Produkt: Event Partner 06/2018
Event Partner 06/2018
Messekonzept umgestalten Artlife & die essenz +++ Besucherzahlen kalkulieren +++ EVENT PARTNER Guided Tour @ISE 2019 +++ Dr. Walter Wehrhan geht in Rente
Kommentar zur aktuellen Situation im Messebau

Messebau – wir müssen sprechen

Lieber Messebau, wir müssen sprechen. Damit meine ich selbstverständlich nicht nur den Messebau, sondern auch die weiteren Beteiligten an dem Prozess, den physischen Beitrag zur Live-Kommunikation herzustellen. Von der Kreation bis zum Messestand vor Ort.

Helm-Sicherheit-Walkie-Talkie(Bild: Pexels)

Wenn ich nicht gerade Artikel für EVENT PARTNER schreibe, verdiene ich mein Geld u.a. mit Koordinationsaufgaben auf Live-Events, wie z.B. Spezialmessen oder großen Kongressen, bei denen Spezialbauten errichtet werden. Glaubt man den zahlreichen Verlautbarungen in den Branchenmedien, war unsere Branche noch nie so wertvoll, nachhaltig, menschenorientiert und responsible wie heute. Wirklich?

Anzeige

Mehr Realität sieht anders aus. Ja, zugegeben, es gibt einige Ansätze, doch die finden fast ausschließlich in Verbandszirkeln, Pressetexten, bunten Labels und in um sich selbst kreisenden Arbeitskreis-Events statt. In der rauen Wirklichkeit der zugigen Messehallen, Special Locations und Bürocontainer findet sich davon (fast) nichts. Schon mal in einer Großmesse während Aufbau oder Abbau auf Toilette gewesen? Wenn Sie eine gefunden haben, die geöffnet war, konnten Sie feststellen, warum die Arbeitsstättenverordnung die Zahl der Toiletten in Bezug zu den anwesenden Mitarbeitern setzt und auch noch eine Maximalentfernung vorschreibt. Bei dutzenden bis hunderten von Mitarbeitern, die dann auch teilweise mehr als 100 Meter durch zwei Hallen laufen müssen, sieht es irgendwann entsprechend aus. Wenn nun auch noch die Putzfrequenz sehr niedrig ist, macht das keinen Spaß mehr.

Unreflektierte Benutzung an der Tagesordnung

Doch bleiben wir bei den harten Fakten, dem Aufbau. Trotz aller Präventionskampagnen der BG Bau und anderer Berufsgenossenschaften ist die unreflektierte Benutzung von Leitern und Hebegeräten an der Tagesordnung. Es ist keine Seltenheit, dass Mitarbeiter des Sub-Sub-Subunternehmers, die dann den Stand eines deutschen Qualitätsunternehmens im Auftrag einer namhaften Agentur hinzaubern, auf der Sieben-Meter-Leiter ganz oben auf dem Gelenk stehen. Ohne Netz und doppelten Boden. Stundenlang. Da lobe ich mir zum Beispiel die Franzosen. Wie oft kommen Kollegen aus Frankreich zurück und echauffieren sich über den „Sicherheitsfuzzi“ der Messe, der ihnen den Gebrauch der Leiter untersagt hat. Er hat recht. Nach dem „Code du Travail“, dem französischen Arbeitsschutzgesetz, ist eine Leiter kein Arbeitsplatz.

Leiter(Bild: Pexels)

Bei uns ist es genauso, nur mit mehr Blümchen um den Text. So sind von Leitern aus nur Arbeiten geringen Umfangs auszuführen. Hier sollte der Arbeitgeber/Unternehmer über eine Gefährdungsbeurteilung herausfinden, dass eventuell ein Rollgerüst oder ein Personenlift das bessere Arbeitsmittel ist. Apropos Leitern: Sehr häufig finde ich immer noch Leitern, die nicht nur keinerlei Nachweis über die regelmäßige Leiterprüfung tragen, sondern auch noch in einem Zustand sind, in dem sie sofort entsorgt werden müssen. Über die dumme Angewohnheit vieler Messebauer, Trockenbauer und Maler, die in diesen Gewerken klassische Holzleiter als Gehhilfe zu benutzen, sollten wir am besten gar nicht erst sprechen. Es ist schlichtweg nicht zulässig.

