Pro & Contra

Standort tut Not: Meinungen und Kommentare zur DPVT-Zertifizierung

Einheitliche Regeln für Betriebsabläufe und Qualitätsmanagement werden durch die DIN ISO 9000ff. erfasst. Für die Veranstaltungsbranche soll das DPVT-Prüfsiegel Vergeichbares leisten. Noch hat es sich in der Branche aber nicht durchgesetzt…

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Ordner
(Bild: Pixabay.com)

Traversen, Absperrgitter und Bühnen. Auf diese bei Veranstaltungen oft benutzten Ausrüstungsgegenstände beschränkten sich in Deutschland bis vor einiger Zeit die Möglichkeiten für die Eventbranche, Equipment und Arbeitsabläufe zertifizieren zu lassen. Der gesamte Bereich von Licht-, Ton-, Videotechnik über die digitale Vernetzung der Komponenten bis hin zur kaufmännischen Seite wurde also von der Branche über lange Zeit gewissermaßen „freihändig“ abgewickelt. Naturgemäß ergab sich dabei mit der Zeit eine Vielzahl von Regeln und Richtlinien. Allerdings wurden verbindliche Standards wie z. B. DIN 15750, die als Orientierungshilfe und Rahmen speziell fürs Eventgeschäft dienen können, so gut wie nie herangezogen.

In diese Lücke stößt seit einigen Jahren die Deutschen Prüfstelle für Veranstaltungstechnik (DPVT) vor. Im April 2009 wurden erstmals zwei Unternehmen nach dem damals gültigen Branchenstandard SR 6.0 zertifiziert. Damit sollen Qualitätsstandards für die Veranstaltungsund AV-Medientechnikbranche etabliert werden. Die DPVT arbeitet dabei als unabhängige Zertifizierungsstelle für Unternehmen und Dienstleister aus diesem Bereich.

 


Wir haben vier Branchenkenner gefragt, wie sie zum DPVT-Prüfsiegel stehen! Hier die Schnell-Links zu den einzelnen Kommentaren:


 

Der Anspruch ist hoch: Angesichts der großen Zahl von Anbietern im Eventbereich ist es für Agenturen, Messebauer oder Veranstalter nicht einfach, den richtigen Partner für das eigene Projekt zu finden. Das DPVT-Prüfsiegel soll Transparenz schaffen und sowohl potenziellen Kunden als auch Wettbewerbern untereinander objektive Kriterien an die Hand geben. Für das Qualitätssiegel werden die teilnehmenden Unternehmen einer umfassenden Überprüfung der verschiedenen Aspekte in den Arbeitsabläufen unterzogen. Vor dem eigentlichen Audit wird das zu prüfende Unternehmen je nach Größe und Ausrichtung einer Kategorie zugeordnet, davon hängen der voraussichtliche Auditumfang und die damit verbundenen Kosten ab. Dabei unterteilt sich das Audit in vier Bereiche:

Allgemeine Unternehmensprozesse
Sie bilden die komplette Unternehmensstruktur ab. Beim Audit werden die strategische Zielsetzung und entsprechende Managementvoraussetzungen sowie die Vertriebsprozesse von Akquise über Angebots- und Auftragserstellung, Projektmanagement und -planung bis hin zu Abläufen des Personal- und Materialmanagements, der Disposition und Logistik sowie entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen betrachtet.

Produktionsabläufe
Das Produktionsaudit findet in der Aufbauphase eines Auftrags statt. Dabei werden sowohl die Umsetzung und Konformität mit geltenden Richtlinien und Normen als auch die Weiterführung der im Unternehmen auditierten Prozesse bewertet.

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz
Hier geht es um die Berücksichtigung der entsprechenden aktuellen Normen und deren Umsetzung im Betrieb. Dabei werden nicht nur die Qualifizierung der Mitarbeiter, ihre Kenntnisse sowie die praktische Anwendung im Unternehmen, sondern auch die generelle Einhaltung von geltenden Gesetzen und Richtlinien im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz betrachtet.

