Großartige Show = Großartiges Geschäft

Kreativität & Marketing: Interview mit Daniel Lamarre, CEO des Cirque du Soleil

Der Cirque du Soleil ist weltweit die Institution, wenn es um zukunftsweisende Live-Entertainment-Produktionen geht. Seine aktuell 17 Shows vereinen Akrobatik, Theater, Musik und audiovisuelle Technologien auf eine Weise miteinander, dass sie in allen Altersgruppen, Schichten und Kulturen funktionieren – und so gerne auch als Vorlage für Corporate Event Shows dienen. EVENT PARTNER sprach mit Daniel Lamarre, Präsident und CEO des Cirque du Soleil, über das Erfolgsgeheimnis.

Cirque du Soleil Trapez
Veronique Vial
Trapeze aus der Show „O“

Der Kanadier Daniel Lamarre, geboren 1953, ist Präsident und CEO des Cirque du Soleil. Bis 1997 arbeitete Lamarre in den Führungsetagen verschiedener internationaler Public Relations Agenturen, unter anderem bei Burson-Marsteller. Danach war er CEO von TVA, Québecs größtem Privatfernsehsender. 2001 wurde er auf Bitten des Gründers Guy Laliberté Mitglied des Cirque du Soleil und hat seitdem entscheidenden Anteil an der Erfolgsgeschichte des Unternehmens.

Herr Lamarre, Sie haben sich ja offenbar mehrfach selbst neu erfunden. Irgendwelche Tipps?
Ich finde, man muss jeder neuen Herausforderung unvoreingenommen begegnen, und man muss bereit sein, stets etwas Neues zu entdecken, sowohl auf persönlicher wie beruflicher Ebene. In der heutigen Welt ist es sehr schwierig, sich weiterzuentwickeln, wenn man den Status quo wahren will. Es spornt mich enorm an, wenn ich meine Komfortzone verlassen muss. Dann bin ich am besten.

Sie führen ein Unternehmen mit 4.000 Angestellten. Wie nah können Sie da an der einzelnen Show, dem kreativen Prozess, dem einzelnen Künstler sein?
Ich mag es nicht besonders, den Cirque du Soleil als großes Unternehmen zu betrachten. Mein Job ist es, jedes einzelne Element, sei es eine Show, ein Team oder ein Projekt, das noch in Entwicklung ist, auf den Prüfstand zu stellen und zu gewährleisten, dass alle die richtigen Bedingungen vorfinden, um erfolgreich sein zu können. Das kann ich aber nur erreichen, wenn ich hautnah dabei bin. Das fällt mir nicht schwer, denn ich liebe Künstler, Autoren und Shows. Ich verbringe viel Zeit damit, den kreativen Prozess zu fördern.

Wie würden Ihre Kreativkräfte die Beziehung zu Ihnen beschreiben?
Sie wissen, dass ich jederzeit da bin, um sie auf ihrem Weg zu begleiten.

Cirque du Soleil
Cirque du Soleil
Seit 2001 hat Daniel Lamarre  entscheidenden Anteil am Erfolg des Unternehmens.

Was war im Rückblick auf Ihre Erfolgsgeschichte wichtiger: großartige Shows oder mutiger Unternehmergeist?
Ich glaube fest daran, dass im Begriff „Showbusiness“ das Wort „Show“ zuerst kommt. Hat man eine großartige Show, hat man ein groß- artiges Geschäft. Keine großartige Show – kein Geschäft. Um eine solche großartige Show zu entwickeln und zu präsentieren, muss man aber Unternehmergeist besitzen. Man muss willens und in der Lage sein, Risiken einzu – gehen und das Kreativ-Team zu unterstützen.

Wie wichtig ist Marketing?
Marketing ist unglaublich wichtig! Vergessen wir nicht, dass P. T. Barnum, der Gründer des Barnum & Bailey Circus, einer der besten Marketingfachleute aller Zeiten war. Wenn wir eine neue Show eröffnen, dann müssen wir es zu einem absoluten Ereignis machen, dass Cirque du Soleil in der Stadt ist. Früher konnten Barnum & Bailey ihr Marketing mitten auf der Straße abhalten. Heute benutzt Cirque du Soleil die „Straßen“ der sozialen Medien.

