Zwischen Ignoranz und Aktionismus

Kommentar: Umgang mit Bedrohungslagen

Das kann bei uns nicht passieren … Crowd Safety Managerin Sabine Funk kommentiert anlässlich des Jahrestags der Pariser Terroranschläge die aktuelle Gefährdungslage in Deutschland und warum effektive Maßnahmen nicht teuer sein müssen – aber immer noch zu wenig eingesetzt werden.

Menschen versammeln sich, trauern und gedenken an Opfer
Menschen gedenken der Opfer der Anschläge von 2015 in Paris. (Bild: Shutterstock / Frederic Legrand - Comeo)

Am 13. November jährten sich die Terroranschläge in Paris zum siebten Mal. Drei Angreifer schossen mit Kalaschnikow-Sturmgewehren in das Publikum des Clubs Bataclan, in dem gerade die Eagles of Death Metal spielten. Zusätzlich warfen sie Handgranaten in die Menge – insgesamt starben 89 Menschen1. Die Reaktionen darauf waren so erwartbar wie endlich, so nutz- wie konsequenzlos.

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Passend dazu wurde gerade auch der zweite Report der Manchester Arena Inquiry veröffentlicht, der das vollkommene Versagen der Blaulichtorganisationen offenbart – nachdem Teil 1 schon deutliche Probleme beim Venue sowie dem Sicherheits- und Ordnungsdienst aufgezeigt hatte2.

Und während die einen fleißig TV-Spots zur Bewerbung eines kostenfreien Online-Trainings zum richtigen Verhalten bei einem Angriff schalten3 und entsprechende Lern-Apps programmieren4, verstecken sich die anderen hinter Formalia („Terrorabwehr ist Sache der Behörden“) und Wahrscheinlichkeitsrechnungen.

Ersteres ist zum Standardmantra all derer geworden, die sich aus durchaus verschiedenen Gründen dem Thema verweigern. Und ja – das ist natürlich auch so. Aber wenn sie denn dann doch bei uns vor der Tür stehen, die Menschen mit den Gewehren und dem Willen uns, unsere Besucher:innen, unsere Mitwirkenden zu töten? Sollen wir ihnen sagen, dass wir für sie nicht zuständig sind?


Manchester Arena Inquiry

Die Manchester Arena Inquiry ist eine unabhängige öffentliche Untersuchung zu dem Bombenanschlag in der Manchester Arena, die am 22. Oktober 2019 vom britischen Innenminister eingerichtet wurde. Auf einer entsprechenden Webseite wurden neben Beweisen sowie Transkripten und Videos der Anhörungen auch zwei detaillierte Reports veröffentlicht. Die englischsprachigen Berichte zu den Themen „Security for the Arena“ und „Emergency Response“ können hier kostenlos heruntergeladen werden.


Gefährdungslage in Deutschland

Den Fans der Wahrscheinlichkeitsrechnungen sei ein Blick auf die Seite des Verfassungsschutzes5 empfohlen:

„Deutschland sowie seine Interessen und Einrichtungen weltweit stehen unverändert im unmittelbaren Zielspektrum unterschiedlicher terroristischer Organisationen, jihadistischer Gruppierungen oder Einzeltäter (…) Die Bedrohung in Deutschland und Europa geht weiter vorwiegend von jihadistisch inspirierten oder angeleiteten Einzeltätern sowie Kleinstgruppen mit einfachen und leicht zu beschaffenden Tatmitteln aus – darunter Hieb- und Stichwaffen. (…) Komplexe und multiple Anschläge, gesteuert durch terroristische Gruppen aus dem Ausland, haben in Deutschland bislang nicht stattgefunden, sind aber jederzeit denkbar.“

run-hide-tell(Bild: Shutterstock / Reda.G, Maji Design, galaira, jkcDesign)

Nicht eintrittswahrscheinlich = egal?

Ganz bestimmt und ganz glücklicherweise handelt es sich nicht um ein eintrittswahrscheinliches Szenario – aber sich nicht damit zu beschäftigen, nimmt Menschen die Chance, sich ordentlich vorzubereiten. Warum machen wir Löschübungen? Weil wir vorbereitet sein wollen. Die Verfasserin dieses Artikels hat im Rahmen ihrer Arbeit bei Veranstaltungen an sicherlich mehr als 20 Löschübungen teilgenommen – und noch nie ein Feuer löschen müssen. Mehr Löschübungen werden folgen, ganz sicher – durchaus in der Hoffnung, das Gelernte nie anwenden zu müssen, aber zufrieden mit dem Wissen, es im Ereignisfall zu können.

