Im Zeitalter des Neoanalogen

Interaktive Eventtechnik: Digital is the New Normal

Veranstaltungen leben zu einem großen Teil von neuen Technologien. Welche sich am Ende durchsetzen, ist oft fraglich, denn der menschliche Erfindergeist bringt immer neue Ideen auf den Markt. Wir haben mit Professor Christian Schmachtenberg, Kreativdirektor bei facts and fiction, gesprochen, der bei seinem Besuch auf der South By Southwest spannende Erkenntnisse gewonnen hat, die sich auch auf die Eventwelt übertragen lassen …

Prof. Chris Schmachtenberg
Prof. Chris Schmachtenberg, Kreativdirektor bei Facts and Fiction (Bild: Privat )

Du warst auf der South By Southwest (SXSW) in Austin und hast dort auch selbst einen Vortrag gehalten. Was bleibt mit ein paar Tagen Abstand von der Konferenz übrig?
Ich blicke auf eine sehr inspirierende Zeit zurück. Was ich gelernt habe: Man sollte nicht den Anfängerfehler machen und zu den Panels und Vorträgen gehen, die mit der eigenen Arbeit zu tun haben. Viel interessanter ist es da, wo die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Geht zu den großen Keynotes und lasst euch betanken. Was mir vorab auch nicht klar war: Die DNA des mittlerweile größten Netzkulturfestivals ist und bleibt analog. Trotz aller Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, rocken in den Kneipen und Clubs feinste Gitarrensounds und Schlagzeugbeats. Das Highlight ist Pete’s Pianobar: Da duellieren sich zwei Klavierspieler und interagieren live mit dem Publikum. Wer da nicht ins grooven kommt, ist selber schuld.

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Trotz dieser analogen Herrlichkeit gab es aber doch ein Thema, das sich als roter Faden durch das Festival gezogen hat: Digital ist the new normal. Digital wird zur einer Grundvoraussetzung zeitgenössischen Lebens, so wie Strom, Wasser und Luft. Das lässt natürlich ganz neue Diskussionen entstehen. Was müssen in Zukunft Industrie, Staat und Wissenschaft unternehmen? Welche Reglementierungen sind notwendig? Welche Grenzen braucht AI? Was kann jeder Einzelne dazu beitragen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und die Risiken zu mindern? In einem Land, das durch seine aktuelle politische Landschaft tief gespalten ist, war die SXSW 2018 eine Ausgabe mit kritischem Blick und Tiefgang.

Pianobar
Trotz aller Digitalisierung bleibt das echte Erlebnis im Fokus. (Bild: Chris Schmachtenberg)

Natürlich bietet die SXSW auch Ausblicke in die digitale Zukunft. Ein gutes Beispiel hierfür war die „Audio Reality” Präsentation von Bose: Bose AR hat u.a. eine Brille entwickelt, die den Sound konzentriert auf das Ohr des Trägers richtet. Dieser hat die Ohren frei – der Effekt ist beeindruckend und gibt klar einen Hinweis, in welche Richtung sich Smart Glasses in den kommenden Jahren entwickeln werden.

Digital is the new normal. Heißt das, alles wird digital?
Nein, im Gegenteil, wenn digital normal wird, dann erlebt das Analoge seine Renaissance. Wir sind im Zeitalter des Neoanalogen angekommen. „Neoanalog!“. Ein neues Buzzword? Was ist neo an den analogen Erlebnissen der Zukunft? Im Kern geht es darum, dass Menschen die analoge Welt wiederentdecken und mit Technologien, Narrationen und Erlebnissen der digitalen Welt anreichern. Das kann auf ganz unterschiedliche Arten passieren: Die Industriedesignerin Léa Pereyre ist für mich zum Beispiel eine Vertreterin des Neoanalogen. Sie ist “Drohnenkostümbildnerin”. Zusammen mit einem Team von Ingenieuren ist Léa in der Lage, Magie und Poesie mit hoch entwickelten, choreographierten Drohnen zu schaffen. Technologie und Modedesign für Drohnen kommen hier zusammen und bilden eine Einheit.