Lager
(Bild: Sylvia Koch )

Kaufmännische Betriebsprozesse
Hier soll geklärt werden, inwieweit ein dem Unternehmensziel angemessenes Risikomanagement hinsichtlich Finanzplanung und -controlling vorliegt und ob eine fundierte kaufmännische Kalkulation sowie eine angemessene Investitionsplanung besteht. Das kaufmännische Audit ist vom allgemeinen Unternehmensaudit abgekoppelt und wird von einem weiteren Auditor bzw. Auditorenteam durchgeführt. Es unterliegt im Rahmen des Datenschutzes einer erhöhten Geheimhaltungsstufe.

Den Mittelpunkt der Zertifizierung bildet ein Fragenkatalog mit ca. 250 Einzelfragen. Mit diesem Prozedere will die DPVT den zertifizierten Unternehmen die Umsetzung vorhandener Normen, Richtlinien und Gesetze bescheinigen. Für die Unternehmen sollen sich mehrere Vorteile ergeben. Es ermöglicht ein internes Benchmarking, die sich daraus ergebende Qualität kann durch das Siegel nach außen kommuniziert werden. Potenzielle Auftraggeber sollen zudem ein objektives Bewertungsschema an die Hand bekommen. Das oberste Ziel der DPVT-Zertifizierung ist nach eigener Aussage die „Professionalisierung der Veranstaltungswirtschaft“ .

Die Zahl der zertifizierten Unternehmen ist derzeit noch recht überschaubar. Auf der im Internet veröffentlichten Referenzenliste des DPVT standen im Januar 2017 13 Namen, wenn auch einige gewichtige Branchengrößen darunter sind…

 


 

Eberhard Müller, Gründerchef von Neumann&Müller: 

Gegen billiges, pro wirtschaftliches Arbeiten

Eine treibende Kraft hinter der Entwicklung eines branchenspezifischen Qualitätssiegels ist Eberhard Müller, Gründerchef von Neumann&Müller. Er berichtet, die Idee für die DPVT sei schon vor ca. zehn Jahren entstanden. Nach langen Diskussionen hätten sich größere Firmen der Branche darin geeinigt, Auftraggebern für die Auftragsvergabe ein Kriterium an die Hand zu geben, in dem nicht nur der „Billigste“ sondern der „Wirtschaftlichste“ zum Zug kommt. Auf dieser Grundlage seien dann erstmals Kriterien für eine Zertifizierung zusammengestellt worden.

Eberhard Müller, Neumann&Müller
Eberhard Müller, Neumann&Müller (Bild: malzkornfoto/Hamburg)

Doch der Prozess gehe weiter. Müller: „Die Mitglieder der ersten Stunde, Ambion, KFP Five Star Conference, Lleyendecker, Media Resource Group, music & light design, Neumann&Müller sowie satis&fy haben mit einer Anschubfinanzierung die Schaffung einer vollen Stelle der Geschäftsführung der DPVT ermöglicht. Das soll das Prüfsiegel im Markt so etablieren, dass Auftraggeber, Betreiber und Endkunden diese Zertifizierung als ausschreibungsrelevantes Kriterium im eigenen Interesse erkennen und einsetzen.“ Als Beispiel nennt Müller das „Auswahlverschulden“, für Kunden von zertifizierten Unternehmen ein Hauptkriterium. Nach geltender Rechtslage haftet ein Auftraggeber auch für die Auswahl der beauftragten Firmen. Bei Unfällen, Verstößen gegen das Arbeitszeitenschutzgesetz oder Missachtung von Sicherheitsvorschriften kann der Auftraggeber in Regress genommen werden. Eine Risikominimierung liege also im ureigenen Interesse des Veranstalters oder Betreibers, so Müller.

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Katrin Gleixner, Geschäftsführerin der DPVT:

Maßstab für qualitativ hochwertige Dienstleistungen

Seit Anfang 2016 ist Katrin Gleixner nun Geschäftsführerin in Vollzeit der DPVT, und erklärt zur weiteren Professionalisierung des Siegels: „Die DPVT-Zertifizierung wurde speziell für Dienstleistungsunternehmen der Veranstaltungstechnik entwickelt. Durch die Erfüllung und Konformitätsprüfung der relevanten Kriterien wird ein Maßstab für eine qualitativ hochwertige Dienstleistung in allen Unternehmensbereichen und -prozessen gesetzt.“ In den Bereichen Führung und Kundenorientierung seien die Kriterien und Grundsätze mit der DIN ISO 9001 Zertifizierung vergleichbar. Das gelte auch für den Bereich Risikomanagement, der bei der DPVT-Zertifizierung von Anfang an berücksichtigt sei und der bei der DIN ISO 9001 erst 2015 aufgenommen wurde.

Katrin Gleixner
Seit Anfang 2016 ist Katrin Gleixner Geschäftsführerin in Vollzeit der DPVT. (Bild: Privat)

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Franz Josef Khalifeh, Geschäftsführer von müllermusic:

Klare Regeln und Kriterien setzen

Wer sich gegenwärtig in der Branche zum Thema Zertifizierung umhört, bekommt durchaus unterschiedliche Standpunkte geboten. Franz Josef Khalifeh von müllermusic Köln kann dem Konzept eines DPVT-Siegels grundsätzlich viel abgewinnen. Die Setzung einheitlicher Standards und Qualitätskriterien sei v. a. für potenzielle Kunden und Auftraggeber von großer Bedeutung, nicht so sehr für das zertifizierte Unternehmen selbst. Für einen nachhaltigen Erfolg des Siegels und eine mögliche größere Verbreitung fehle es augenblicklich noch an klar konturierten Kriterien. Es gebe vielzu wenig explizite Anforderungen. „Ich erwarte, dass im Zertifizierungsprozess eindeutige Regeln und Maßnahmen etwa für die Betriebsführung vorausgesetzt und abgefragt werden“, so Khalifeh.

Franz Josef Khalifeh, müllermusic
Franz Josef Khalifeh, Geschäftsführer von müllermusic (Bild: Julia Huettner)

Ohne solche klaren Standards mache ein derartiges Siegel keinen Sinn. So gehe für einen möglichen Kunden aus einer DPVT-Zertifizierung z. B. überhaupt nicht hervor, wie groß das Unternehmen überhaupt sei. Bei der Planung von Großveranstaltungen sei dies jedoch entscheidend. Zumal dann, wenn der Auftragnehmer weitere Dienstleister engagieren müsse. Die seien vom DPVT-Prüfsiegel gar nicht mehr erfasst.

Darüber hinaus sei der Turnus der Nachprüfung viel zu groß. So werde nach einer erfolgreichen DIN ISO 9000ff. Zertifizierung bereits nach einem Jahr eine weitere Überprüfung der bescheinigten Standards fällig. Die vom DPVT-Siegel bestätigten Kriterien würden hingegen erst nach drei Jahren einer erneuten Kontrolle unterzogen, das sei eindeutig zu lang. Ein direkter Vergleich mit den für das Qualitätsmanagement unabdingbaren DIN ISO 9000ff. Normen sei auch insgesamt schwierig. Die ISO-Norm gelte europaweit, das DVPT-Siegel dagegen nur im nationalen Raum. Das müsse aber kein Nachteil sein, wenn die DPVT- Verantwortlichen sich für die angesprochenen klaren Kriterien entschieden. Natürlich bestehe dann die Gefahr, dass aufgrund zu strenger Kriterien auch künftig nur wenige Unternehmen zu einer Zertifizierung bereit seien. Der Geschäftsführer des Kölner Unternehmens rät dennoch zu einer Strategie, die auf Top-Qualität setzt: „Lieber klein und fein, anstatt breit und beliebig.“ Auf diese Weise könne das DPVT-Prüfsiegel in der Branche zum Symbol für die Crème de la Crème avancieren und besäße damit ein großes Zukunftspotenzial.

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Christian Patzer, Arbeitssicherheit und Ausbildung bei Lleyendecker:

Vorteil gegenüber nicht-zertifizierten Wettbewerbern

Christian Patzer, bei der Wuppertaler Lleyendecker GmbH u. a. für Qualität und Sicherheit zuständig, sieht in der DPVT-Zertifizierung eine gute Gelegenheit, hohe Qualitätsansprüche offiziell bestätigen zu lassen. Die DPVT-Zertifizierung beleuchte alle Aspekte eines Unternehmens in der Veranstaltungsbranche, sowohl technische als auch kaufmännische. Das DPVT-Audit helfe, die Qualitätsstandards der Branche zu sichern bzw. zu verbessern. In Ausschreibungen, gerade im Bereich Veranstaltungsstätten, spiele das DPVT-Zertifikat eine immer größere Rolle. Lleyendecker habe sich als zertifiziertes Unternehmen schon des Öfteren als Qualitätsdienstleister gegen nicht zertifizierte Wettbewerber durchgesetzt.

Christian Patzer, Lleyendecker
Christian Patzer, Lleyendecker (Bild: Privat)

Allerdings, so Patzer, sei die Anzahl der DPVT-zertifizierten Anbieter nach wie vor recht überschaubar: „Wir hoffen, dass sich die Zahl in Zukunft noch deutlich erhöhen wird. Das würde den Qualitätsstandard der Branche deutlich verbessern und vereinheitlichen.“

Oft äußern Branchenverantwortliche im Gespräch aber auch ein grundsätzliches Desinteresse an einer Zertifizierung, sowohl in Bezug auf das DPVT-Siegel als auch die international etablierten DIN ISO 9000ff. Normen. „Wir achten auf und halten uns auch so an hohe Standards beim Qualitätsmanagement und nutzen entsprechende Tools“, diese Aussage ist in Abwandlungen häufig zu hören. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen stehe der zeitliche und finanzielle Aufwand in keinem Verhältnis zum Ergebnis. In den Fällen, in denen Überlegungen anstehen, sich doch einer Zertifizierung zu unterziehen, geht die Tendenz allerdings eindeutig in Richtung der DIN ISO 9000ff. Prüfung. Diese sei wesentlich bekannter als das DPVT-Pendant, das sei gerade bei branchenfremden Auftraggebern von Bedeutung.

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Kursänderung bringt neue Zertifizierungsinteressenten

Das DPVT-Siegel ist eine gute Idee, aber noch ausbaufähig, so lässt sich das aktuelle Bild zusammenfassen, das im Veranstaltungsgewerbe herrscht. Das war für die Gesellschafter der DPVT – die Branchenverbände EVVC e.V und VPLT e.V. – einer der Gründe zu einer Kursänderung. Im Austausch mit bereits zertifizierten Unternehmen, potenziellen Kunden und Fachleuten aus dem Bereich Zertifizierung wurde nach geeigneten Maßnahmen gesucht. Dabei wurde der Fragenkatalog an aktuelle Kriterien in den Bereichen Nachhaltigkeit sowie qualifizierte Aus- und Weiterbildung angepasst. Die Digitalisierung des Katalogs soll die Umsetzung der Zertifizierung erleichtern. Darin werden harte Kriterien abgefragt, verbindlich festgehalten und in den Audits auf Konformität und Wirksamkeit betrachtet, so die DPVT. Außerdem wurde ein Evaluationskatalog entwickelt, der eine klare Bewertung der auditierten Kriterien erlaubt. Bei den Auditoren setzt die DPVT ausschließlich auf Experten mit langjähriger Erfahrung aus der Veranstaltungsbranche. Das hat laut der DPVT dazu geführt, dass sich bereits Ende 2016 acht weitere Unternehmen für eine DPVT-Zertifizierung entschieden haben.

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