Die Grenzen der Physik ausloten

Hebegeräte! Ebenfalls ein spannendes Thema. Es ist ja schon ein Fortschritt, dass in den meisten Messen mittlerweile das Rigging, bzw. die Hängepunkte von durch die Messe beauftragten Fachfirmen ausgeführt bzw. vorbereitet werden. Dennoch werden immer wieder Traversen oder Bauteile angehoben und auf Höhe oder Position gebracht. Es wäre schön, wenn der beauftragte Messebauer dann auch ausreichend Materiallifte mitbringt und nicht versucht, die Grenzen der Physik bei einem großen Traversenkarree mit nur zwei Liften auszuloten. Die Kollegen auf den Nachbarständen stellen bei solchen Vorgängen auch gerne mal die Arbeiten ein, bis die Sache hängt.
Eine andere Unsitte ist das Zweckentfremden von Hubarbeitsbühnen bzw. in der Regel Scherenliften als Hebegerät. Da werden die sonderbarsten Konstruktionen ersonnen, um aus der HAB einen Kran zu machen, mit dem Bauteile in die Höhe auf Endposition gefahren und anschließend montiert werden. Da nützt dann auch leider die Bedienerqualifikation nichts mehr. Der Bediener sollte es anders gelernt haben und wissen, dass diese Praxis von den Herstellern der Maschinen und von der Berufsgenossenschaft nicht toleriert wird.

An einem guten Schnitt ins Bein arbeiten

Da einige Bauteile vor Ort angepasst oder erst erstellt werden müssen, führen viele Messebauer eigene Werkzeuge mit, wie z.B. Kappsäge, Handkreissäge oder Tischkreissäge. Oft genug wird dabei allerdings vergessen, eine passende geeignete Werkbank mitzubringen. So wird die Kappsäge auf dem Boden kniend angebetet oder mit der Handkreissäge fleißig an einem guten Schnitt ins Bein gearbeitet, weil mal wieder auf irgendeiner Kante gesägt wird. Bei Tischkreissägen ist es dann leider auch immer mal wieder so, dass die Sicherheitseinrichtungen wie der Sicherheitsbügel nicht vorhanden sind und/oder die Maschine einfach weiterläuft. Mitten im Gang.

Säge(Bild: Falco Zanini)

Apropos Gang. Je nach Größe und Komplexität des oder der Stände an einem Gang stehen Gänge regelmäßig voll mit Material, so dass es selbst für eine schlanke Person schwierig wird, sich dort durchzuschlängeln. So werden die technischen Richtlinien vieler Messen ignoriert und oft genug auch durch die Messen selber nicht umgesetzt. In den solchermaßen unübersichtlichen Gemengelagen aus vollen Gängen, unübersichtlichen Situationen vermischt mit Staplerverkehr und Ladetätigkeiten im Außenbereich sollte das Tragen von Warnwesten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Die einzigen, die genau das umgesetzt hatten, waren bei einer von mir betreuten Veranstaltung die Messebauer aus England. Diese trugen bei den entsprechenden Gefährdungen auch selbstverständlich von selber einen Schutzhelm. Bei den Engländern fiel mir dann auch deren Agenturbetreuer auf, der ebenfalls Sicherheitsschuhe, Warnweste und einen Helm trug. Dies gehört trotz aller Management-Workshops offenbar noch nicht zum Standardverhalten der Führungspersonen in Deutschland. Denn wenn ich als Führungsperson die von mir vorgegebenen und unterschriebenen Sicherheitsvorschriften nicht selber vorlebe, brauche ich erst gar nicht welche zu erlassen.

Sicherheit gleich bei der Kreation beachten

Zu guter Letzt kommen wir zur Kreation. Diese hat es in der Hand, im Planungsprozess für Bauten für sicheres Arbeiten an der Quelle zu sorgen. So außergewöhnlich und spektakulär auch ein Bau sein soll, für denjenigen, der es bauen muss, muss es möglich sein, dieses sicher zu erledigen. Damit stellt sich für den Konstrukteur die Anforderung, dass er Anschlagpunkte, Aufstiegshilfen, Kran-Ösen, Gabelschuhe und sonstige Sicherheitsaspekte mit einplant. So sollte, wenn der Stand aus drei aufeinandergestapelten Containern besteht, auf denen bei dem Obersten z.B. ebenfalls noch etwas montiert werden soll, der Konstrukteur daran denken, wie sich die Personen sichern können und ob nicht direkt Anschlagpunkte für eine Absturzsicherung eingeplant werden können. Selbstverständlich muss der Aufstieg ebenfalls geplant und dafür gesorgt werden, dass sich die ausführenden Firmen an die Vorgaben halten.

Fazit des Artikels? Es gibt noch einiges zu tun. In der Wirklichkeit.

