Die Ekstase der Aufklärung

Essay: Zé Celso und sein Teatro Oficina

Der Mensch sucht die lustvolle Wahrheit. Das sagt zumindest Alexander Kluge, der Tiefenmesser deutscher Kultur. Wenn Kunst die Wahrheit sucht, kann das auch lustvoll sein. Das beweist Zé Celsos Teatro Oficina aus Brasiliens São Paulo, und zwar par excellence. EVENT PARTNER-Autor Andreas Schäfer besuchte ein vielstündiges Happening für die literarisch/philosophische Event-Ecke.

Szene aus der Berliner Uraufführung von "KRIEG IM SERTAO 2, Der Mensch 1" nach dem gleichnamigen Roman von Euclides da Cunha am 14.9.2005 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Szene aus der Berliner Uraufführung von “KRIEG IM SERTAO 2, Der Mensch 1” nach dem gleichnamigen Roman von Euclides da Cunha am 14.9.2005 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. (Bild: Copyright Thomas Aurin)

Über Musik zu reden ist angeblich so, wie über Architektur zu tanzen. Der Schöpfer dieses Vergleichs wird Pina Bausch nicht gekannt haben. Mit der Ekstase verhält es sich wahrscheinlich ähnlich. Der Begriff Ekstase (von griech.: ekstaseo = aus sich heraus treten, außer sich sein) bezeichnet eine Zustandsveränderung des Bewusstseins zu gleichermaßen höchster Hingabe und höchstem Aufnahmevermögen. Schafft man es, einen langwierigen, nicht langweiligen Essay von über siebenhundert Seiten, mit reihenweisen Naturbeschreibungen, zum Thema eines Bürgerkriegs in der brasilianischen Wüste zu irgendetwas Ekstatischem zu verarbeiten? So, wie es in Brasilien tatsächlich einen Wüstenlandstrich gibt, so kann es auch gelingen, den „Krieg im Sertao“ nach Euclides da Cunha in ein ekstatisches Happening zu inszenieren. Allen voran, die brasilianische Pina Bausch namens Renée Guimel. Alter: 93 Jahre!

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Das Sambatemperament spielt natürlich eine Rolle, wenn auch fern jeder Unterhaltungsfolklore. Es ist eben so, als ob Brasilianer Fußball spielen. Oder so, wenn Ismael Ivo tanzt. Und sei es zum Klicken von tausend Verschlüssen von Fotoapparaten und einem Dutzend weißer Lilien zu Ehren von Robert Mapplethorpe. Ismael Ivo hat sogar schon mit Renée Guimel getanzt. Aber das ist 25 Jahre her. Und ein anderes Kapitel.

Renée Guimel tanzt jedenfalls in der Sambareihe, die zum Ritual – vor jeder Aufführung – des Theatro Oficina zählt. Das Teatro Oficina aus dem São Paulo und dem Brasilien, das uns der Münchner Soziologe Ulrich Beck vor Augen hält, wenn er von der Brasilianisierung Deutschlands spricht. Damit meint er eine zerfallende Gesellschaft – auch mit ihren Gettos, den Favelas. Das Teatro Oficina hat eine alte Fabrik in einem solchen Armutsviertel als Heimat gewählt. Es hat dort nicht nur Heimat, es bietet solche für heimatlose Indianer wie auch streunende Straßenkinder. Die spielen ebenfalls mit! Brasilien ist ein Billiglohnland, und so kann sich das Teatro Oficina ein dutzendköpfiges Ensemble leisten, wie man sie in solcher Größe nur an den allerreichsten Opernhäusern dieser Welt erleben könnte – wenn man kann.

Überhaupt ist dieses Teatro Oficina mit seiner Mischung aus Sprache, Bewegung und Gesang der Oper nahe. Es liefert die moderne Volksoper, könnte man sagen. Ja, es erinnert an Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil und seine Revolutionsspektakel. Es ist jedoch radikaler, weil es dem Körper ein anderes, höheres Gewicht zur Sprache hin verleiht. Zu dieser Radikalität gehört auch Nacktheit, oft und viel, allerdings nicht ständig, und fernab vom Peep-Show-Muff. Gemäß des Performancekünstlers und NLP-Trainers Robert Reschkwoski ist der Körper ein Erkenntnisorgan. Und so kann man ihn, den Körper, im Teatro Oficina auch verstehen. Denn das Publikum wird zum Mitakteur und zum Mitverschwörer. Gegen zerstörerische Ausbeutung und für ein besseres Leben. Das spürt man an diesen Abenden manches Mal. Auch hautnah, denn vor Berührung schreckt man im Sertao nicht zurück.

Von der Mitmachsambafolklore ist das Theater jedoch mindestens so viele Längengrade entfernt, wie Deutschland von Brasilien. Auch diese, die Längengrade, kommen vor. Mit Gummitwist werden geographische Daten markiert. Die Bühne ist ein vierzig Meter langer Pfad aus Lehmziegeln. Vier Meter breit. Das Publikum sitzt links und rechts davon auf Podesten – wenn es denn nicht grade am Gewühl partizipiert. Ellenlange Stoffbahnen markieren Flüsse ebenso wie durchsichtige Schläuche, die auch Arterien und Venen sein könnten, weil sie mit blauen wie roten Flüssigkeiten gefüllt sind. Jedes Detail dieser siebenhundert Seiten wird körperlich. Menschen werden Landschaften, Korb- oder Lippenblütler, Asteraceae oder Laminaceae wie der Text es vorgibt. Der ist selten Monolog, er ist Chor und ebenfalls wieder Untergrund für überraschende Körperchoreographien.

Dirigiert wird das auch. Der weißhaarige Zé Celso nimmt sich nicht aus. Er steht inmitten von Vulkanen oder Menschenfressern, je nachdem. Im Gegensatz zum fetten Bischof, werden ihm die Kannibalen nichts anhaben. Er ist Schamane, wenn es der Impuls erlaubt. Zé Celso und seine Bande könnten als Abziehbild für eine Sekte herhalten, wenn sie nicht einem anderen Ziel dienen würden. Das Ritual ist kein Verdecken und Verbrämen, es ist nackte Aufklärung. Gram bleibt ebenfalls draußen. Dabei gehört der Dirigent des Körperchores zu den Folteropfern der brasilianischen Militärdiktatur. Politisches muss nicht langweilig sein. Das demonstriert diese Seleção – auch über vierundzwanzig Stunden. Denn so lange dauert dieser „Krieg im Sertao“. Allerdings portionsweise auf fünf Theaterabende verteilt. Er beweist, dass Sinn schweißtreibend sein kann. Und dass man (eine) Geschichte quasi am laufenden Band erzählen kann.

Auf Events angewendet, hieße das: runter von den Podestbühnen und hin zu den Menschen! Barrieren abreißen und Botschaften wagen, die über ein kleines Verkaufseinmaleins hinausgehen und nicht nur mit dem Dessert den Komiker servieren. Ein solches sinnliches Treiben ließe sich trefflich übertragen, heißt aber auch die Abkehr von Konventionen. Das Teatro Oficina macht den Gast zum Subjekt der Teilhabe. Das geschieht fernab von unechten Gefühlen und fernab vom pathetischen Schmalz, den uns „Du bist Deutschland“ in die Ohren stopft. Das eine ist Kunst. Das andere ist unverschämt.

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