Die Netzwerker: onliveline, Joke und LiveCom

Networking in der Eventbranche

Stehen Petra Lammers, Christian Seidenstücker und Stephan Schäfer-Mehdi für einen neuen Trend? Ist die Zeit der großen Agenturschlachtschiffe vorbei? Arbeitet man stattdessen in flexiblen Netzwerken? EVENT PARTNER befragte die drei nach ihren Erfahrungen und Einsichten aus der Praxis.

Petra Lammers, Christian Seidenstücker und Stephan Schäfer-Mehdi
(Bild: Hilmar B. Traeger )

Die Kölnerin Petra Lammers (Partnerin des Konzept- und Inszenierungsbüros onliveline), Christian Seidenstücker, Gründer und Vorstand von Joke Event in Bremen, und der in Solingen ansässige freie CD Stephan Schäfer-Mehdi kommen auf über dreißig Awards, die sie zusammen oder getrennt im Laufe der Jahre gesammelt haben. Da ist alles vorhanden, was einen beim Kreativranking nach vorne bringt. Die Zeiten, bei denen aus solchen Konstellationen Großagenturen geboren wurden, scheinen vorbei. Viele solcher Tanker haben die letzten zwanzig Jahre nicht überlebt: Die kogag, max sense/G&D, Compact Team, On Air, Gemadi und so weiter.

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Sie kommen gerade aus Budapest zurück. Dort haben Sie für einen Autohersteller im Netzwerk gearbeitet. Die wievielte Zusammenarbeit war das?
Christian Seidenstücker: Das war schon das dritte Mal, dass wir sehr erfolgreich für diesen Kunden zusammenarbeiten konnten. Für andere Kunden waren wir aber auch schon zusammen im Netzwerk aktiv.

Petra Lammers: Das ist eine ganz schöne Beziehung, die sich in unserer gemeinsamen Entwicklung aufgebaut hat. Uns gibt es erst seit zweieinhalb Jahren. Wir arbeiten in diversen Konstellationen mit Agenturen, Messebauern und Beratern. Joke war unser erster Agenturpartner, den wir noch vor unserer Gründung kennengelernt haben!

Stephan Schäfer-Mehdi: Stimmt, ich war damals Matchmaker. Das Spannende ist, Konstellationen für spezifische Kundenaufgaben zu finden. Die Konstellation wird immer wieder neu definiert, und das hängt stark von den Projekten ab. Und wie war’s in Budapest?

Seidenstücker: In Budapest hatten wir klar definierte Rollen. Von Joke kam die gesamte Basis, von der Beratung bis zur kompletten Umsetzung, von Stephan die Creative Di rection und von onliveline der zentrale Teil des Content Parts und die Inszenierung.

Christian Seidenstücker
(Bild: Hilmar B. Traeger )

Lammers: Aus diesen Netzwerkkonstellationen erwächst ein ziemliches Potenzial, das über das Event an sich noch einmal hinausgeht und den Kunden ganz vielschichtig und breit abholen kann. Darin liegt die Qualität solch einer Konstellation. Und das hat sich bei dieser Veranstaltung in Budapest auch sehr gezeigt. Da ist das Wissen um das Event, aber auch die Strategie des Unternehmens, die inszeniert werden will. Dieses breite Wissen der Netzwerkkonstellation ist super einsetzbar! Dadurch erweitert man sich plötzlich wahnsinnig.

Es sitzt eine erfolgreiche preisgekrönte Agentur mit preisgekrönten Kreativen und einem preisgekrönten Creative Director am Tisch. Wie halten Sie es miteinander aus?
Schäfer-Mehdi: Es ist insofern einfach, weil wir nicht wirklich Konkurrenz sind. Wären wir alle drei Agenturen, dann würde es das wahrscheinlich schwerer machen. Jeder kann sich ausleben, aber das Ergebnis zählt und nicht das Ego. Es ist eine offene Kooperation, die viel Spaß macht.

Seidenstücker: Wir haben einen anstrengenden Job, was Arbeitszeiten und Stress betrifft. Und wir müssen ja auf die Sekun – de genau abliefern und wir haben nur die eine Chance, es richtig zu machen. Da ist es ganz wichtig, als Gegenpol – ob es beim Brainstorming oder bei der Umsetzung ist – das eine oder andere Mal zu lachen.

Lammers: Es sind sehr unterschiedliche Qualitäten, die wollen eingesetzt und gegenseitig genutzt werden Wir kommen ja aus der Strategie und der Inszenierung. Daher geht es um eine enge Zusammenarbeit und darum, dass man sich gegenseitig respektiert und auf die jeweilige Konstellation flexibel eingeht, ohne dabei den Fokus auf seine eigene Expertise zu verlieren.

Seidenstücker: Netzwerke funktionieren zum Beispiel nicht oder sie werden nicht genutzt, wenn die Angst groß ist, dass man sich gegenseitig die Kunden wegnimmt.

