Interview mit Zukunftsforscher Prof. Dr. Gerhard de Haan

Was bringt die Zukunft für die Eventbranche?

Dass EVENT PARTNER-Autor Andreas Schäfer ein Stanisław-Lem- und Zukunftsfan ist, hat er bereits mehrfach in seinen Essays anklingen lassen. Für die Jubiläumsausgabe „20 Jahre EVENT PARTNER“ hat ihn die Redaktion daher losgeschickt, einen Zukunftsforscher zu befragen, anstatt zurückzublicken. In Berlin ist er dazu auf Prof. Dr. Gerhard de Haan getroffen.

Prof. Dr. Gerhard de Haan

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Das „Institut Futur“ ist der Arbeitsbereich „Erziehungswissenschaftliche Zukunftsforschung“ an der Freien Universität Berlin. Es ging im Jahre 2000 aus dem Arbeitsbereich Umweltbildung hervor und konzentriert sich seitdem auf drei Kernbereiche: die sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung, das Lern- und Handlungsfeld Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und die Forschung zu Transfer von Wissen und Innovationen. Dem Institut ist eine nachhaltige Entwicklung und auch eine kommunikative Transparenz wichtig. Somit war es gar nicht verwunderlich, dass Gerhard de Haan sofort zusagte, sich dem EVENT-PARTNER-Dialog zu stellen. Er studierte selbst seinerzeit Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie in Berlin, promovierte über das Thema „Natur und Bildung“ und habilitierte sich über „Die Zeit in der Pädagogik“. Seit 2010 ist er Wissenschaftlicher Leiter des neu eingerichteten Masterstudiengangs Zukunftsforschung.

“Events sind in meinen Augen Ereignisse, die eine hohe Aufmerksamkeit auf sich ziehen, allerdings ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten.”
Prof. Dr. Gerhard de Haan 

Wie sind Sie von der Erziehungswissenschaft zur Zukunftsforschung gekommen?
Im Grunde recht einfach: Wenn man denkt, es müsse eine Reform im Bildungssystem geben, so umfasst der Zeitraum von der Idee bis zu dem Zeitpunkt, dass die Lernenden auch über veränderte Kompetenzen verfügen, rund 30 Jahre. Bildungsreformen wirken langsam. Das heißt in der Konsequenz: Wir müssen heute ins Jahr 2045 schauen und fragen, welche Kompetenzen dann erforderlich sind für ein gelungenes Leben. Insofern ist die Erziehungswissenschaft immer aufgefordert, sich mit Zukunftsfragen zu beschäftigen.

Was können wir schon über die Zukunft wissen oder vermuten?
Wissen im Sinne dessen, dass wir Gewissheit über die Zukunft haben können, gibt es nicht. Dann wäre sie ja auch vorherbestimmt. Was wir aber können, ist Prognosen erstellen über wahrscheinliche Zukünfte. Das wird zum Beispiel in Bezug auf den Klimawandel und die Bevölkerungsentwicklung getan.

Wir können aber auch gute Gründe beibringen, die bestimmte Entwicklungen plausibel machen. Etwa dass aufgrund eines ubiquitär festzustellenden wachsenden Interesses an Partizipation sich die Bürgerbeteiligung an politischen Entscheidungen über Wahlen hinaus längerfristig verstärken wird. Zukunftsforschung dient letztlich dazu, in Zeiten hoher Komplexität und Unsicherheit zu zeigen, welche Optionen wir haben könnten. Wie dann gehandelt wird, welchen Optionen man folgt, das liegt dann nicht mehr in den Händen der Zukunftswissenschaft.

Die optimistischen Prognosen von Herman Kahn im freien Westen scheinen ferner denn je, während ein pessimistischerer Stanisław Lem im eingemauerten Osten immerhin das Internet, die Nanotechnologie und intelligente Drohnen vorausgesehen hat. Welche Voraussetzungen brauchen Sie für die Zukunftsforschung?
Es ist immer leicht, Aussagen zu finden, bei denen Zukunftsforscher daneben gelegen haben und Science-Fiction-Autoren richtig. Das ist heute weniger interessant. Solide Forschung wird sich auf zahlreiche Expertisen stützen – wie man es z. B. in der Klimaforschung tut. Aber auch die kann sich – wenn auch mit sehr wenig Wahrscheinlichkeit – irren.

