Produkt: Event Partner Digital 01/2018
Event Partner Digital 01/2018
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Unendliche Kreativität vs. Zeit, Geld und Machbarkeit

Interview mit Raum- und Medienkünstler Björn Beneditz

Björn Beneditz ist Raum- und Medienkünstler, Musiker, Markenmacher, Performer und künstlerischer Berater diverser Bands. Unter anderem auch für die Hamburger Hip-Hop- und Electropunk-Formation „Deichkind“, die für ihre abgedrehten Inszenierungen berüchtigt ist. Können Marken von derartigen Performances lernen? Ein Gespräch.

Björn Beneditz
Björn Beneditz (Bild: Carola Wagenplast)

Björn Beneditz muss sich zuweilen um seine eigenen zwei Kinder kümmern. Zu Hause und draußen in der Musik- und Markenwelt sorgt er sich um Neues. Neben den leiblichen Kindern ist es unter anderem die Band Deichkind, um deren visuelles Erscheinen er sich dann mit seiner Berufstätigkeit kümmert. Der 40-jährige Hamburger Vater sprach mit EVENT PARTNER über seine Gestaltungs- und Inszenierungsarbeit, Kreativität und die heutigen Anforderungen daran. Bands wie U2 oder Velvet Underground haben ihn geprägt.

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Wie sind Sie zu dem gekommen, was Sie heute machen?

Mit Henning Besser (DJ Phono) hatte ich die Band „Extra“ aus Hamburg. Henning Besser war damals der Tour-DJ bei Deichkind. Für das Album „Aufstand im Schlaraffenland“ benötigten die einen Grafiker/Künstler für die Gestaltung des Artworks. Henning empfahl mich der Band und ich erstellte zum ersten Mal für Deichkind ein Album Artwork. Seit 2004 arbeite ich als künstlerischer Berater der Band.

Damals war es für mich sehr spannend, neben dem Kunststudium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg an einer Musik-Pop-Produktion teilzuhaben. Viele Theorien oder Ideen aus dem Kunstumfeld haben wir damals versucht, in die Musikproduktion und in erste Live-Shows einfließen zu lassen. Mich haben damals konzeptuelle Kunstrichtungen interessiert. Zudem die Frage, wie bestimmte Ideen oder Haltungen von der Hochkultur in den Mainstream wandern und anders herum. Also, wie ist die Verbindung zwischen Hochkultur und Massenkultur? Es ging immer um die Fragen, was kann Pop, was kann Kunst? Kann Pop bestimmte Zustände verändern? Und wenn ja, wie? Zum Zweiten ging es immer um die Idee. Welche Form beziehungsweise welches Medium daraus erwächst, ist erstmal zweitrangig, ob Plattencover, T-Shirt, Songtext, etc.

Seit 2014 erstrecken sich meine Aufgaben vom Musik Artwork wie Grafikdesign, Requisitendesign, Merchandise, Performance bis hin zur Live-Inszenierung. Zusammen mit Henning Besser und der Band entwickle ich Requisitendesigns und Konzepte für die Live-Show. Seit 2017 habe ich auch für andere Bands diverse Live-Ideen umgesetzt, wie etwa für Scooter oder Fünf Sterne Deluxe. Zudem habe ich für diverse 1007510075Agenturen an Live-Marketing-Konzepten für verschiedene Marken gearbeitet.

Deichkind live 2020
Deichkind live 2020 (Bild: Björn Beneditz)

Was ist Ihre Motivation?

Ich fand es immer spannend, die beiden sozialen Bereiche Popkultur und bildende Künste miteinander zu verbinden und mit beiden Ausdrucksformen zu experimentieren. Ausdrucksformen der jeweiligen Disziplinen zu vertauschen und spielerisch weiterzuentwickeln. Deichkind hat einen sehr experimentellen Ansatz in allen Formen, der in der deutschen Poplandschaft einzigartig ist.

Ich liebe Inszenierungen, die Möglichkeit, mit Konzerten Menschen zu begeistern und einen Raum oder ein Erlebnis zu schaffen, welches eine Art Entrückung vom Alltag darstellt. Die Konzertbühne als „Behauptungsmöglichkeit“ zu betrachten und eine eigene Welt zu schaffen.

Wie definieren Sie Kreativität?

Ich denke, der Begriff der Kreativität wird aktuell erneuert. Was vor einigen Jahren noch dem „Künstler“ vorbehalten war, nämlich kreativ sein zu müssen oder zu dürfen, wird aktuell auch in anderen kunstfremden Branchen vorausgesetzt und angewendet. Kreativität kann nerven, anregen, unter Druck setzen, sich künstlich erzeugen, als Selbstverständlichkeit betrachtet werden etc.

