Platine-Festival 2016

Games anders gedacht: Interaktion auf dem Platine-Festival

Die Kölner Agentur 37 Grad Büro für Livekommunikation verwandelte im August – just und gewollt vor der Gamescom – den Kölner Ausgeh-Stadtteil Ehrenfeld in eine Messe oder Ausstellung der aktuellen interaktiven Kunst. Stepahn Ullmanns Team und insbesondere dem jungen Kurator Lukas Höh ist wieder eine lebendige wie entspannte Leistungsshow einer längst internationalen Szene gelungen.

PongCNC von Viesueel Geweld
PongCNC von Viesueel Geweld (Bild: Christoph Stallkamp )

Ausgangspunkt war wie immer das Artheater (ein angesagter Club auch), das einige Künstleraussteller zusammenfasste. Die Mischung aus Virtual Reality und digitaler Games-Klassiker in analoger Mechanik überzeugte. Elegant wie Katzen bewegten Elektromotoren die LED-Schläger auf einem Metallprofilrahmen. Man braucht mit den lichtemittierenden Dioden keine Bildschirme mehr, um modern zu spielen. „PongCNC“ basiert auf dem mehr als vierzig Jahre alten Arcadeklassiker und CNC-Technik, und ist von Viesueel Geweld aus den Niederlanden.

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Aber auch die Verbindung zur aktuellen Gameswelt ist gegeben. „Day – dreaming“ ist ein freies Semesterprojekt der Studenten Mathias Nell und Andreas Schrader. Es ist ein Fantasyritt auf dem Holzschaukelpferd, bei dem der Gamer eine VR-Brille und Kopfhörer trägt, um den Drachen zu sehen und zu finden, der in diesem Abenteuer gejagt werden kann. Man schaukelt tatsächlich durch die Geschichte. Man kommt in der realen Welt zwar nicht vom Fleck, bewegt sich aber durch die detailreich gestaltete Fantasiewelt.

SisyFox von Urban Invention
SisyFox von Urban Invention (Bild: Christoph Stallkamp )

Nicht von der Stelle? Das klingt irgendwie nach Sisyphos, der ist der Held in „SisyFox“. Das ist ein Spiel, „das den Umgang mit Scheitern gamifiziert“. Im Katalog heißt es: „In einer Gesellschaft, in der Scheitern das Schlimmste ist und Menschen sich nicht mehr trauen, von vorne zu beginnen, möchten wir nicht leben.“ SisyFox ist eine interaktive Installation, die im Rahmen des Fuchsbau-Festivals dieses Jahr unter dem Titel Größenwahn entstanden ist. Der Gamecontroller ist ein riesiger Gymnastikball, dessen Rollbewegungen mit Sensoren abgegriffen werden, damit der Besucher als virtuelles Füchschen seine Steinkugel auf den schneebedeckten Berggipfel rollen kann.

Jan-Henrik Walter macht mit der „Spintactics“ zwei Kreisel zu Gladiatoren. Die zwei Kampfkreisel tanzen in der Arena. Dabei ziehen sie eine Farbspur hinter sich her. Wer seine Farbe am besten verbreiten kann, also die meiste Fläche einnimmt, gewinnt. Die Kreisel bemalen alles, was ihnen in die Quere kommt. Das geschieht in einem Augmented-RealitySetting. Die Spieler sind vor echten Farbspritzern auf der Kleidung sicher.

Polylogue #1 vom ResearchLab der UdK Berlin
Polylogue #1 vom ResearchLab der UdK Berlin (Bild: Christoph Stallkamp )

„Polylogue #1“ ist eine interaktive Messagemaschine von Andreas Unteidig, Fabrizio Lamoncha, Lutz Reiter und Blanca Dominguez, die per WLAN mit Nachrichten gefüttert wird. User können mit allen möglichen mobilen Endgeräten Textnachrichten schicken. Diese werden unverzüglich auf eine Papierrolle gedruckt, die zwischen zwei durchsichtigen, schwarzen Boxen abgewickelt wird. Die erste Black Box generiert die Botschaft lesbar für alle, die zweite schreddert sie gleich. Auch in dieser virtuell-realen Welt ist nichts für die Ewigkeit. Das Objekt erinnert ein wenig an alte Telegrafenmaschinen.

The Grid von Abduct
The Grid von Abduct (Bild: Christoph Stallkamp)

„The Grid“ ist ein Projekt, das das Zusammenspiel von Licht, Sound und Raum erklärt. Ziel ist es, in die Realität einzugreifen und dem weißen projizierten Gitter eine neue Gestalt zu geben, bevor das wieder auf seinen Ursprung zurückspringt. Mi KinectSensoren werden Bewegungen im Raum eingefangen: „Einzig und allein das Gitter ist die dünne Grenze, welche die digitale Realität mit der physischen Welt verbindet.“

Ein unbestrittenes Highlight war der musikalische Wasserdrucker „Drop the Beat“, der ebenfalls wie das Gitter im „Heinz Gaul“ präsentiert wurde. Das ist der jüngste und improvisierte Szene-Hotspot, den die Platine ausgewählt hatte, um ihn zu bespielen. Im Hof des ehemaligen Metallhandels war ein sehr spezielles, interaktives Musikinstrument aufgebaut. Die Soundmaschine besteht aus einem Wasserdrucker mit 120 steuerbaren Ventilen und einer Vielzahl an darunter positionierten Klangkörpern. Das sind Trommeln, Becken, Alltagsgegenstände. Die Energie des herabfallenden Wassers wird zur Erzeugung verschiedener Klänge genutzt. Das passiert nicht willkürlich, sondern von den Usern gespielt wie eine Orgel: „So wird live eine Partitur generiert. Das resultierende Musikstück ist immer anders und immer einzigartig.“ Drop the Beat von Grosse8 feierte auf dem Platine Festival seine Premiere und war der Publikumsmagnet. Es war die wohl sinnlichste wie humorvollste Installation.

Drop the Beat von Grosse8
Drop the Beat von Grosse8 (Bild: Christoph Stallkamp )

Das Kunstfestival wurde 2016 bei seiner sechsten Ausfertigung zum ersten Mal von der Stadt Köln gefördert. Es fand vom 15. bis zum 18. August 2016 noch mit anderen Werken in anderen In-Locations statt. Darunter waren die alte AufThe Grid von Abduct Drop the Beat von Grosse8 zugsfabrik Marienstraße, der Bunker K 101 oder das Zoo – die Schänke. Dem Festival für „Elektronische Kunst und alternative Spielformen“ gelingt es wieder mal zu überraschen. Es hat auch im Vergleich zu mancher renommierten Kunstausstellung die Nase vorn. Man darf hoffen, dass das 37 Grad Büro und Kurator Lukas Höh auch nächstes Jahr wieder an den Start gehen.

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