Kontroverser Kommentar

Werden Hybrid-Events das „New Normal“?

Präsenz ist die Pflicht, online die Kür. Davon ist Prof. Dr. Hans Rück, Dekan Fachbereich Touristik/Verkehrswesen an der Hochschule Worms, überzeugt. Im Kommentar hinterfragt er, welche Zukunft Hybrid-Events wirklich haben.

Prof. Dr. Hans Rück
Prof. Dr. Hans Rück (Bild: Hochschule Worms)

Für die Zeit nach dem Ende der Pandemie und für die Zukunft wird derzeit häufig prognostiziert, hybride Veranstaltungen würden „das neue Normal“ werden. Daran habe ich starke Zweifel. Wenn in Zukunft immer zwei Veranstaltungen statt einer durchgeführt werden sollen, müssten die Budgets deutlich wachsen. Oder bei gleichbleibenden Budgets müsste die Zahl der Veranstaltungen deutlich sinken. Beides ist wenig wahrscheinlich.

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Die aktuelle Diskussion um hybride Veranstaltungen ist eine sehr Theoretische und Abgehobene, wie man sie von Wissenschaftlern in Elfenbeintürmen erwarten würde, nicht aber von gestandenen Praktikern. Hier wird – im wahrsten Sinne des Wortes – die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn einer muss den hybriden Spaß ja bezahlen …

Meine Prognose lautet: (1) Präsenzveranstaltungen werden mit Macht zurückkommen. Allerdings wird es noch dauern, ich schätze bis 2023/24, bis wir das alte Niveau wieder erreichen werden.

Warum bleibt die Präsenzveranstaltung der Standard? Sehr einfach: Veranstaltungen zeichnen sich durch drei konstitutive Merkmale aus: Sie sind inszeniert, interaktiv und multisensorisch. Online-Events genügen diesen Anforderungen nur sehr unvollkommen. Das haben wir während der Pandemie sattsam erleben (und erleiden) dürfen. Wir erkennen heute klar – klarer als vor der Krise – die enormen Vorzüge, aber auch die enormen Beschränkungen von Online-Veranstaltungen (und diese Stärken und Schwächen gelten natürlich auch für hybride Veranstaltungen): Wir haben zum einen gesehen, welch enormer „Reichweiten-Booster“ Online sein kann: Internationale Kongresse beispielsweise konnten ihre Reichweite um das Drei- bis Vierfache steigern! Wir sehen zum anderen aber eben auch „Zoom-Fatigue“, das fast vollständige Fehlen von Emotionen, die Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit der Begegnung (mal schnell einschalten und dann was anderes machen und auch schnell wieder ausschalten) und die geringe Nachhaltigkeit z. B. des Wissenszuwachses (– können wir bei unseren eigenen Studierenden empirisch sehr gut sehen).

Reine Online-Events erscheinen uns heute, am Ende der Pandemie, wenn wir ehrlich sind, als Krücke. Als Notlösung, die sie ganz überwiegend auch waren. Viele sehnen sich deshalb zurück nach Präsenzveranstaltungen. Vor allem wegen des zwischenmenschlichen Faktors, wegen der persönlichen Begegnung, wegen dem Netzwerken. Es wird aber, so sieht es jedenfalls im Moment aus, noch eine ganze Weile dauern, bis Präsenzveranstaltungen zurückkommen. Aktuell sehen wir auf den ersten Branchen-Events immer wieder hohe No-Show-Quoten; auf Seiten der Teilnehmer – nicht nur bei Konsumenten, sondern auch bei Business Professionals – herrscht noch viel Angst. Das wird noch eine ganze Weile so gehen. Aber zurück zum Thema.

Trotzdem wird es in Zukunft auch für (2) reine Online-Veranstaltungen einen Markt geben, und er wird deutlich größer sein als bisher. Denn viele Veranstalter haben festgestellt, dass für bestimmte Formate und für bestimmte Zwecke eine reine Online-Veranstaltung vollkommen ausreicht. Ich nenne ein Beispiel aus meiner eigenen Beratungspraxis: Eine ärztliche Fortbildung, bei der es um eine reine Auffrischung bereits vorhandenen Wissens geht, lässt sich fast ohne empfundenen Qualitätsverlust reinweg online durchführen, so die Rückmeldung der Teilnehmer.

Und nun zu den (3) hybriden Veranstaltungen. Sie werden nach meiner Prognose für eine Übergangszeit nach dem Ende der Pandemie tatsächlich eine Brücke bilden und ein deutliches Wachstum verzeichnen. Spannend wird hierbei zu sehen sein, welches Konzept sich im Rahmen hybrider Veranstaltungen durchsetzen wird: „Digitale Klone“ (Präsenzveranstaltungen 1:1 ins Netz übertragen) oder eigenständige Online-Veranstaltungen (welche die Gesetzmäßigkeiten des Mediums berücksichtigen und deshalb im Ablauf von der Präsenzveranstaltung abweichen)? Letzteres ist die sinnvollere Lösung (aber auch teurer, da sind wir wieder beim Budget), und in diese Richtung sollten die Bemühungen (auch: Ausbildungsbemühungen, Stichwort Berufsbild) der Branche zielen.