Das ist die explorative Seite der Forschung neben dem Pfad. Aus wissenschaftlichen Expertisen zu schöpfen, geht es heute in der Zukunftsforschung auch darum, mit den Akteuren Optionen und Handlungsstrategien zu entwickeln. Da kommen normative Aspekte ins Spiel: Wie wollen wir etwa in Zukunft leben? Und schließlich wird man schauen, welche Möglichkeiten realistisch sind. Heute helfen uns zahlreiche bewährte Methoden und Techniken ebenso wie Standards und Gütekriterien, der Zukunftswissenschaft ein solides Fundament zu geben.

Prof. Dr. Gerhard de Haan

Ist das Narrativ der Zukunftsforschung nicht viel mehr eine Aussage über unsere Wünsche in der Gegenwart?
Ja. Wir leben schließlich nicht in der Zukunft. Was wir entwerfen und beschreiben, sind immer gegenwärtige Zukünfte, keine zukünftige Gegenwart – auch wenn uns das manchmal so scheint, etwa in Utopien oder in der Science Fiction. Wenn man sich diese aber mit gewissem zeitlichen Abstand anschaut, dann sehen wir schnell, wie zeitgebunden diese Utopien jeweils sind: gegenwärtige Zukünfte eben. Aber es sind nicht nur Wünsche, die uns Zukünfte entwerfen lassen. Denken Sie nur an die Studie des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums von 1972. Da wurde eine nicht gewünschte, düstere Zukunft zur Entwicklung unseres Planeten vorgestellt. Mit dem dezidierten Ziel übrigens, dass man etwas gegen diese drohende Zukunft tut.

Wie weit (in der Zeit) wagen Sie zu blicken?
Das kommt immer darauf an, um welches Forschungsgebiet es sich handelt. Technischer Wandel – zum Beispiel im Flugzeugbau – kann durchaus recht konkret formulieren, wie die Flugzeuge in 30 Jahren aussehen. Die sind nämlich schon in der Entwicklung. Bis die Geräte einsatzfähig sind, vergehen 30 Jahre. In Bezug auf den Klimawandel greift man rund 100 Jahre in die Zukunft. Was gesellschaftliche Wandlungsprozesse angeht, sind es nur wenige Jahre oder Jahrzehnte. Ich kann mich also nicht generell festlegen.

Wie sieht das Zusammenleben auf unserem Planeten mit zehn Milliarden Menschen aus?
Das ist eine Frage, auf die ich keine solide Antwort geben kann. Nehmen wir zum Beispiel die Ernährungsfrage. Klimaforscher werden eher warnen, dass mit dem Klimawandel viele landwirtschaftlich genutzte Flächen verloren gehen – und sehen große Hungersnöte. Saatgutkonzerne, Genetiker und die chemische Industrie verweisen auf neue Pflanzen und sehen uns in der Lage, das Ernährungsproblem mit Hilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Technik zu bewältigen. Einige Ökonomen und Soziologen werden wiederum sagen, eigentlich sei alles nur ein Verteilungsproblem.

Was aber plausibel zu sein scheint, ist, dass alle Menschen aufgrund der globalen Kommunikationsmöglichkeiten viel mehr voneinander wissen und über deren Lebensumstände sehr plastisch etwas erfahren können. Ob das auch das Wir-Gefühl stärkt und das Eintreten füreinander in Situationen, in denen wir andere leiden sehen – das ist natürlich nicht sicher.

Sind da die Flüchtlingsbewegungen, die wir gerade erleben, nicht erst ein sanftes Vorspiel?
Das scheint mir plausibel zu sein. Szenarien, in denen von den künftigen (und heute schon lokal anzutreffenden) Klimaflüchtlingen die Rede ist, existieren schon heute. Mit den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten in der Transparenz der Lebensverhältnisse in anderen Ländern ist es auch plausibel, dass die Zahl der sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge deutlich zunehmen wird, wenn sich die Lebensverhältnisse in den sogenannten Entwicklungsländern nicht deutlich verbessern.

