Eventdesign abseits des Mainstreams

Ars Electronica beim Platine Festival 2015

Das Platine-Festival ist was für Hingucker, für Entdeckungen jenseits des glattgebügelten Eventdesign-Mainstreams. Hier entsteht echte Begegnung und das Erleben von Interaktionen und Räumen.

Eine Platine ist eine Trägerplatte für elektronische Bauteile, die selbstständig sind, aber innerhalb eines Systems arbeiten. So ist auch das Festival aufgebaut, dass sich Anfang August in den Köln-Ehrenfelder Szeneclubs ausbreitet. Adressen wie das ARTheater, das Yuca oder die Zoo Schänke werden bespielt. Der junge Kurator Lukas Höh hat ebenso junge erfrischende Kunst auf den Spuren von Paik und Beuys ausgesucht. Für 37 Grad ist dieses Festival zugleich Leistungsschau wie eine Abendgabe an den geschätzten Standort Köln. Sie ist Gradmesser, was künstlerisch geht, Ideenpool und Leistungsschau. Dort werden Dinge und Ideen gezeigt, die es im Alltag nicht immer in die Konzepte schaffen. Und die sind auch international.

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Platine 2015 – Trailer

Der russische Künstler ::vtol:: hat mit „I/O“ eine Maschine gebaut, die das Selfie in die Anfangstage des Computers zurückversetzt. Mit einer elektrischen Schreibmaschine wird das Bild des Zuschauers in Buchstaben ausgedruckt. Diese Kunst ist interaktiv. Sie arbeitet mit dem User selbst oder User Generated Content. Und das macht sie spielerisch wie auf dem projizierten Shuffleboard „Koeliesjoelie“ der niederländischen Gruppe Viesueel Geweld. Direkt daneben zockt man „Pingtime“, die Transformation des beliebten Uraltvideospiels ins 21. Jahrhundert mit Schnittstelle zur Realwelt. Man spielt echtes Tischtennis, während ein Rechner die Oberfläche gemäß der Ballbewegung verändert. Es mäandert in Formen und Farben auf dem Spieltisch in Echtzeit.

Mit viel weniger Elektronik kommt die gigantische Murmelbahn von Labor Fou aus. Das kinetische Objekt ist eine „physikalisch-installative Interpretation“ einer klassischen Murmelbahn in anderer Größe und demonstriert „Kunst, Armut und Hilfe im spielerischen Umgang mit recycelbaren Materialien. Vorhandenes nutzen, innovativ denken, aktiv Neues gestalten und damit maximale Wirkung erzielen!“. Das Objekt entstand in Kooperation mit der Organisation Oxfam, die weltweit versucht, Not und Elend von Menschen zu lindern. Das geschieht aber nicht nur durch einseitige Gaben. Oxfam mobilisiert Menschen, um Armut aus eigener Kraft zu überwinden. Hier bringt man/frau den „symbolischen Stein ins Rollen“, der dabei mehrere unterschiedliche Phasen durchmacht. Wie im echten Leben, eben!


Eine schüchterne Überwachungskamera

Eine schüchterne Überwachungskamera gibt es auch. Die dreht sich vom Objekt der Beobachtung weg, linst ein wenig und versteckt sich hinter Bildrauschen. Sie führt Überwachung ad absurdum. Sie hängt von der Decke. Nähert man sich ihr, dreht sie sich weg und weicht auch weiterhin jedem Versuch, „gesehen zu werden“, aus. Diese schüchterne Spezies wurde auch schon beim European Media Art Festival in Osnabrück und Ausstellungen der Goethe Institute in Paris und Brüssel eingesetzt. Entwickelt wurde sie von Gregor Kuschmirz und Raphael Grompone. Mit einem Algorithmus zur Gesichtserkennung scannt diese Kamera die Gegenwart und reagiert phobisch.

Mit „Sequenced“ gibt es auch die klassische Elektronik-Art einer animierten Serie in 360 Grad, die sowohl für mobile Geräte, als auch für virtuelle realitätsgetreue Helme geformt wurde. Die Geschichte wird je nach Blickfolge des Betrachters individuell und immer wieder neu erzählt. Der Prototyp des Projektes, der sich zurzeit noch in der Entwicklungsphase befindet, hat bereits den „Best in Play“-Award auf der Game Developers Conference 2014 gewonnen, den „Imaginove Grand Prize“ in Lyon/Frankreich, und war für zwei weitere Kategorien bei den Games Connection Awards nominiert.

Die „Platine“ ist ein Festival für „Elektronische Kunst und alternative Spielformen“, das neue Kommunikationsformen der Wissensvermittlung aufzeigen will. Stephan Ullmann, der Geschäftsführer der 37 Grad – Büro für Live-Kommunikation GmbH, ist Veranstalter und Initiator. Kurator Lukas Höh ist eine spannende Ausstellung gelungen, für die es sich echt lohnt, nach Köln zu kommen. Hier hat das (noch) Unangepasste Raum, atmet und lebt.

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