Ein sehr schönes Beispiel hat HBO auf der SXSW zum Serienhit Westworld realisiert: Der Sender hat in Austin eine Nachbildung der (Film-)Stadt Sweetwater gebaut. Hier vermischt sich beispielhaft die virtuelle Serienwelt mit dem echten Leben. Westworld-Fans können Teil der virtuellen Welt der Sci-Fi-Serie werden. Echte Schauspieler, die die Androiden-Bewohner der Stadt spielen, lassen die Besucher ausgeklügelte Handlungsstränge erleben, interagieren mit ihnen. Ich hatte die Gelegenheit, Sweetwater zu besuchen. Es hat mich umgehauen.

Ähnlich wie bei Escape Games werden bei „Boda Borg“ die Gäste in eine reale Spielumgebung versetzt. Teams bewegen sich durch verschiedene Abenteuer und stellen sich einer Vielzahl von mentalen und physischen Herausforderungen. Erfolg in der ersten Herausforderung bedeutet Eintritt in die nächste Herausforderung und so weiter … Scheitern bedeutet, neu anzufangen oder eine andere Herausforderung auszuwählen. Keine Videospiele, keine virtuelle Realität, keine spezielle Kleidung oder Ausrüstung … echte Menschen, reale Herausforderungen, echtes Adrenalin und herzzerreißende Spannung. Das Geschäftsmodell wird hervorragend angenommen und soll weltweit ausgeweitet werden, denn das Verlangen nach dem Echten im realen Jetzt sind und bleiben interessant.

Ein anderes Beispiel mit ähnlichem Muster ist Meow Wolf. Meow Wolf schafft immersive, interaktive Erlebnisse, um Zuschauer jeden Alters in fantastische Gefilde der Geschichte und Erforschung zu entführen. Die erste permanente Installation der Gruppe, die im März 2016 mit Unterstützung von Game Of Thrones Schöpfer George R.R. Martin gestartet wurde, besteht aus einem mehrdimensionalen Mystery House mit Geheimgängen, Portalen zu magischen Welten, Klettergeräten und surrealen, hypnotisierenden Kunstausstellungen. Auch hier kehren Spieleentwickler zurück an ihre Wurzeln und transferieren die Erlebnisse ins wahre Jetzt. Neoanalog ist sicher ein Trend, den wir in den nächsten Jahren noch viel diskutieren werden!

Jenseits der SXSW arbeitest Du ja selber an verschiedenen Projekten, die man vielleicht als „neoanalog“ bezeichnen könnte, oder? Eines davon hat gerade einen goldenen Nagel beim ADC gewonnen, gratuliere!
Oh ja, da bin ich auch sehr stolz! Einen goldenen Nagel gewinnt man nicht alle Tage und der Erfolg bestätigt, wie wir aus Inhalten, Gestaltung und Technologie neuartige Erlebnisse formen. An der Hochschule Kaiserslautern – Fachbereich Bauen und Gestalten – leben wir die Haltung der Kollaboration. Wir pflegen den Austausch unterschiedlicher Disziplinen, sind im ständigen Diskurs mit dem DFKI (Deutsches Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz) und dem ZKM in Karlsruhe. Wir forschen an neuen Methoden, wie man das Echte mit dem Digitalen verschmelzen kann und die ausgezeichnete Bühnenshow der Zukunft ist ein Produkt dieser Entwicklung. Wir haben per Projection Mapping eine abstrakte Metamorphose von einer Raupe zu einem Schmetterling dargestellt. Besonders war daran, dass ein Schauspieler jederzeit live in das Projection Mapping eingreifen konnte. Wir wollten eine faszinierende Echtzeitinteraktion schaffen, die sich der Zuschauer mit seinen bisherigen, technischen Kenntnissen nicht erklären kann – und es hat geklappt.