Prof. Dr. Gerhard de Haan
(Bild: Markus Rock )

Wie werden wir in der Zukunft kommunizieren?
Diesbezüglich kann man aufgrund der hohen Dynamik im Bereich der Kommunikationstechnologien kaum solide Voraussagen machen. Zu erwarten ist, dass den Hologrammen die Zukunft gehören wird. Wir werden also in dreidimensionalen Räumen selbst virtuell dreidimensional anwesend sein können. Gleichzeitig scheint es aber plausibel zu sein, dass es sich um eine Kommunikation des „sowohl als auch“ handelt. Das heißt: Die Face-to-Face-Kommunikation wird damit um die neuen Varianten ergänzt und nicht ersetzt.

Ist in der Zukunft die Kommunikation schon mit realer Interaktion gekoppelt?
Mir scheint, diese Frage hat sich mit der vorher gestellten letztlich erledigt. Es sei denn, man greift sehr weit aus und sagt, dass Interaktionen, da sie letztlich immer im Gehirn verarbeitet werden, auch so stattfinden können, dass wir Gehirne unmittelbar miteinander kommunizieren lassen können. Dann hätten wir den Eindruck, mit anderen – ohne dass dieses tatsächlich der Fall wäre – auch körperlichen Kontakt zu haben.

Wird es intelligente Maschinen geben?
Die meisten vorausschauenden Entwickler von künstlicher Intelligenz sind sich da ganz sicher: In Zukunft wird es superintelligente Maschinen geben, die selbst nicht nur lernfähig sind, sondern auch Emotionen adaptieren können und damit sehr komplex zu agieren in der Lage sind. Ob dies in den nächsten 30 oder 50 Jahren der Fall sein wird, ist allerdings strittig. Zumeist ist man in diesem Bereich zu optimistisch.

“Wir werden in dreidimensionalen Räumen selbst virtuell dreidimensional anwesend sein können.”
Prof. Dr. Gerhard de Haan 

Was halten Sie überhaupt von Science Fiction?
In diesem Segment der Auseinandersetzung mit Zukunftsvisionen hängt sehr viel davon ab, wie ernst das Wort „Science“ genommen wird. In dieser Literatur finden sich etliche Gedankenspiele und Ideen, die durchaus künftig Realität werden könnten. Das weiß nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Europäische Union, die vor einigen Jahren ein Projekt finanzierte, bei dem es darum ging auszuloten, welche neuen Technologien sich vor dem Hintergrund dessen, was man in der Science Fiction findet, entwickeln ließen. Dabei geht es nicht um das Überschreiten der Lichtgeschwindigkeit, die Bewegung durch sogenannte Wurmlöcher oder Ähnliches, sondern etwa um die Frage, welche Möglichkeiten der Mobilität in Megastädten denkbar wären.

Abschließend möchte ich Sie auch noch fragen: Was ist für Sie ein Event?
Events sind in meinen Augen Großveranstaltungen oder Ereignisse, die eine hohe Aufmerksamkeit auf sich ziehen, allerdings ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten. Das heißt, es ist in aller Regel nicht dazu tauglich, aus ihnen etwas zu lernen. Davon absetzen möchte ich die sogenannten „Wild Cards“ der Zukunftsforschung. Dabei handelt es sich um Ereignisse, die nicht oder kaum vorhersagbar sind, zugleich aber einen deutlichen Wandel etwa in der Politik oder Wirtschaft nach sich ziehen. 9/11 war zum Beispiel eine Wild Card.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Der Begriff “Event” ist für Strategen der Live-Kommunikation leicht zu erklären. Doch wie sieht das bei anderen Personengruppen aus? Neben Prof. Dr. Gerhard de Haan haben wir auch Prominenten die Frage gestellt, was für sie ein Event ist. Hier geht´s zum Artikel!

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