[7391]

Produkt: Event Partner 05/2018
Event Partner 05/2018
Sicherheit: Arbeitsschutz, Absperrsysteme, Moderner Terrorismus +++ Statik im Eventbau +++ EXPO Dubai +++ Erfolgreiche Pitches +++

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Dies ist leider Realität und kann nicht oft genug gesagt werden.

    Auf diesen Kommentar antworten
  2. Das Problem ist doch, dass in Deutschland immer noch und ganz speziell bei vielen Auftraggebern “Geiz ist geil” großgeschrieben wird und nur das billigste Angebot gewinnt. Sonst würde auch gegen die unsoziale Unterbringung mancher osteuropäischer Aufbauhelfer vorgegangen, mit deren Hilfe es ja erst möglich ist, lokale Subunternehmer derartig unter Druck zu setzen, dass die eben auch an der Sicherheit sparen um einigermaßen kostengünstig zu sein.

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Entschuldigung, aber genau das ist die Haltung mit der sich nie etwas ändern wird in unserer Branche. Solche Proletenattitüden ala ich mach das schon so lange, und ich weiss alles, haben doch mit dem Kern der Aussage des Artikels nichts zu tun.
      Und ich bin dafür das regelmässig Kontrollen durchgeführt werden was Arbeitsmaterial wie Leitern und Trusslifte betrifft. Was uns die Firmen manchmal für einen Dreck mitschicken ist eine Frechheit.
      Roncalli Messebau war mit Anfang 20 noch lustig, mit Ende 40 macht das keinen Spaß mehr.
      Bei dem Thema Toiletten könnte ich fast überall kotzen. 2 Schüsseln für eine ganze Halle? Und wenn du was zum hallenmeister sagst wie die aussehen, kriegst du nur ein schulterzucken zurück. Der muss da ja auch nicht drauf.

      Ich finde es müsste mehr solcher Artikel geben, in größeren Medien, damit die Herren von da oben endlich mal auch die Arbeitsbedingungen wahrnehmen und nicht nur unsere Arbeitsergebnisse bestaunen.

      Auf diesen Kommentar antworten
  3. Wenn ich all das lese , kann ich auch auf der Couch bleiben. Mache den Job seit 1995 war wegen Kalk in der Schulter und wegen Gallen Durchbruch im Krankenhaus.
    Mehr auch nicht.
    Ok , mit gaffa geglückte kleine Schnittwunden mal aussen vor.
    An alle extrem Sicherheitsverliebte , geht doch ins Bett wenn euch keiner lieb hat.
    Was denkt ihr euch eigentlich wenn ihr sowas schreibt??
    Das alle nur Idioten und Hammerwerfer sind?
    Sorry , aber es soll auch solche geben, die wissen was sie tun.
    Der Rest, der mir nicht beipflichten mag, der sollte es im Baumarkt als Schraubenverkäufer versuchen.

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Hallo Frank Schürmann,

      als Autor des Artikels kann ich nur sagen, dass die geschilderten Dinge keine Seltenheit sind. Leider. Dass “Alle” so handeln, habe ich nie behauptet.

      Viele Grüße
      Falco Zanini

      Auf diesen Kommentar antworten
  4. Das Problem an der stelle ist (natürlich ist es für die menschen gut) das leider zu wenig passiert. irgendwie schafft es unsere Branche weder mit eingestürzten Messeständen noch mit großen Personenschäden in Zeitungen zu landen. (ich möchte nicht das dies passiert) Aber wenn mehr passieren würde, würden sich auch die Firmen die meist aus Kostengründen auf Sicherheit verzichten gedanken machen müssen wie sie ihre Arbeiten so Planen das keiner zu schaden kommt

    Solange diejenigen (wir) die es Aufbauen nicht irgendwann mal Stopp sagen und lieber mit einem unzufriedenen Kunden leben als es trozdem irgendwie hin zu richten, wird sich erstmal nichts ändern.

    Auf diesen Kommentar antworten
  5. Aber Container haben doch 4 Eckbeschläge die sogar den Fisat Richtlinien bei weitem genügen…

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Genau, haben sie. Es wäre ein leichtes, ein Anschlagseil dort zu befestigen und der Kollege braucht nur noch sein mitlaufendes Personensicherungsgerät dort einklinken. Aber genau daran denkt eben niemand…

      Auf diesen Kommentar antworten
  6. Toll geschriebener Artikel. Seit Jahren taumelt die Branche vor sich hin. Wenn man die Arbeitsleistung mit anderen Branchen vergleicht überragend, wenn man den Rest vergleicht beschämend. Nach wie vor fehlt eine Vereinigung der, die es vor Ort ausbaden müssen.

    Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar zu Andreas Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren