Einheitskitsch und Politporno

Rückblick: Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit 2015

Wenn Millionen Flüchtlinge ante portas auf ihren Treck warten, deren mögliche Unterkünfte im Dutzend brennen, die Europapolitiker am Fliegengewicht Griechenland beinahe zerbrechen und sich abzeichnet, dass diese Fragen auch in einem Jahr noch auf der Agenda stehen, wenn der Kontinent vor den größten Herausforderungen nach dem kalten Krieg steht, kann man da den Tag der Einheit überhaupt noch begehen und kann man das so tun, wie das das bouffiersche Hessen am 3. Oktober 2015 in Frankfurt am Main getan hat?

Tag der Deutschen Einheit in Frankfurt
Kann man bei all den Krisen auf dem Kontinent den Tag der Deutschen Einheit wirklich so feiern, wie das in Frankfurt geschehen ist? (Bild: Sabrina Feige )

Ich gebe nicht gerne den Eventpiesepampel, ich freue mich zutiefst über gelungene Projekte. Es geht auch nicht um die vielen fleißig ausgearbeiteten Einzelheiten. Um es klar zu sagen: Ich möchte hier v. a. keine Künstler in die Pfanne hauen. Sie haben die ausführende Funktion in der Befehlskette und sind letztlich die Lautsprecher der Auftraggeber. Marianne Faithfulls Einordnung von Schauspielern als „Arme Herzchen“ möchte ich hier schon angewendet wissen. Ich weiß inzwischen, dass die Vorgaben für diesen Einheitstag zum Teil eng waren und hinter vorgehaltener Hand spricht man dann auch darüber. Offen äußert das natürlich keiner. Dafür ist die Angst zu groß, in Ungnade zu fallen. Die Devise heißt, wer bezahlt schafft an … Aber kann das wirklich die Maxime für einen demokratischen Auftraggeber sein? Und sollte das die Haltung eines Auftragnehmers in einer Demokratie sein? Sind solche Auftragnehmer wirklich nur willige und billige Erfüllungsgehilfen? Künstler sind keine Dienstleister. Sie sind Künstler mit dem Recht auf einen eigenen Kopf und auch auf Widerstand.

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Es geht mir nicht um Kritik an all diesen fleißigen Auftragnehmern, die sicherlich einen engagierten Job machten. Es geht mir um Grundsätzlicheres. Emotionale Manipulation hat in einer Demokratie nichts zu suchen. In der DDR war den Menschen vorgeschrieben, was sie hören durften und zu sagen hatten. In Hessen wurde nicht nur vorgegeben, was „Zuschauers“ zu denken hatten, sondern auch zu fühlen. Das ist Politporno. Und so las das Moderatorenpaar die emotionalen Stichworte für diese eigentlich freien Zuschauer gleich festschwanger von seinen Karteikarten ab. Dazu schwammen ein Mann und eine Frau auf Pontons oder Booten bei der großen Abendpassage jeweils von beiden Seiten des Mains aufeinander zu, um sich dann simpel zu umarmen. Hugh! Zum Schluss gab es den unvermeidlichen Feuerwerks-Cumshot. Die große Dimension wurde nicht ungeschickt bespielt.

Und viele Menschen haben bestimmt ihr Bestes gegeben und man ist dann auch gerne stolz darauf. Aber in meinem Hirn schleicht sich langsam und unaufhaltsam der ewige Ketzer Wolf Biermann in den präfrontalen Kortex: „Das kann doch nicht alles gewesen sein?“ und … „Das muss doch noch irgendwo hingehen.“

Es beginnt mit dem einstündigen Festakt in der Alten Oper, als die Protokollabteilung der Staatskanzlei in Kooperation mit einer Frankfurter Agentur Schattentheater aufbot, das minutenlang farbenreiche und artistische Bilder der Einheit produzierte. Leider watete man ausschließlich in Klischees. Es wurde nicht eine einzige Frage gestellt! Man durfte nur willig mit dem Kopf abnicken. Alles paletti, harmlos und so schön bunt hier. Dabei wurde die inszenatorische Stärke verpasst, eben durch die Künstler die Fragen zu stellen, auf die die (erste Riege) der Politiker dann (hoffentlich) eine Antwort hat. Bundespräsident Gauck hatte diese Antworten. Vertraut man den eigenen Leuten und Werten so wenig?

Realität und Verfassungsrealität im Präsenz oder Futur waren bei diesem Einheitstag nicht wirklich sichtbar. Stattdessen gab es Huxleysche Glaubenssätze von Alpha-Plus für Epsilon-Minus. Das war die Schlafschule samt einheitlichem Weltbild, das das Individuum ganz in der Gesellschaft aufgehen lässt. Dort fühlt es sich angeblich geborgen … wir schwimmen mit dem Strom oder Ochs und Esel in ihrem Lauf … über eine Millionen Zuschauer waren begeistert!? Das Drücken auf die Tränendrüsen funktionierte bestens. Und ob der immensen Dimensionen waren viele sehr, sehr beeindruckt. Was will ich Piesepampel eigentlich? Aber können das wirklich die Kategorien sein? Auch ein demokratischer Staat darf sich darstellen. Ja, er muss sogar für den eigenen Zusammenhalt Anlässe schaffen. Ich bin z. B. für eine Olympiabewerbung und gucke nicht nur auf die Kosten. Ich habe die Weltmeister 2014 ausgiebig gefeiert. Die freudige Introspektion ist wichtig für die Identifikation.

Einheitsmännchen
Die an die DDR-Ampelmännchen erinnernden Einheitsmännchen des Künstlers Otto Hörl waren vorab der Feierlichkeiten auf dem Frankfurter Römerberg zu sehen und sollten die Wiedervereinigung symbolisieren. (Bild: Hessische Staatskanzlei)

Aber braucht man dazu wirklich die zwergenhaften multiplen „Einheitsmännchen“ der Beliebigkeit, wie sie in Frankfurt zu finden waren? Dabei geht das doch ganz anders. 2009 verwandelten die großartigen Puppeteers von Royal de Luxe mit ihren Riesen zum runden Mauerfall die Wowereit-Hauptstadt Berlin in eine großartige Geschichtenbühne. Inszenierung braucht eine künstlerische Übersetzung und nicht die simple Illustration. Es geht also auch im ganz großen Format, ohne politische Ranschmeiße. 2016 ist Sachsen dran, die Heldenstadt Leipzisch oder das Tal der Ahnungslosen, Pegida-Dresden. Diese geografischen Details sind noch nicht entschieden. Umso wichtiger erscheint es mir, aus dem Einheitstag endlich einen Verfassungstag zu machen. Mit den vielen neuen Gästen und Neubürgern wäre das ein lohnender Anlass mit einem verbindenden Content und einer guten Botschaft an alle.

Ministerpräsident Bouffier legte (so veröffentlicht vom Hessischen Rundfunk) Wert darauf, dass es bei den Feierlichkeiten nicht nur darum ging, ein großes Event zu haben. „Wir wollen erinnern. Wir wollen einen Blick auf das werfen, was 25 Jahre Deutsche Einheit gebracht haben. Und wir wollen einen gemeinsamen Blick darauf werfen, wie wir in Deutschland und Europa weitermachen.“ So jedenfalls bitte nicht mehr!

Dabei können Hessen ganz großartig erzählen. Das belegt der zutiefst verdiente Deutsche Buchpreis für den gebürtigen Wiesbadener und in Offenbach lebenden Frank Witzel in 2015. So wie der in seinem höchst maßlos überquellenden Generationenroman von „Politik, Pop und Paranoia“ erzählt, erzählt man heuer Geschichte, und zwar ohne sich zum verehrten Publikum herabzubeugen.

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