Der Bauch der Architekten

Mehr Verantwortung gegenüber Kunden

Deutschlands berühmtester Kunstberater Helge Achenbach sitzt im Knast. Die Grundlage für den Casus sind angeblich überhöhte Rechnungen für verkaufte Ware aktueller Künstler an Milliardäre. Aber wie bemisst man gerechtfertigte Preise in solchen Fällen? Oder was ist auch für Kreativleistungen angemessen? Und wie sieht es überhaupt mit Verantwortung aus?

Die Arena da Amazônia in Manaus
Die Arena da Amazônia in Manaus (Bild: © jZamith)

Die Spekulation mit Kunst lohnt sich immer noch. Trotz absurd hoher Preise. Damien Hirst oder Jeff Koons mit ihren sauber polierten Oberflächen sind sehr begehrt bei den Reichsten dieser Welt. Das vagabundierende Kapital, das längst nicht mehr nur an der Wall Street sitzt, sucht jede Gelegenheit, profitabel und schick angelegt zu werden. Das Money, Money, Money aus New York, Singapur, Shanghai, Moskau oder Katar lässt den roten Petrus ebenso unerschwinglich für Normalsterbliche werden wie Omas kleines Häuschen in London, Paris, jetzt auch Berlin oder auf Sylt und in Binz. Noch unschönere Effekte bringen Großanlagen in Agrarböden oder Lebensmittel. So steigt der Reispreis für viele Menschen ins Unerschwingliche, ohne dass der spekulative Käufer je eine Tasse davon in der Hand hatte oder einem Reisbauern mal ins Angesicht geschaut hätte. Dieser Reisbauer könnte diesen Reis von seinem Einkommen gar nicht mehr bezahlen, weil die Reiskörner alldieweil – unbewegt im selben Silo – dreimal mit Gewinn den Besitzer gewechselt haben. Und zwar rund um die Welt.

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An solchen Geschäften sind aber nicht nur Privatpersonen, sondern inzwischen auch Pensionsfonds beteiligt und die unvermeidlichen Anlageberater. Nicht nur die der Banken. Die Einen wie die Anderen feiern ihre Feste immer noch als große Partys. Nach den Skandalen um Huren bei Versicherungsvertreten in Budapest oder Bordellflüge nach Brasilien im Learjet bei VW sind die Kodizes zwar strenger geworden, der Champagner fließt jedoch weiter. Man zeigt das nur nicht mehr so offen. Auswüchsen versucht man mit Compliance beizukommen. Das ist das neue Stichwort, dessen Spielarten allerdings auch manche sinnvolle und fantasiereichere Eventmaßnahme gelegentlich schwierig machen. Kann man Angemessenheit in solchen Fällen überhaupt in Paragrafen gießen?

Das große Ausblenden

Oder ist es angemessen, wenn die Rüstungsschmiede Rheinmetall ihr 125-jähriges Bestehen angesichts von Kriegen und Krisen mit edlen Häppchen feiert? Mit einem 125-sekündigen Video die Firmengeschichte im Erfolgsmodus abbildet, und dabei die dunklen Kapitel zwischen 1933 und 1945 ausblendet? Bekannte Bundespolitiker ließen sich jedenfalls auf der krachenden Party mit Panzern und abschließendem Feuerwerk nicht sehen. Schlieter & friends Event GmbH & Co. KG aus Oberkassel war die verantwortliche Agentur, die den Job um das sicherlich schwierige Thema nicht ausschlug. Bei Lagerfeld beim Haarwäscherjubiläum von Schwarzkopf oder Jazz für Audi hat man es sicherlich mit leichteren Übungen zu tun. Zum Rheinmetalljob wollte man dann allerdings auch keine Stellung beziehen: Man dürfe sich aber sehr gerne an die Pressestelle von Rheinmetall wenden. Die schwiegen auch. Wir waren nicht geladen und müssen die Informationen aus der Düsseldorfer Tagespresse ziehen, die im Fall von WZ-Chefredakteur Tückmantel ungewohnt deftig ausfiel.