Wie sehen Sie Ihre Positionierung im Verhältnis zu den Agenturtankern, von denen einige in den letzten Jahren ja auch aufs Trockene gelegt wurden oder abgesoffen sind?
Seidenstücker: Wir sehen uns mehr als wendiges Speedboat.

Schäfer-Mehdi: Wobei Joke ja auch nicht gerade ein kleines Schiff ist.

Seidenstücker: Richtig. Aber wir versuchen durch unsere Strukturen trotzdem die Teams zu durchmischen. Dadurch ist man nicht wie ein Tanker unterwegs, so ist mein Gefühl und die Meinung vieler unserer Kunden.

Schäfer-Mehdi: Der Markt hat sich stark verändert. Es wird immer noch Bedarf geben für die klassischen Fullservice-Eventagenturen, aber es gibt eben auch gerade für komplexere Projekte Bedarf an einer tiefergehenden konzeptionellen Leistung. Petra, ihr seid ja auch in unterschiedlichen flexiblen Konstellationen aktiv, Inszenierung und Strategie im Prozess zu begleiten. Oder bei mir das Thema „Beratung“ für Kunden, wie für Bayer, wo man wieder in einer anderen Konstellation oder mit anderen Rollen arbeitet. Die Zeiten haben sich geändert, aber das macht es auch interessant. Man muss offen sein für alle möglichen Formen der Zusammenarbeit. Das ist meine Philosophie, und die Aufgaben der Kunden machen das immer öfter erforderlich.

Seidenstücker: Das wird auch künftig ein USP gegenüber anderen sein, die die klassische gewohnte Form wählen. Wir werden uns in Zukunft noch ganz anderen Kundenschichten öffnen und daraus resultieren neue Qualitäten der Zusammenarbeit mit dem Kunden. Meine Arbeit entwickelt sich immer mehr zu einer Art Unternehmensberater. Letztendlich brauchen die Kunden auch mal jemanden, der mit der Brille von außen draufschaut. Und manchmal sind die Lösungen ja so nah.

Lammers: Über die Netzwerkerweiterung hat man die Möglichkeit, das Unternehmen, den Kunden, noch einmal anders zu begreifen – im Idealfall in seiner Komplexität und Ganzheit. Und dadurch, dass man sich dieses Wissen weiterreicht, ist das Netzwerk eine unglaublich unegoistisch getriebene Geschichte.

Petra Lammers
(Bild: Hilmar B. Traeger )

Welche Vorteile haben Ihre Kunden durch Ihr Netzwerk?
Seidenstücker: Ich sehe es als Bereicherung, die entsprechenden Personen im Sinne des Kunden und des Projektes zusammenzubringen. Gerade, wenn man so lange wie wir am Markt ist – nächstes Jahr haben wir unser 25- jähriges Jubiläum –, besteht die Gefahr, im selben Trott zu bleiben. Wenn man andere dazu holt, dann ist das wie bei Sparringpartnern: Jeder tritt ja mit einer Idee an, die Aufgabenstellung zu lösen. Einen Kompromiss finden, das klingt so negativ. Im positiven Sinne geht es darum, „das Beste“ zu finden.

Schäfer-Mehdi: Die Kunden fordern ein hohes Maß an Flexibilität, weil die Aufgaben so heterogen sind. Es ist eben nicht einfach mehr nur die Kick-off-Tagung oder die Preisverleihung für den Vertrieb. Durch Netzwerke kann man relativ schnell die bestmögliche Konstellation zusammenbekommen. Durch die unterschiedlichen Kompetenzen in dem Netzwerk haben die Kunden ganz schön viele Vorteile. Das Spektrum, das wir zusammen abdecken, ist dadurch extrem breit.

Seidenstücker: Wenn der Kunde spürt, dass sein Gegenüber, dem er relativ viel anvertraut, offen und transparent ist, dann offeriert ihm das viel größere Möglichkeiten, als er meistens sogar im ersten Schritt nutzt. Er merkt oft erst im Prozess, dass er sich daraus weitere Vorteile holen kann. Eine Sorge der Kunden mag sein, dass bei einem Netzwerk doppelt verdient wird. Aber so wie wir die Form des Netzwerkes leben, ist das nicht gegeben. Wir sind eben nicht drei, vier große Agenturtanker, die zusammen ein Projekt machen.

Wie wichtig ist Ihnen Freiheit in der Kooperation?
Lammers: Für uns ist totale Partnerschaft, Nähe und Vertrauen wichtig, aber es darf auf gar keinen Fall eine gegenseitige Vereinnahmung passieren. Unsere Kreativität wird definitiv geschärft und herausgefordert durch die unterschiedlichen Konstellationen, Kunden und Aufgabenstellungen.

Schäfer-Mehdi: Wenn man sich die Freiheiten gibt, dann bringt man viel mehr mit ein. Da können ganz andere Sachen entstehen, als wenn man jetzt einfach festgelegt ist, nach dem Motto „Ihr dürft nur für diesen oder jenen arbeiten“ oder „Ihr dürft nur dies und jenes machen“.

Seidenstücker: Je größer das Vertrauen, desto größer die Freiheiten.

Lammers: Man muss in so einem Verhalten wahnsinnig viel Anstand lernen: Wo ist man Gesicht und wie verhält man sich wo?

Seidenstücker: Da merkt man auch, welche Wertekultur sein Gegenüber hat. Das ist heutzutage viel wichtiger als früher. Nur die Leute, die die gleichen oder ähnlichen Werte haben, harmonieren gut und passen so gut zusammen.

Welches Event haben Sie noch auf Ihrer gemeinsamen Wunschliste?
Schäfer-Mehdi: Die Olympia-Eröffnung nicht, Brasilien ist so korrupt, da hätte man keinen Spaß. Aber generell: Es wäre gar nicht das einzelne Event, sondern der Prozess, aus dem einzelnen Projekt herauszukommen und zu fragen, was da in den nächsten fünf Jahren kommunikativ passiert. Ich finde es viel interessanter, Dinge inhaltlich weiterzuentwickeln, als auf die spektakuläre, große Show zu schielen.

Stephan Schäfer-Mehdi
(Bild: Hilmar B. Traeger )

Seidenstücker: Das kann ich nur unterstreichen. Wir entwickeln uns im Sinne unserer Kunden immer weiter. Wir sind immer offen und neugierig. Das gibt mir persönlich die größte Befriedigung, dass man über eine lange Strecke gemeinschaftlich etwas Tolles aufbauen kann.

Lammers: Die Inszenierung einer Strecke mit genügend Inhalt, den man mit tatsächlichem Storytelling über diverse Kanäle auf die „Bühne“ (welche auch immer diese dann ist) bringen kann, das ist das Ziel. Wobei …

Schäfer-Mehdi: … ein Ding gäb’s doch: ein gemeinsames pro-europäisches Live-Kommunikationsprojekt. Vielleicht nicht spektakulär, aber inhaltlich interessant anzustoßen, weil Europa das einfach braucht.

Vielen Dank für die interessante Runde!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Gratulation zur guten und erfolgreichen Zusammenarbeit. Flexible Netzwerke halte ich ebenfalls für sehr spannend.

    Als Artist Relations Manager arbeite ich immer in unterschiedlichen Konstellationen/Netzwerken für Veranstalter, Event Agenturen und immer häufiger für Technik Dienstleister oder ich werde von der Kreation, Regie, Showcaller, Projektleiter oder vom Verantwortlichen für die Inszenierung hinzugezogen.

    Wichtig finde ich es dabei – wie oben im Interview beschrieben – der vermeintlichen Konkurrenzsituation durch Transparenz und klar abgegrenzte Bereiche zu begegnen.

    Es kommt natürlich immer auch auf die Persönlichkeiten im Team an, aber grundsätzlich ist ja jeder begeistert, sich auf Spezialisten verlassen zu können und sich auf sein Spezialgebiet konzentrieren zu können. So dass für den Endkunden ein tatsächlicher Mehrwert entsteht, weil er in jedem Bereich von Speziallisten betreut wird, die alle einen anderen Hintergrund und Erfahrung haben und dennoch an einem Strang ziehen.

    Ein weiterer Vorteil ist, dass durch ein Spezialisten Netzwerk nicht automatisch auf “Bewährtes” einer einzigen Firma “Tanker” zurückgegriffen, sondern es entsteht ein kreativer Prozess.

    Für mich ist die Zusammenarbeit in den unterschiedlichen Konstellationen auch immer wieder bereichernd, weil man immer wieder neu herausgefordert wird, aus den vielseitigen Ideen das wirklich passende Live Entertainment zu finden oder zu kreieren.

    Deshalb war es für mich auch eine logische Konsequenz, dass ich als Artist Relations Manager nicht in erster Linie Künstler/Stars vertrete und versuche diese Stars an möglichst viele Kunden zu verkaufen, sondern – als Talent Buyer – für die Kunden, die wirklich passenden Künstler zu bestmöglichen Konditionen einkaufe. Es hat nicht nur finanzielle Vorteile, die Verhandlungen im Live Entertainment Bereich in erfahrene Hände zu geben.

    Im aktuellen Event Partner findet man unter Künstlervermittlung Tipps auch ein Interview mir mir – Danke an die Event Partner Redaktion.

    [Externer Link gelöscht – Anmerkung der Redaktion]- einfach mal reinschauen

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  2. Flexibilität ist doch aber in jedem Berufsfeld gefragt. So wie die Kunden es von dem eigenen Unternehmen erwarten, erwartet das eigene Unternehmen dies von Partnern. Mein Neffe arbeitet in der Event Konzeption und da ist es wohl noch wichtiger, dass man sich mit der Entwicklung des Unternehmens beschäftigt.

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