Aktiver Bürgerdialog versus gähnende Langeweile

Pro & Contra: Meinung zur Bundestagswahl 2017

Der Bundestagswahlkampf 2017 läuft. Aber wo läuft er hin? In unserer Reihe „Pro & Contra“ graut es Agenturinhaber Christoph Kirst vor gähnender Langeweile, während die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer echte Inhalte und den aktiven Dialog mit den Wählern sieht.

U-Bahnhaltestelle Bundestag
(Bild: Pixabay.com)

Die Kanzlerin setzt auf das Irgendwie-weiter-so, die SPD spät auf klassisch sozialdemokratische Inhalte, nachdem der Schulzzug ins Stocken geraten ist. Die AfD, mit Tendenz nach unten, will sich in Talkshows einklagen, und den Grünen gehen die Themen aus. Selbst Angela Merkel will aus der Braunkohle raus und der Ehe für alle hat sie unfreiwillig den Weg frei geräumt. Die FDP setzt sich ab und auf Heimat als verantwortliche Agentur wie im erfolgreichen Landtagswahlkampf in NRW.

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Christoph Kirst, Geschäftsführer und Kreativdirektor der vielfach preisgekrönten insglück Ges. für Markeninszenierung mbH in Berlin macht große Langeweile im Wahlkampf 2017 aus; ihm entgegnet Nicola Beer, die Generalsekretärin der Freien Demokraten und hessische Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl:

 

Droht der nächste Gähn-Wahlkampf?

Christoph Kirst
Christoph Kirst, Geschäftsführer und Creative Director insglück GmbH (Bild: MH Vogel )

Der deutschen Politkommunikation fehlt es an Mut, Kreativität und dem Willen zur Inszenierung. Statt von Macron und vielleicht sogar von Trump zu lernen, regiert die schiere Angst, sich festzulegen. Große Bilder, Storytelling … Fehlanzeige. Zugegeben: Die Kanzlerin hat leichtes Spiel. Kaum ist die für ihre Umfragewerte so schädliche Flüchtlingskrise 2016 verklungen, kann sie sich in diesem Sommer umso einfacher als besonnene Kämpferin für die einzig wahre freiheitliche Demokratie, für den offenen Welthandel ja sogar für den Klimaschutz präsentieren. Für diese Wahlkampfhilfe sollte sie sich nicht bei ihren eigenen Kommunikationsberatern bedanken, sondern bei den Polterpräsidenten Trump, Putin und Erdogan.

So sehr man ihr für ihre Geschicklichkeit und Besonnenheit als Staatsfrau auch Respekt zollen muss, gibt es denn nichts, das man dieser Chamäleon-Strategie Merkels entgegensetzen kann? Warum gibt es keine ernstzunehmenden Gegenbilder? Warum findet sich keine wirklich große herausfordernde Geste gegen diese Saturiertheit des Bewahrens? Dass man sich von der unangenehmen, aber leider erfolgreichen Plumpheit eines Donald Trump nichts abschauen will, nachvollziehbar! Aber lehren einen die mutigen, dabei auch klug dosierten und bis in jede Geste durchinszenierten Wahlkampfauftritte Emanuel Macrons nichts, was sich übertragen ließe?

Bei allen digitalen Möglichkeiten, die es offenbar durch cleveres Targeting (oder Hacking 😉 mittlerweile gibt, den Wahlkampf zu beeinflussen – der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Urform politischer Äußerung: der politischen Rede. Die alten Griechen, die Römer und auch William Shakespeare wussten das. Innerhalb nur einer Rede, dreht Marc Anton in Shakespeares „Julius Caesar“ die Meinung eines ganzen Volkes. Das Rezept: Sprachgewalt, Rhetorik-Regeln, gepaart mit authentischer, meinetwegen auch ein wenig kalkulierter Emotion. Alles nur Theater!? Von mir aus. Ein bisschen mehr Theater täte unserem Wahlkampf auf jeden Fall gut!

 


Wahlkampf 2017: Bewegen statt berieseln

Nicola Beer, Generlsekretärin der FDP und hessische Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017
Nicola Beer, Generlsekretärin der FDP und hessische Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017 (Bild: Laurence Chaperon)

Selten war eine Wahl wegentscheidender als 2017 – nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa. Brexit und Trump-Wahl haben gezeigt, dass das Undenkbare möglich ist und ein neues Bewusstsein geschaffen: Es kommt auf jede Stimme an. Mag sein, dass manche Kampagne auf Altbewährtes setzt, manche auf die Ladenhüter von vorgestern. Das ist ehrlich, da es den jeweiligen Wahlversprechen entspricht: von rückwärts bis weiter so.

Wir Freie Demokraten beobachten eine neue Art von Politisierung: Menschen, die gezielt nach Antworten suchen und den Dialog einfordern. Die sich um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes sorgen und die selbst etwas bewegen wollen. Diesem Bedürfnis tragen Freie Demokraten Rechnung: Wir wollen bewegen statt nur mit Plattitüden zu berieseln, je nach Vorliebe im Klassenkämpfer-Rot oder mit schwarz-rot-goldenen Girlanden verziert. Wagen wir tatsächlich Ungeheuerliches, weil wir auf Inhalte setzen? Wie schon in den Landtagswahlkämpfen zuvor pfeifen Freie Demokraten auf klassische Regeln des Polit-Marketings und folgen ihren Überzeugungen: Bildung und Digitalisierung als zentrale Wahlkampfthemen? Andere haben gelacht; wir haben es gemacht – und gewonnen. Inhalte auf Wahlplakate, noch dazu in kleiner Schrift? Ein klassisches Werber-No-Go – das aber die Grünen so nervös gemacht hat, dass sie unsere Plakate als Fakes in Umlauf brachten. Was die Kommunikationsexperten nun jubeln lässt.

Die Sehnsucht nach Inszenierung im Wahlkampf, wie sie manch einer formuliert, darf nicht zu einem Schmierentheater führen. Dazu sind die Themen zu wichtig, die Auswirkungen der Politik zu bedeutend für die Menschen. Wir verbannen deshalb Wählerinnen und Wähler nicht auf die Zuschauerränge, sondern machen sie zu Akteuren, indem wir mit ihnen in den Dialog treten – im realen und im virtuellen Leben. Wir bieten das Gespräch dort an, wo die Menschen sind: auf Veranstaltungen und im Web. Wir haben auch Nicht-Mitgliedern die Möglichkeit gegeben, an unserem Wahlprogramm mitzuwirken.

Der Videoclip von Christian Lindner im NRW-Wahlkampf hat keinen strahlenden Hoffnungsträger inszeniert, sondern einen nachdenklichen, hart arbeitenden Politiker, der tut, worauf es ankommt und nicht, was ankommt. Die Medien berichteten über sein Unterhemd, die Wählerinnen und Wähler vernahmen die Botschaft: Denn nur eine Partei, die aus Überzeugung handelt, kann auch andere überzeugen.

 

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