Dank neuer Technologien verbreiten immer mehr Menschen ihre künstlerischen kreativen Ideen. Es gibt gefühlt unendliche Kreativität. Was aber konstant bleibt, ist, dass es einen bestimmten „Raum“ geben muss, um mit ihr zu arbeiten. Für mich war immer wichtiger: Wie lässt sich ein bestimmter „Freiraum“ erzeugen und erhalten, fernab von ökonomischen Zwängen? Und dann: was macht man mit all dieser Kreativität?

Den ökonomischen Aspekt finde ich anschließend genauso spannend. Damit meine ich: Die schier unendliche Ressource Kreativität stößt auf endliche Ressourcen wie Zeit, Geld und Machbarkeit. Dann wird es spannend, was man mit Kreativität so alles anstellen kann.

Ist das Arsenal an inszenatorischen Mitteln schon ausgereizt?

Nein, noch lange nicht. Zukünftig wird es spannend, wie sich die Digitalisierung entwickeln wird. Noch finde ich VR/AR im Konzertbereich nicht wirklich überzeugend. Einen wirklichen Mehrwert empfinde ich dort nicht. Aber das wird sich in den nächsten Jahren durch neue technische Möglichkeiten ändern. Ich denke, es wird dann ähnlich wie bei den Musikdatenträgern: Ein historischer Datenträger wie die Vinylplatte, CD, USB oder Streaming werden nebenher existieren. Angewendet auf das Konzerterlebnis wird es das kleine intime Konzert mit Gitarre und das Multimedia-VR/AR-„Wahnsinns-Show“-Spektakel geben. Die Fans werden sicher beides interessant finden und es wird als ganz natürlich wahrgenommen werden.

Auch werden immer mehr „Künstler“ ihre eigene Plattform digital nutzen können. Auch was das „Live-Erlebnis“ angeht. Digitale Konzerterlebnisse werden ja jetzt schon entwickelt. Ich finde es spannend, wie sich analog und digital beeinflussen und neue Möglichkeiten schaffen.

Cover des neuen Deichkind Albums „Wer sagt denn das“
Cover des neuen Deichkind Albums „Wer sagt denn das“ (Bild: , Björn Beneditz + Giraffentoast )

Was ist der Unterschied in der Inszenierung einer Band oder einer Marke

Verkürzt betrachtet, sehe ich erstmal kaum einen Unterschied. Sensibilität für die Marke und die Band und das richtige Gespür sind bei beiden Disziplinen ähnlich. Oberflächlich gesehen, ähneln sich viele Marken oder Bands. Arbeitet man aber an einer bestimmten Fragestellung und/oder Umsetzung, bin ich immer wieder überrascht, wie groß die Unterschiede sind. Selbst bei Bands oder Marken im gleichen Leistungsspektrum.

Eine Band hat auch ein bestimmtes Leistungsversprechen, genauso wie eine Marke. Natürlich ist das Versprechen einer Band im Musikbereich ein anderes. Zudem ist die Inszenierungsform doch noch klassischer. Die Länge eines Konzerts hat meistens 90 bis 120 Minuten. Es findet oft in einer großen Halle oder auf Festivals statt. Die Zuschauer stehen vor der Bühne, die Performer auf der Bühne. Die Konzertrituale – also das Verhältnis zwischen Performern und Zuschauern – haben sich in den letzten Jahren nicht großartig verändert. Bei Markeninszenierungen kann man schon ganz anders arbeiten, zudem ist ein höheres Budget vorhanden. Man darf auch nicht vergessen, dass manche Bands gar keine Lust haben oder die Notwendigkeit sehen, sich besonders zu inszenieren. Für die geht es eher darum, besonders „authentisch“ auf der Bühne wahrgenommen zu werden.

„Die Größe einer Videowall ist immer erst einmal beeindruckend, danach aber merkt man schnell, ob der Content dies auch ist – oder nur reine Deko”

Björn Beneditz

Welche Rolle spielen Medien wie Video und Interaktivität?

Mit Video habe ich bisher wenig Erfahrung, weil mir das auch immer sehr austauschbar erscheint. Die Größe einer Videowall ist immer erst einmal beeindruckend, danach aber merkt man schnell, ob der Content dies auch ist – oder nur reine Deko. Ich kenne kaum ein positives Erlebnis, außer vielleicht die U2-Pop-Tour oder „Achtung Baby“, wo Setdesign, Content und Videowall ineinander verschmolzen und für mich Sinn ergaben.

Danke für das Interview.

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