Die Rüstungsschmiede Rheinmetall feierte ihr 125-jähriges Bestehen, blendete im Image-Video jedoch die dunklen Kapitel zwischen 1933 und 1945 aus.
Mit dem Gladius-System von Rheinmetall aus dem Projekt „Infanterist der Zukunft“ setzt sich die Bundeswehr in der Ausrüstung ihrer infanteristischen Kräfte auch im internationalen Vergleich an die Spitze.

Agenturen und Unternehmen sind meistens wenig kreativ, wenn es um den Umgang mit den grauen bis dunklen Kapiteln (nicht nur) der Vergangenheit geht. Letztere werden dann gerne an ein paar wissenschaftliche Sachverständige entsorgt. Man bemüht sich, solche Themen aus der ansonsten so sehr gewünschten Öffentlichkeit herauszuhalten.

Weltmeister im Stadionbau

Architekten waren den Mächtigen immer schon sehr nahe. Speer Senior ist vielleicht das berüchtigtste Beispiel. Der Junior baut übrigens gerne seine Masterpläne in China. Etliche vornehmlich deutsche Star-Architekten waren aber auch im vielfach kritisierten Ausrichterland des FIFA-Sommermärchens 2014 in Brasilien in der Startelf. So setzte Von Gerkan, Marg und Partner (gmp) diesen gigantischen Fremdkörper namens Arena da Amazônia in den brasilianischen Urwald von Manaus, ohne allerdings eine vernünftige Rückbaulösung einzuarbeiten. Im Berliner Jovis Verlag ist eine ausführliche Dokumentation über vier Stadien mit massiver deutscher Beteiligung erschienen, die auch ein wenig die Hintergründe ausleuchtet und den Prozess und auch die Widrigkeiten dessen mit Interviews der Baukünstler und Bauingenieure unterfüttert.

Die Arena da Amazônia im brasilianischen Urwald von Manaus
Die Arena da Amazônia steht mitten im brasilianischen Urwald von Manaus.

Insgesamt sind wohl acht Stadien mit deutscher Beteiligung umgebaut oder errichtet worden. Dass die Stadien in Brasilien teurer waren als die bei den beiden Weltmeisterschaften in Deutschland 2006 und 2010 in Südafrika zusammen, sollte schon ein paar Fragen aufwerfen. Es sind aber meistens „die Politiker“, die die Kritik für überteuerte Baumaßnahmen oder Projekte, die nicht fertig werden, einstecken müssen. Die ebenfalls beteiligten (Star-)Architekten werden dabei kaum befragt oder infrage gestellt. In Duisburg und Hamburg zum Beispiel Herzog & Meuron, am Berliner Hauptbahnhof oder Flughafen die uns bekannten Urwald-Stadionbauer Von Gerkan, Marg und Partner. Die Frage nach der Verantwortung könnte durchaus häufiger gestellt werden, ohne allerdings dem Effizienz-Fetischismus der Controller hinterherzulaufen. Mario Götze war einer der uneffektivsten deutschen Spieler der letztjährigen WM. Deshalb saß er auch meistens auf der Bank. Allerdings war es ausgerechnet Mario Götze, der in der 113. Minute dieses Pelé-gleiche Traumtor zum Sieg schoss. Weltmeister wird man eben nicht mit kurzatmiger Effizienz allein.

 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hallo Andreas,
    ich bin angelockt worden durch das Thema Preisgestaltung von Kunst und Kreativleistung.
    Dazu habe ich im Texte allerdings keine Antworten gefunden. Die Fragestellung finde ich aber sehr gut. Wenn du zu dem Thema noch mal mehr machst, würde mich das Interessieren. Preisgestaltung und was sind gerechtfertige Preise? Welche Modelle werden dem Endkunden angeboten? Es gibt ja Prozentuale Zahlungen Anhand des Gesamtbudgets, es gibt Stundenabrechnung etc. Wer macht was, was bevorzugen die Endkunden? Das finde ich ein sehr spannendes Thema.
    Grüße
    Stefan Lohmann (Talent Buyer & Booking Agent)
    [Externer Link gelöscht – Anmerkung der Redaktion]

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