Ist Marketing ein kreatives Fach?
Absolut! Marketing muss kreativ sein, um eine Wirkung zu entfalten. Es wird zwar zunehmend schwierig, das allgemeine Rauschen zu durchdringen, aber glücklicherweise hat Cirque du Soleil großartige Geschichten zu erzählen.

Cirque du Soleil
Nils Becker
Das KÀ Theate

Verwenden Sie bei der Entwicklung neuer Shows Instrumente wie Probeaufführungen und Befragungen, oder vertrauen Sie einfach der Kraft Ihrer Erfindungsgabe? Meiner Meinung nach braucht man zunächst einmal die kreative Intuition, um ein neues Konzept zu entwickeln. In einer sich ändernden Welt ist es klüger, seine Intuition in der Zielgruppe zu testen. Entgegen dem Trend zu immer mehr Analyse und Datensteuerung bleiben wir bei unseren Wurzeln als Straßenkünstler und achten auf das Feedback des Publikums, nachdem eine Show gestartet hat, und passen sie im weiteren Verlauf regelmäßig an.

Seit über 30 Jahren ist Cirque de Soleil nun das führende Unternehmen in seiner Branche. Wie gehen Sie mit diesem Druck um? Wie bleiben Sie in Führung? Wo finden Sie Ihre Inspirationen?
Wir recherchieren und entwickeln viel. Wir wollen Vorreiter bei den neuen Technologien sein, die zunehmend die Welt des Live-Entertainments beeinflussen. Unsere Casting-Abteilung ist ständig auf der Suche nach neuen Talenten und neuen künstlerischen Disziplinen. Es lastet immer ein gewisser gesunder Druck auf den Schultern des Kreativ-Teams – es gibt keinen Platz für Selbstzufriedenheit.

Nachdem Sie schon so lange im Geschäft sind: Wie halten Sie Schritt mit der Jugend, sowohl innerhalb des Unternehmens als auch hinsichtlich des Publikums?
Wir stellen junge Leute ein und geben ihnen mehr Möglichkeiten, die Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Es gibt keinen besseren Weg, ein junges Publikum zu erreichen, als junge Leute einzustellen! Wir betreiben auch viele Verbraucherstudien, um die kommenden Generationen besser verstehen zu können.

Göttinnen-Charakter im Cirque du Soleil
Charles William Pelletier
Die Zeltshow „Amaluna“ ist noch bis zum 29.12. in Düsseldorf zu sehen; danach in Wien.

In letzter Zeit wurde Entertainment immer Technologie-orientierter. Als ein Zirkus, der immer noch sehr auf seine Artisten setzt: Wie ist Ihre Einstellung zur Integration von Technologie?
Technologie hat in der Entwicklung unseres Contents immer eine große Rolle gespielt. Es gab einige bahnbrechende Entwicklungen in Shows wie etwa „O“ und „KÀ“ in Las Vegas. Unser Forschungs- und Entwicklungsteam arbeitet mit diversen Universitäten zusammen, so dass wir immer eine führende Position bei neu entstehenden Technologien behalten.

Sie kennen den Unterhaltungsmarkt ja nun ziemlich gut. Möchten Sie uns verraten, was das nächste „große Ding“ sein wird?
Ich glaube, wir werden in naher Zukunft immer mehr Live-Darsteller in Interaktion mit virtuellen Charakteren und 3D-Technologie sehen. Andererseits sucht das Publikum zunehmend nach Möglichkeiten, interaktiv in den Content ein – bezogen zu werden. Es gab beispielsweise vor kurzem eine sehr erfolgreiche FanSourcing-Initiative, die zur Entstehung eines ganzen Aktes für unsere neue Show „Séptimo Día“ geführt hat, die 2017 in Argentinien öffnet.

Zu guter Letzt: Wie stellen Sie sich die Zukunft des Cirque du Soleil vor?
Cirque du Soleil entwickelt sich allmählich von einem Zirkusbetrieb zu einem diversifizierten und vollständig integrierten Live-Entertainment Unternehmen. Die Zukunft wird sehr aufregend!

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