Von Besucherstromanalysen bis Infektionsschutz

Aktuelle Forschung zu Eventsafety 2022

Die Digitalisierung hat auch in die Sicherheitsplanung von Events Einzug gehalten, und will den Verantwortlichen helfen, Sicherheit besser zu planen und sich entwickelnde Lagen schneller zu überblicken. Wir stellen fünf Forschungsprojekte – CrowdDNA, MONICA, S2UCRE, Hygieia, NORMALISE – vor, die das in Aussicht stellen.

Menschenmenge macht Bilder, Security(Bild: Shutterstock / Mamat Suryadi)

>> Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel besteht aus Texten von zwei Autoren. Der erste Abschnitt wurde von Falco Zanini verfasst, der weitere Teil des Artikels stammt von Johannes Graubner.

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Technische Lösungen können als wertvoller Beitrag zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit (bei Veranstaltungen) unterstützen, müssen jedoch für den Menschen gestaltet und verständlich sein. Technik kann und soll keine Entscheidungen abnehmen und gibt auch keine Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen. Jedoch hilft sie in bzw. vor kritischen Situationen dem Verantwortlichen bei der Entscheidungsfindung.

Der Verein zur Förderung der Sicherheit von Großveranstaltungen (VFSG e.V.) bot in seiner „Digitalen Woche“ vom 14. Februar bis 17. Februar 2022 einen guten Überblick über die derzeit laufenden Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, die von der öffentlichen Hand, dem Bund oder der EU gefördert wurden und werden. Wir präsentieren daraus fünf aus unserer Sicht interessante Vorträge.


Text von Falco Zanini:

CrowdDNA – manchmal reicht ein kleiner Schubs

Die bisher existierenden Modelle zu Evakuierungssimulationen, der Simulation von Besucherströmen oder der Vorhersage von Staus, wie z.B. FGSV oder BaSiGo stellen in der Regel eine 2D-Darstellung dar. Diese sind in der Planung hilfreich, doch bringen diese weitere, noch offene Fragen mit sich; insbesondere die Frage: „Wann entsteht Gedränge?“. Im Projekt CrowdDNA wird eine dritte Dimension einbezogen und die gegenseitige Beeinflussung und Wahrnehmung von Menschen und Menschengruppen betrachtet. Dies soll unter anderem der Verbesserung von Computersimulationen dienen. Dazu wurden in Experimenten und Beobachtungen die Interaktionen zwischen einzelnen Personen und die Dynamik von größeren Gruppen analysiert. Die Studie stellte sich die Fragen, wie der Körper beim Schubsen reagiert, wie sich ein Stoß in einer Gruppe auswirkt oder auch welche konkreten Gefahren beim Drängeln entstehen können.

In der Vorstudie „Boxsack-Experiment“ wurden in Reihe dicht aneinander stehende Menschen durch einen nicht sichtbaren Boxsack von hinten gestoßen und die Reaktionen aufgezeichnet und analysiert. Erstes Ergebnis daraus ist, dass eine Schlange aus Menschen Platz zwischen den einzelnen Personen benötigt, damit sich ein Stoß nicht negativ auf die gesamte Schlange auswirkt, wie z.B. das Hinfallen der Gruppe.

Weiterhin wurden Engstellen-Experimente durchgeführt, bei denen die Risiken bei verschieden intensivem Gedränge und Durchquetschen durch Engstellen betrachtet wurden. Hierbei wurden die Situationen mit Kameras von oben gefilmt und ausgewertet. Zudem wurden Drucksensoren an der Engstelle angebracht und Stressreaktionen erfasst.

In der noch weiter laufenden Studie werden die Daten noch detaillierter aufbereitet und neu aufgetauchte Forschungsfragen vertieft, wie z.B. worauf Menschen generell achten, wenn sie in einer Menge stehen. In naher Zukunft sollen weitere Versuche in anderen Kulturräumen gemacht werden.