Projection Mapping
Echtzeitinteraktion: Schauspieler konnten in das Projection Mapping dieser abstrakten Metamorphose interaktiv eingreifen. (Bild: Chris Schmachtenberg )

Ein weiterer neoanaloger Welthit made in Kaiserslautern ist der an der Hochschule entwickelte VR Coaster. Kollege Prof. Thomas Wagner hat die Achterbahn revolutioniert. Anstelle eine neue Achterbahn zu bauen, schafft er mittels VR Technologie ein völlig neues Achterbahnerlebnis. Dabei werden die analogen G-Kräfte des Rides genutzt und mit einer virtuellen Erlebnisfahrt gekoppelt. Das Ergebnis spricht für sich und der Erfolg kennt keine Grenzen: der VR Coaster wird weltweit verkauft.

Es ist wirklich Wahnsinn, mit welcher Hingabe und Motivation sich die Studierenden in die Gestaltung neuer Welten stürzen. Der FAMAB hat im Frühjahr in Kooperation mit der TU Chemnitz eine Studie veröffentlicht, die behauptet, dass es starke Nachwuchsprobleme in der Branche gäbe! Für den gestalterischen Bereich der Hochschullandschaft kann ich das nicht bestätigen. Im Gegenteil. Ich bin jeden Tag auf´s Neue begeistert, mit wieviel Verve die jungen Leute antreten.

Und dann arbeitest Du, zusammen mit krafthaus bzw. facts and fiction, ja gerade auch an einem Museumsführer, den Du auf der SXSW präsentiert hast. Kannst Du dazu schon was verraten?
Mein Kollege Safwan aus Dubai und ich hatten die Chance, den von Krafthaus entwickelten Museumsguide in Austin auf der next Stage vorzustellen. Wir haben eine Technologie entwickelt, die es erlaubt sich in einer Ausstellung frei zu bewegen und mit den Exponaten intuitiv zu kommunizieren bzw. zu interagieren. Der Guide verwandelt Ausstellungen in intelligente Räume, die individuell auf ihre Besucher reagieren. Das System erkennt die Besucher im Raum und präsentiert ihnen genau die Informationen und Erlebnisse, die sie brauchen – in ihrer Sprache, zugeschnitten auf ihre Interessen. Alles ohne Device. Nennen wir es neoanaloges Erleben! Der Raum als Ganzes kann plötzlich Dinge, die man vorher nur aus dem Netz kannte. Premiere wird in der von krafthaus bzw. facts and fiction entwickelten Ausstellung „Berlin und die Welt“ im Berliner Humboldt Form gefeiert.

Klingt vielversprechend! Dann sehen wir uns 2019 im Humboldt Forum. Und auch auf der SXSW? Lohnt sich die Reise auch im nächsten Jahr?
Southby, re:publica und die Ars Electronica sind drei Veranstaltungen die sich immer lohnen. Drei Festivals, die den Kopf öffnen und die Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung ausloten. The new normal will evolve.

 


Prof. Christian Schmachtenberg

Prof. Christian CJ Schmachtenberg hat in Maastricht, Melbourne und Düsseldorf “Erlebniskommunikation“ studiert. Danach arbeitete er in international führenden Kommunikation im Raum Agenturen. Seine Kreativdirektionen u.a. bei Totems (Amsterdam/Stuttgart), Jung von Matt (Köln), MDLab/Cheil (München/Seoul), Pico (Singapore) oder MetaDesign (Berlin) wurden vielfach ausgezeichnet. Heute arbeitet er neben der Lehre als Kreativdirektor für facts and fiction in Köln. An der Hochschule vertritt Prof. Schmachtenberg das Forschungsgebiet der ‚kreativen Intelligenz‘ und ist Förderer von disruptiven Konzepten mit Erlebnisintensität.

 



 

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