Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei

Kolumne zur Berliner Volksbühne

Das waren rauschende Jahre in der Berliner Volksbühne mit Frank Castorf. Wir haben oft darüber berichtet und erfrischende Interviews mit Herbert Fritsch oder Bert Neumann gemacht. Am Rosa-Luxemburg-Platz schlägt das Herz der lebendigsten deutschsprachigen Bühne noch bis 2016, dann kommt die Transplantation.

Chris Dercon
Chris Dercon: Kurator der Tate Modern und neuer Intendant der Berliner Volksbühne. (Bild: CC BY-SA 2.0 Thomas Aurin/Volksbühne )

Mit viel Theaterdonner aus der Gasse heraus wird der gebürtige Belgier und jetzige Kurator der Tate Modern, Chris Dercon, neuer Intendant. Aufgepasst, ihr Heckenschützen, der Mann ist auch Theaterwissenschaftler! Und ob es so verkehrt ist, die Bühne mit dem Markenzeichen „Ost“ im Jahr 2016 nach Europa auszurichten? Aber da wurde Berlins Kulturmanager Tim Renner von Opa Peymann gleich zum Zwerg degradiert, dabei war der Ex-Bochumer und Ex-Wiener und noch Berliner-Ensemble-Chef derjenige, der in der Vergangenheit am meisten gegen das Haus auf dem Hügel da oben giftete. Der Rock’n’Roll von Castorf sei unbedeutender Kinderkram. Dercon ist ein kluger Kopf, dem man mal zuhören kann und sollte, bevor man die Haubitzen abfeuert. Der Mann macht sich durchaus Gedanken darum, wie man prozessorientiert arbeiten kann, ohne gleich wieder das künstlerische Prekariat zu vergrößern. Und prozessorientiert war die Volksbühne längst. Und auch das Ensemble der Neunziger und Nullerjahre ist in alle Winde zerstreut und kommt nur noch für einzelne Produktionen ans Haus. Mit dem Etikett „neoliberal“ hat das alles nichts zu tun. Aber damit verteidigen die deutschen Schauspiel- und Regiebeamten gerne ihre Privilegien. Der deutsche Theaterbetrieb ist alles andere als eine offene, durchlässige Struktur. Ausnahmen bestätigen die Regel, die auf 90 % der Bühnen des Landes aus bestenfalls mittelmäßiger Langeweile besteht. Da fehlen Mut und Visionen und nicht das Geld, wie gerne totschlagargumentiert wird.

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Ausnahme zwischen den Anpassern und Duckmäusern

Der reale Osten war nicht subversiv. Castorf wurde vor die Kader und den Kadi gezerrt und in die Provinz verbannt. Der Osten war Mielkemiefig und Honecker-grau und bestenfalls mal von der SED in knappen blassen Farben gemalt, die man vor lauter Staub trotz alledem kaum erkennen konnte. Castorf war die Ausnahme zwischen den Anpassern und Duckmäusern. Jegliche Konvention explodierte. Castorf ist ein Sprengmeister. Er holte Pollesch und Schlingensief. Letzter machte mit dem Mut des unangepassten Bürgersohns sowieso, was er wollte, und Statttheater statt Staatstheater.

Frank Castorf
Frank Castorf ist deutscher Regisseur und Intendant der Volksbühne Berlin. (Bild: Thomas Aurin)

Das waren die wilden Jahre mit dem Documenta-X-Ableger „Tötet Helmut Kohl!“ und der Schröderschen „Berliner Republik“. Schlingensief hat die Chance zu scheitern 1998 postuliert. Habt ihr das vergessen, ihr wild ballernden Heckenschützen aus den wohltemperierten Orchestergräben? Christoph war kein Brunello schwenkender Bespaßer, der hat das ernst gemeint, und diese Chance wollt ihr jetzt Chris Dercon nicht zugestehen? Dabei sammelt er doch längst interessante Protagonisten wie den Paten Alexander Kluge oder die junge Susanne Kennedy um sich. Vielleicht ist das eine inszenatorische Sackgasse, aber lasst die doch erst mal auf die Avenue. Und Kluge war doch in den wilden Jahren dabei. Legendär seine somnambulen TV-Gespräche. Er kennt die alten und die neuen Beschicker auf dem Markt der Eitelkeiten aus dem Effeff. Und Kluge gab schon bekannt, dass er gerne auch künftig mit Castorf zusammenarbeiten möchte, da ihm dessen Ästhetik nahe sei, nicht anders als bei Dercon. So stand es in der Stuttgarter Zeitung. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ich ein Volksbühnenjunkie bleibe!

Gentle(wo)men, es war mir ein Vergnügen

Der Designer Bert Neumann klassifizierte die Volksbühne als Theater, an dem die Künstler das Zepter in der Hand haben und nicht die Kuratoren. Wie war das wunderschön mit dem Marthaler-„Murx“ oder „Des Teufels General“, was übrigens mein erster Volksbühnen-Castorf war. Da marschierten die Angerer und die Rois noch recht juvenil mit. Ja, der Castorf hatte mal das Powerensemble weiblich wie männlich: mit Hübchen, Wuttke, Fritsch, Peschel oder Schütz, und mit Astrid Meyerfeldt und Silvia Rieger auch noch auf dem großartigen Frauenkonto der doppelten Buchführung. Jonathan Meese durfte sich stundenlang ver – lieren, die so wunderbar zarte Seele Volker Spengler seinen Text vergessen und Joseph Bierbichler hackte festmeterweise Holz. Im „Obszönen Werk“ habe ich mich in Kathrin Angerer verliebt, und da zog sich doch eine Berufsstripperin jeden Abend aus. Die Sache mit dem Fritsch wurde eine Freundschaft. Zusammen haben wir das Fraunhofer-Event „Fest der Forschung“ gerockt.

In einer grandiosen „Endstation Amerika“, die eine tolle Sehnsucht war, kippte die ganze Mischpoke aus dem Schlussbild. Tragödie wie Komödie ist die Vergeblichkeit des Kampfes. Sterben müssen wir alle. Gut, wenn wir dabei nicht krepieren! Da waren die dollen, nicht enden wollenden Dostojewski-Partys oder 2005 diese Brasilianer aus dem Sertão. Zé Celsos Teatro Oficina aus Brasiliens São Paulo überzog das Haus am Rosa-LuxemburgPlatz mit Samba und Urwaldzauber und der uralten Tanzkönigin Renée Guimel. Ich durfte über die „Die Ekstase der Aufklärung” (siehe EVENT PARTNER 5.05, Seite 90) seinerzeit berichten. Man/frau war „part of it“ or „missed it“. Ich kenne kein Theater, das so eine große Offenheit gegenüber seinem Publikum hat(te). Eine Konstante im Pressebüro war eine immer hilfsbereite Heike Sobisiak, der ich manche Premiere schulde. Auch der sei gedankt für die wundervollen Stunden. Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei. Und Castorf ist keine Dauerwurst und der Dercon bestimmt kein Würstchen. Feiern wir gemeinsam den Rest, Volksbühne, you are the best!

Wer mehr über Zé Celso und sein Teatro Oficina wissen will, der findet hier den Essay “Die Ekstase der Aufklärung” von Andreas Schäfer. 

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