Eine Warteschlange braucht Platz zwischen den Personen, damit sich ein Stoß nicht negativ auf alle auswirkt. (Bild: Shutterstock / TK Kurikawa)

MONICA: Management Of Networked IoT Wearables – Very Large Scale (Demonstration of Cultural Societal Applications)

Im MONICA-Projekt wurde demonstriert, wie das Internet of Things, die IoT-Technik, das Management von Security, von unerwünschtem Lärm oder auch die Besucher-Experience unterstützen kann. Die Erprobung fand unter anderem in Deutschland unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) unter realen Praxisbedingungen beim DOM in Hamburg und Rhein in Flammen in Bonn statt.

Das System kann zur Echtzeitlokalisierung von Einsatzkräften benutzt werden, ebenso wie es laufend eine Heatmap der Besucherströme erstellen kann. Bei der eingesetzten Technik handelt es sich um ein Long Range WAN – kein WiFi und auch keinen Mobilfunk. Zum Einsatz bei Rhein in Flammen wurde die Hardware in Form von Wearables bzw. Armbändern ausgeteilt. Dort kam es auch zu einem Stresstest durch die Verbindungsqualität. Die Einsatzkräfte erhielten schlüsselanhängergroße Hardware, mit denen sie im Gelände über die Anwendung geortet werden konnten.

Zusätzlich erfolgte bei Rhein in Flammen eine Schalldruckmessung, die einen Index für Lärmbelastung bzw. einen Annoyance Index für Krankenhaus und Anwohner:innen in Form einer Lautstärke-Heatmap ergab. Aktuell arbeitet das MONICA-Konsortium an einer Optimierung der Geräuschkulisse bei Konzerten, damit das Musikerlebnis für die Besuchenden möglichst optimal gestaltet und die Belästigung für alle anderen weitgehend reduziert wird.

Während des DOM in Hamburg wurden kamerabasierte Verfahren für die Informationsgewinnung zur Besucherdichte, Zählung, Personenfluss und Kampfdetektion eingesetzt. Erfahrungen vom DOM mit der Umsetzung ergaben allerdings für die Behörden, dass diese empfehlen, IoT nicht für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) zu nutzen, da es bei der Einsatzkräfteortung offenbar zu Unzuverlässigkeiten führen kann.

S2UCRE: Sicherheit in städtischen Umgebungen (Crowd-Monitoring, Prädiktion und Entscheidungsunterstützung)

Bei diesem deutsch-französischen Projekt unter Führung des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) wurde eine technische Lösung zur Unterstützung von Behörden und Sicherheitsunternehmen zum Schutz von Menschenmengen bei öffentlichen Veranstaltungen erprobt. In Deutschland geschah dies bei den Cannstatter Wasen und dem Hafengeburtstag in Hamburg.

Das Problem sind die inhomogen verteilten Menschenmengen und die Dichte- und Bewegungsdynamiken bei Personen, die über große Flächen verteilt sind. In der Praxis besteht die Herausforderung darin, auch ohne Störungen einen umfassenden Blick auf die Lage zu erhalten. Auch wenn viele Kameras vorhanden sind, fehlt der Überblick und eine schnelle Reaktion ist schwierig.

In S2UCRE werden die Informationen aus verschiedenen Beobachtungen der Kameras durch das System zusammengeführt und analysiert. Aus den Informationen zu Richtung, Bewegung und Menge wird eine simulationsbasierte Kurzzeitprognose zur Entwicklung der Besucherbewegungen erstellt. Diese Information können auf einem digitalen Lagetisch (DigLT) betrachtet und analysiert werden. Durch den Austausch der Lageinformationen und Standortdaten kann eine verbesserte Koordination zwischen verschiedenen Einsatzkräften stattfinden. Das System schließt die Lücke zwischen großflächiger Beobachtung von Menschenmengen und der Überwachung von Individuen.


Text von Johannes Graubner

Hygieia: Hygienekonzept und Infektionsschutz in der Veranstaltungsbranche – die Suche nach einem Standardmodell

Das Ziel des Projektes Hygieia an der Berliner Hochschule für Technik ist die Entwicklung eines einheitlichen Modells von Hygienekonzepten für Behörden und Veranstalter. Der Schwerpunkt liegt primär jedoch auf der Betrachtung von Beschäftigten und nur sekundär auf den Besuchenden.

Im Vordergrund stand die Durchführung einer Machbarkeitsstudie, in Form von zwei Pilotprojekten. Zusammen mit den Betreibern des Clubs Revier Südost in Berlin wurde eines davon entwickelt und eingereicht. Die Durchführung der Studie fand unter erschwerten Bedingungen statt, so erhielt der Veranstalter erst eine Woche vor Beginn der Veranstaltung die Freigabe durch die zuständige Gesundheitsbehörde. Für die Tanzveranstaltung waren 250 Besuchende zugelassen, welche über ein Zufallsverfahren ausgewählt wurden. Dies war auch nötig, denn schon am Tag der Bekanntgabe meldeten sich bereit 11.000 Personen für das Event an. Für alle relevanten Punkte der Location wurden Beobachter:innen eingesetzt, welche Verstöße gegen das Hygienekonzept dokumentierten. Zusätzlich wurden Tracker an die Teilnehmenden verteilt, die eine Unterschreitung des Mindestabstandes registrierten.

Im Verlauf der Veranstaltung wurden 501 Verstöße gezählt, wovon sich 236 auf die Besuchenden und 265 auf die Beschäftigten aufteilen. Diese doch recht hohe Zahl an Verstößen wurde jedoch in der Detailbetrachtung relativiert. Denn 129 Verstöße der Beschäftigten geschahen am Einlass: Die Beschäftigten hätten sich hier nach jeder Kontrolle die Handschuhe desinfizieren müssen. Eine zweifelhafte Maßnahme. Im Vergleich dazu gab es beispielsweise nur 18 Verstöße gegen die FFP2-Masken-Pflicht. Fast ein Drittel der Verstöße seitens der Besuchenden wurde direkt durch die Beschäftigten angemahnt, um eine Verhaltensänderung bei den jeweiligen Personen herbeizuführen. Warum dies wichtig ist, zeigte die Befragung im zweiten Teil der Machbarkeitsstudie.

Beim nächsten Pilotprojekt, der Potsdamer Schlössernacht, musste aufgrund der Größe der Veranstaltung, das Forschungsdesign angepasst werden. So war keine flächendecke Beobachtung innerhalb der Location möglich, sondern nur eine stichprobenartige Erfassung der Verstöße. Zusätzlich dazu wurde eine Besucherbefragung zur Maßnahmenakzeptanz durchgeführt. Abstands-Tracker wurden bei der Veranstaltung keine eingesetzt.

Die insgesamt 306 Verstöße bei den Beschäftigten und 2.181 Verstöße von Besuchenden sind jedoch lediglich absolute Zahlen und müssen über den Zeitraum und die Veranstaltungsorte interpretiert werden. Die Auswertung zeigt, dass es keine Korrelation zwischen Programmart und der Anzahl der Verstöße gibt. Dagegen scheint sich die Besucherdichte wesentlich stärker auszuwirken. Bei der Befragung zeigte sich, dass 84% die Hygienemaßnamen für sinnvoll und nur 1% für nicht akzeptabel hielten. Die restlichen Befragten hielten die Maßnahmen für unnötig oder unbegründet. Des Weiteren scheint es eine Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung der Besuchenden zu geben, wenn es um die Einhaltung der Hygienemaßnahmen geht. So meinte der Großteil der Befragten, sich an den Mindestabstand gehalten zu haben. Der Großteil meinte jedoch auch, andere Gäste bei Verstößen gegen den Mindestabstand beobachtet zu haben. Dies zeigt wohl, wie wichtig es ist, Personen direkt auf Verstöße anzusprechen. Schutzmaßnahmen wurden durch die Beschäftigten grundsätzlich eingehalten, jedoch auch hier nur wenn die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen erkennbar war. So führte das Tragen einer Maske, bei gleichzeitiger Installation eines Spuckschutzes, wohl zu einer erhöhten Anzahl Verstöße.

