Von nix kommt nix

Chronischer Cojones-Mangel in der Live-Kommunikation

Der Karlsruher Philosoph Oliver Kahn forderte schon im Jahr 2003: „Wir brauchen Eier!“ Unsere Branche braucht sie auch – und das ein Dutzend Jahre später und gleich palettenweise.

Die Event-Zora

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Erstens: Susstehnebilitie. Ich bin nachhaltig, du bist nachhaltig, wir sind nachhaltig. Buzzword oder Nervwort? Mal ehrlich, wahrscheinlich sind wir per se einer der am wenigsten nachhaltigen Geschäftszweige. Denn das Rinderfilet von der Weide nebenan und die selbstgepflückten Erdbeeren retten den Eisbären nicht wirklich, wenn gleichzeig kraft- und elektronikstrotzende SUVs gelauncht werden und die Gäste aus aller Herren und Damen Länder angeflogen kommen. Ich sag nur: „Fahrspaß mit Events auf vier Rädern.“

Auch Agenturäpfel vom Biobauern oder die Mailsignatur „Keep it on the Screen“ sind wohl eher ein Scherz, wenn man z. B. gleichzeitig für namhafte Bienenkiller Roadshows macht. Oder eine aufmerksamkeitsstarke Handyeinführung, an dessen intelligenten Bauteilen mit seltenen Erden echtes Blut trieft. Ich bin auch für die Rettung des Klimas, schon aus ganz egoistischen Gründen. Schließlich will auch ich, dass Fidji nicht das neue Atlantis wird. Aber wir sollten nicht um den mit Solarkraft erwärmten Brei herumreden und so tun, als würden wir mit unseren symbolischen Handlungen die Welt retten. Wir leben nun mal von der Wirtschaft und die verfeuert Braunkohle, stellt krebserzeugende Stoffe her oder lässt es zu, dass für Palmöl die Regenwälder schwinden. Also hört auf, euch grün zu waschen, und macht das Mögliche einfach privat oder geschäftlich, solange ich, du, sie, wir, ihr, sie Teil des Systems sind – aber bitte ohne Show.

Zweitens: Es fehlen die obengenannten Organe, um mal deutlich Nein zu sagen. Gegen die große Gleichgültigkeit. Diesmal meine ich nicht Fremdenhass, worauf ich noch komme, sondern unbezahlte Pitches. Denn Kreation ist auch im Sommer 2015 nichts wert: Null, Nada, Zero. Jedenfalls bei vielen Kunden und deren Pitches. Ich darf ja immer schön die Einladungen und Briefings analysieren und aufbereiten: die Regel „kein Honorar!“ Und wir machen alle munter mit. Wenn ich so bei Kolleginnen und Kollegen dezent nachfrage, ist es da auch nicht anders. Es hat sich nichts gebessert: Null, Nada, Zero. Erstaunlich ist, unsere Agenturbranche scheint sich damit arrangiert zu haben. Natürlich kommt jetzt der #Aufschrei. Das sei ja nur die #Ausnahme, man mache #niemals bei honorarfreien Pitches mit, oder bei Stammkunden sei das ja anders. Wie mutig wir sind, das zeigt Pitchblog, wo fast nur öffentliche Auftraggeber an den kaum beachteten virtuellen Pranger gestellt werden. Mit Volkswagen & Co. will man es sich ja nicht verderben. „Man hat die Kunden, die man verdient“, sagt meine Chefin, wenn wir mal wieder ein Wochenende vor der Präsentation durchbrettern und dann feststellen müssen, dass eh die Stammagentur später gewinnt. Ich bin ja keine Kreative und keine Chefin, aber ich wäre die Erste auf den Barrikaden, brennende Autoreifen inklusive.

Drittens: Wir brauchen Cojones gegen das große Schweigen. Mich stört extrem, was die dumpfen Neonazis so bundesweit veranstalten, ob Hogesa, Dortmunder Dumpfbacken oder Freitaler Wutbürger. Aber dass unsere Branche nicht den Arsch huh, nicht die Zäng ussenander kriegt, das beschämt mich. Vielleicht passieren ja ganz viele Dinge im stillen Kämmerlein? Glaube ich aber nicht, denn sonst wird doch auch immer alles gleich rausposaunt: Wuppertal, Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München, Rheda-Wiedenbrück … Wo seid ihr, was macht ihr? Die Werber tun wenigstens etwas mehr, siehe die perfekte Live-Campaign „Rechts gegen Rechts“ von GGH Lowe und Grabarz & Partner. Die stehen im Augenblick ganz vorne beim ZoraAward. Und facts and fiction, die mit #türauf immerhin ein Flüchtlingsprojekt in Köln unterstützten – ohne PR-Brimbamborium – auch. Und Joke Event ist immerhin Kandidat für eine lobende Erwähnung, weil sie im Talenttest von treibhaus 0.8 ein Projekt zum Thema Flüchtlinge als Aufgabe gestellt haben. Wer sich über diese äußerst subjektive Auswahl wundert, ich habe sie mühsam ergoogeln müssen. Bewerbungen bitte an die Redaktion: redaktion@event-partner.de, Betreff „Zora-Award“.

Tschüssie, Eure Event-Zora

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