. Vorsicht vor dem Tiger im Badezimmer. Ein Theater, das Illusionen zu prächtigen Seifenblasen aufpustet und dann immer wieder abknallt. Keiner schießt schneller als Lucky Luke; keiner schießt die Pointen schneller ab als René Pollesch. Auch nicht sein eigener Schatten.

Mit Pollesch sind wir just und mitten im Auge des gelungen Marketing-Hurrikans der Volksbühne gelandet: Der Volksbühne ist es immer wieder gelungen mit neuen Werken zu überraschen, ohne die Erwartungen ihrer Kunden zu enttäuschen. Sie hat eine exzellente Harmonie zwischen Unternehmen, Produkt und den Stakeholdern aufbauen und über Jahrzehnte aufrechterhalten können. Eine Harmonie, welche nicht eine einzige andere deutschsprachige Bühne so konsequent hinbekommen hat. Alle wussten, worum es ging, nämlich um alles!

Sturm der Verachtung für Kulturstaatssekretär Tim Renner
Das führte zur großen Solidarisierungswelle von Publikum und Mitarbeitern, als der unglückliche Tim Renner seine gut gemeinte Nachfolgeentscheidung für die Intendanz der Volksbühne traf. Er traf daneben und erntete den größten Berliner Skandal seit dem Bau der Mauer oder dem des Flughafens. Er erntete einen Sturm der Verachtung. Er hätte es sich, der Volksbühne, dem Publikum, Berlin und Theaterdeutschland einfacher machen können, denn die Ära Castorf würde irgendwann auch einmal biologisch enden. Und mit René Pollesch gab es einen hervorragend prädestinierten Juniorchef, den die Schauspieler lieben. René Pollesch wurde nicht einmal vom Berliner Kulturstaatssekretär gefragt.

Bert Neumann ist nicht mehr zu befragen. Der ist tot. Leider und viel zu früh. Zu Anfang des Jahres 2001 habe ich ihn für EVENT PARTNER (Ausgabe 1.01) ausführlich dazu interviewen können, wie ein Bühnenbildner erfolgreich Werbung macht. Das war noch vor den glorreichen Dostojewskijahren, die die Volksbühne zum in aller Welt gefragten Theater hochkatapultierten. Neumann hat auf das Geheimnis gesetzt und nicht auf den Servicegedanken. Er war auch kein Dienstleister, sondern ein Künstler. Einer der nicht schreiben konnte und sich deshalb andere Bahnen schlug. Es war das Selbstgemachte, das im Hochglanzwerbehimmel aus dem Rahmen fiel und deshalb auffiel. Und es war verbunden mit der Fähigkeit, sich selbst immer neu zu erfinden, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu verlassen. Mut zu haben, auch anzuecken.

Neumann und LSD haben auf die Volksbühne als Rebellen gesetzt und immer eine Outsider-Geschichte erzählt. Diese hat v. a. deshalb so glorreich funktioniert, weil Protagonist (Castorf war schon in der DDR ein Partisan), Unternehmen, die Story und die Stakeholder alle die gleiche authentische Geschichte nicht nur erzählt, sondern gelebt haben. Die Volksbühne war eine immer geöffnete Tankstelle der unbestechlichen Kunst und des Eigensinns. Das war sie in jeglicher Erscheinung bis hin zur Typographie. Selten gibt es eine größere Harmonie zwischen Marketing und Wirklichkeit. Am Rosa-Luxemburg-Platz wurde nichts nur so behauptet oder gar gelogen. Wenn es Lügen oder Behauptungen waren, dann waren das erstklassige künstlerische Behauptungen und Lügen. Und äußerst raffiniert. Man darf bei aller Authentizität nicht vergessen, auch Theater ist das Handwerk der Illusion!

Castorf ist in der Volksbühne 1992 mit dem Grundsatz angetreten, in fünf Jahren tot oder weltberühmt zu sein. Letzteres hat er geschafft. Das wird ihm keiner mehr nehmen. Auch kein Tim Renner. Stimmen wir mit den drei Amigos ein: yippieyeah! Das war‘s.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hey Andreas,
    danke für die lange Wegbegleitung mit Deiner immer geistreichen Kolumne. Sie war immer gern gelesene “Pflichtlektüre” – abseits des mainstreams. Fehlt schon jetzt!
    Alles Gute
    Stefan Rössle

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