Auf beiden Veranstaltungen ist weiterhin aufgefallen, dass sich die beteiligten Künstler:innen scheinbar weniger an die vorgebenden Maßnahmen gehalten haben. Darüber hinaus konnte keine wesentliche Verhaltensänderung bei den Besuchenden über den Zeitraum beobachtet werden. Das Forschungsprojekt Hygieia läuft noch bis März 2023 und derzeit sind bereits weitere Feldstudien geplant. So soll etwa die Einlasssituation vor mehreren Berliner Clubs beobachtet werden. Wer also abschließende Ergebnisse erhalten möchte, muss sich noch etwas gedulden.

Frau mit Maske hinter einer Bartheke mit Getränken
Hygieia: Schutzmaßnahmen werden von Beschäftigten eher eingehalten, wenn sie ihnen sinnhaft erscheinen. (Bild: Shutterstock / Maksym Fesenko)

NORMALISE: Non-Pharmaceutical Interventions and Social Context Analysis for Safe Events – das empirische Schlaglicht

Beim Projekt NORMALISE der Bergischen Universität Wuppertal geht es vorrangig um nicht pharmazeutische Maßnahmen zur Wiedereröffnung von Großveranstaltungen. Dabei wird auch konkret auf die soziale Auswirkung von Großveranstaltungen und Maßnahmen geachtet.

Die nicht pharmazeutischen Maßnahmen zum Infektionsschutz gliedert NORMALISE in technische, organisatorische und personelle Maßnahmen. Zur Erhebung und Auswertung der notwendigen Daten wurden Befragungen, Beobachtungen und Interviews durchgeführt. Die Zielgruppen waren dabei sowohl Besuchende als auch Vertreter:innen seitens des Veranstalters oder der Behörden. Mit NORMALISE möchte die Projektgruppe entsprechende Planungs- und Entscheidungshilfen für die sichere Wiedereröffnungen von Großveranstaltungen erstellen. Für dieses Ziel wurden drei Outdoor- und zwei Indoorveranstaltungen mit jeweils unterschiedlichen Besucherzahlen betrachtet.

Die ersten Ergebnisse bestätigen wohl die Erfahrungen, welche viele in der Pandemie bereits gesammelt haben. Es herrscht eine große Maßnahmenheterogenität, die mehr und mehr zu einer mangelnden Akzeptanz bei den Besuchenden führt. Zudem besteht der Bedarf nach Mindeststandards oder einheitlichen Richtlinien. Auch die Wechselwirkung zwischen den klassischen Sicherheitsthemen und Hygienekonzepten kann sich negativ auswirken; beispielsweise wenn der Veranstaltungsordnungsdienst die Durchsetzung der Hygienemaßnahmen zusätzlich zu seinen anderen Aufgabenfeldern übernehmen muss. Auch die Verzahnung von Sicherheitskonzepten und Hygienemaßnahmen funktioniert noch nicht ausreichend. Beim Thema Maßnahmenakzeptanz scheinen die Ergebnisse die von Hygieia zu bestätigen. Maßnahmen müssen nachvollziehbar sein.

Das (Zwischen-)Fazit von NORMALISE macht Hoffnung. Von Seiten der Besuchenden gibt es eine hohe Akzeptanz hinsichtlich der Hygienemaßnahmen. Diese müssen allerdings klar kommuniziert und auch durchgesetzt werden. Die Wiedereröffnung von Großveranstaltungen ist gesellschaftlich wünschenswert, um auch zukünftig ihre sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Funktionen wahrzunehmen.

Auch wenn das Thema Corona in naher Zukunft (hoffentlich) keine allzu große Rolle mehr spielen wird. Eines muss allen Beteiligten bewusst sein: Der Infektionsschutz wird uns auch zukünftig beschäftigen. Die Branche hat bisher immer aus großen Schadereignissen gelernt und auch diesmal waren die Folgen enorm. Zukünftig werden Hygienemaßnahmen wahrscheinlich fester Bestandteil von Sicherheitskonzepten werden, um dieser zusätzlichen Gefährdung entsprechende Maßnahmen entgegenzusetzen. Wir wurden als Gesellschaft, aber auch als Branche unvorbereitet getroffen und sollten zukünftig alles daran setzen, dass dies kein weiteres Mal geschieht.


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