Ob hybride Veranstaltungen danach ihre Marktstellung behaupten können, liegt nicht zuletzt an der Entwicklung der Veranstaltungsbudgets und der Preisentwicklung der Anbieter. Am lieben Gelde hängt zuletzt eben doch alles! Auch die Nachfrage nach hybriden Veranstaltungen, die die teuerste aller drei hier beschriebenen Lösungen darstellen.

Aber auch dann muss immer klar sein: Bei hybriden Veranstaltungen hängt das Digitale am Realen, umgekehrt gilt das nicht. Deswegen ist das Bild von einem Hybrid-Event, welches gewissermaßen von zwei Motoren angetrieben wird, so misslungen. Es gibt nur einen Motor, und das ist die Präsenzveranstaltung! Der digitale ist ein Hilfsantrieb, der ohne den ersten nicht läuft. Er soll den ersten unterstützen, kann ihn aber nicht ersetzen. Das wird spätestens dann klar, wenn man sich vorstellt, dass ein Veranstalter mit knappem Budget vor der Frage steht, wo er kürzen soll: bei der Präsenzveranstaltung oder beim Online-Ableger? Die Antwort ist klar: Präsenz ist die Pflicht, online die Kür. Das ist meine langfristige Prognose.

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich kann Ihnen da nur vollkommen zustimmen. M. E. sollten wir die beiden Medienformate “realer Event” und “virtueller Event” strikt als eigenständige Formate betrachten und sie als solche zur stärksten Entfaltung bringen. Wenn man auf Teufel komm raus etwas hybrid machen will, dann kommt man sehr schnell an einen Punkt, wo der virtuelle Event den realen begrenzt. Denn eine virtuelle Veranstaltung ist nunmal von den gestalterischen Möglichkeiten beschränkter als eine reale (Stichwort “nur” Informationsvermittlung funktioniert wirklich gut). Wenn wir in Zukunft alles gleichberechtigt hybrid machen, werden wir tendenziell nur noch Veranstaltungen mit starken Fokus auf Informationen durchführen. Die Emotionen blieben auf der Strecke. Und das kanns ja nicht sein, oder?!?

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  2. Nein, sehr geehrter Herr Lichtenegger, das kann’s nicht sein! Viele sprechen im Moment davon, dass man Präsenz- und Online-Veranstaltung möglichst weitgehend miteinander verschmelzen und für Interaktionen der beiden Teilnehmerkreise sorgen sollte, damit sich der Remote-Teilnehmerkreis nicht benachteiligt fühlt. Dieses Bestreben scheint mir wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Am Gefühl der Benachteiligung der Remote-Teilnehmer wird man kaum etwas ändern können, denn sie sind nun mal faktisch benachteiligt: Remote heißt „Mensch-Maschine-Mensch-Dialog“, Präsenz heißt „Mensch-Mensch-Dialog“. Ich wüsste nicht, welche Technologie in der Lage sein sollte, diese grundlegende Diskrepanz zu beseitigen. Und ich gehe noch weiter. Aus meinen bisherigen Erfahrungen heraus muss ich sagen: Versuche, eine Interaktion zwischen Präsenz- und Remote-Teilnehmern herzustellen, stören eher den Veranstaltungsablauf. Man muss sich das sehr sorgfältig überlegen. Insofern stimme ich Ihnen zu: Tendenziell sollte man Präsenz und Remote trennen und, wie ich in dem Beitrag oben geschrieben habe, eigenständige Online-Formate entwickeln, die den Gesetzmäßigkeiten des Mediums Rechnung tragen. Präsenzveranstaltungen, die einfach ins Netz übertragen werden (“digitale Klone”), genügen diesen Anforderungen in aller Regel nicht!

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  3. Sehr geehrter Herr Lichtenegger, eine interessante Einschätzung, die ich aber aufgrund meiner praktischen Erfahrungen der letzten Monate gar nicht teilen kann. Worauf stützen sich ihre Prognosen. Es wirkt einwenig so, als würden sie einer Vergangenheit Zukunft einreden. Das wird nicht passieren. Denn das Hybride hat sich längst durchgesetzt. Und das Argument der doppelten Budgets ist einfach nicht validiert. Unsere Kunden nutzen mit gleichen Budgets, die Chance ihre analogen, traditionellen, oft leicht eingestaubten und vor allem einmaligen Events in persistente, dauerhafte Kampagne zu überführen. Die Customer Experience bekommt einen Schwung, der in simplen Präsensveranstaltungen noch nie möglich war.

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