Im Gegensatz zum Entstehungsbrand ist bei einem bewaffneten Angriff kein proaktives Vorgehen gefragt. Im Gegenteil: Run – Hide – Tell heißt die Devise. Also: Was ist zu tun? Weglaufen. Absolut. Und wie gut wäre es, wenn die Wege bekannt wären, die Wege, die in sichere Bereiche führen. Aber halt! „Sichere Bereiche“ darf man nicht sagen, denn das macht den Leuten Angst. Kein Scherz, sondern eine Reaktion auf den Vorschlag zu einer entsprechenden Sicherheitsunterweisung. Die Begründung erinnerte ein wenig an den berühmt-berüchtigten Satz „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“, der im Kontext der Ereignisse von 2015 fiel, als der damalige Bundesinnenminister sein fehlendes Vertrauen in uns mit uns teilte.

Besonders gerne referenziert wird in diesem Kontext auch die versicherungstypische Herangehensweise, die die Kosten der Schäden in den Fokus rückt. Bei nur einem Anschlag im Jahr 2021, bei dem drei Menschen in einem Zug mit dem Messer verletzt werden, gibt diese Herangehensweise nicht viel Geld für Maßnahmen frei.

Checkliste-Box-Häkchen
„Tick box exercise“: Eine Risikoanalyse sollte kein einfaches Abhaken von Kästchen sein, sondern wirklich ernst genommen werden. (Bild: Reda.G/Shutterstock)

Maßnahmen ergreifen

Spannenderweise braucht es das für viele Maßnahmen aber auch gar nicht: Wir sprechen nämlich nicht von Sensoren und „Terrorabwehrsperren“ überall. Wir sprechen von Aufmerksamkeit, vom Einhalten von Regeln, von einem klaren Prozedere. Wir sprechen davon, Pässe zu tragen und unseren Arbeitsplatz zu kennen. Wir sprechen davon, Risikoanalysen wirklich ernst zu nehmen und keine „tick box exercises“ durchzuführen. Wir sprechen davon, aufmerksam zu sein und Aufmerksamkeit zu trainieren. Es geht darum, einmal darüber nachzudenken, ob wirklich alle immer unkontrolliert überall herumlaufen dürfen und wie man das verhindern könnte. Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, ob die Tasche dahin gehört oder nicht. Es geht darum, Blind Spots zu finden – in der Videoüberwachung und in den Verträgen: Wissen eigentlich wirklich alle, wer wofür zuständig ist? Natürlich ist es nicht ganz so einfach. Und auch nicht ganz umsonst: Training z.B. kostet Geld. Aber was nutzt ein CCTV-Operator, der keine Ahnung hat, wonach er/sie eigentlich Ausschau halten soll?

Die Reports zu den Manchester Arena Inquiries geben Empfehlungen in Bezug auf mögliches Verbesserungspotenzial: Es geht um Vertragsklarheit, um Training und darum, das in den Papieren Stehende tatsächlich auch zu erfüllen. Aber es geht auch darum, den Sicherheitsbereich zu vergrößern: Menschen, die ohne Ticket unmittelbar an den Ein- oder Auslass gelangen können, haben deutlich größere Möglichkeiten, Menschen zu schaden, als Menschen am Außenzaun.

Welche Maßnahme am Ende sinnvoll ist, welches Level an Prävention erreicht werden soll – all das muss individuell festgestellt werden. Für den Anfang wäre es schon einmal ein guter Schritt, überhaupt darüber nachzudenken und zu reden. Es geht nicht darum, Schreckensszenarien heraufzubeschwören. Oder Angst zu machen. Im Gegenteil. Es geht um einen unaufgeregten Umgang mit Anfälligkeiten, mit Möglichkeiten und auch Grenzen.


Quellen:

1  wikipedia.org/wiki/Terroranschl%C3%A4ge_am_13._November_2015_in_Paris

2  manchesterarenainquiry.org.uk/

3  www.counterterrorism.police.uk/act-awareness-e-learning/

4  www.sentinelresilience.com/protect-duty-app

5  www.verfassungsschutz.de/DE/themen/islamismus-und-islamistischer-terrorismus/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten_node.html

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