Round Table Talk mit marbet, Messerich-Catering & Late Night Concepts

“Den Kunden fehlt der Mut zur Nachhaltigkeit”

Einmal offen über das Thema Nachhaltigkeit reden, über Ist und Soll und wie sie selbst damit umgehen: Dazu trafen sich die Agentur marbet, Messerich-Catering und der Eventtechnikdienstleister Late Night Concepts zum von EVENT PARTNER initiierten Round Table Talk.

Round Table Nachhaltigkeit
(Bild: Sylvia Koch )

Ingo Schwerdtfeger ist Geschäftsführer der Agentur marbet Marion und Bettina Würth GmbH & Co. KG in Künzelsau, die beim Branchenverband FAMAB als Sustainable Company geführt wird. Lothar Messerich ist Geschäftsführer beim mittelständischen Caterer Messerich-Catering aus Ingelheim, der hauptsächlich in den Regionen RheinMain und Stuttgart agiert. Ingo Kaiserist Geschäftsführer bei Late Night Concepts in Werne. Das Unternehmen ist Dienstleister für Eventtechnik und Setdesign.

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Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie persönlich?
Ingo Schwerdtfeger: Für mich bedeutet es, Dinge zu tun, die einen langfristigen Nutzen haben unter bewusster Nutzung der Ressourcen.

Lothar Messerich: Für mich bedeutet Nachhaltigkeit auch, in die Köpfe der Menschen zu kommen. Nicht nur im engsten Umfeld, sondern auch bei unseren Kunden. Dies so zu transportieren, dass der Gast, der Teilnehmer die erlebte Nachhaltigkeit „mitnehmen“ kann. Nachhaltigkeit ist nicht nur „Grün“ oder „Bio“. Nachhaltigkeit ist viel, viel mehr.

Ingo Kaiser: Nachhaltigkeit bedeutet für mich einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen im Bereich Veranstaltungstechnik und besonders im Eventbau. Dazu zählen u. a. Punkte wie Wiederverwendbarkeit von Materialien oder Qualitätsmanagement. Nachhaltigkeit bedeutet auch Langfristigkeit sowohl für einen Veranstaltungsteilnehmer wie auch für unseren Kunden. Diese Langfristigkeit entwickelt sich beispielsweise durch den Mehrwert von eingesetzten Elementen und beginnt schon bei der Planung.

Ingo Kaiser, Geschäftsführer bei Late Night Concepts in Werne
Ingo Kaiser, Geschäftsführer bei Late Night Concepts in Werne (Bild: Sylvia Koch )

Spielt das Thema Nachhaltigkeit für Ihre Kunden bereits eine große Rolle?
Schwerdtfeger:
Es spielt schon eine Rolle, aber noch keine übergeordnete. In den Briefings wird noch nicht explizit nach nachhaltigen Komponenten gefragt. Wir versuchen aber seit einigen Jahren das Bewusstsein zu fördern, was ganz gut im Bereich Technik, Bauten oder Catering funktioniert. Dort kann man sich dann z. B. auf regionale Speisen oder recycelbare Bauten konzentrieren. Es hat bei den Kunden aber noch nicht oberste Priorität. Ich gehe aber davon aus, dass sich dies in den nächsten Jahren ändern wird, da ab 2017 eine neue Bestimmung eingeführt wird, bei der Unternehmen ab 500 Mitarbeitern einen Nachhaltigkeitsbericht nachweisen müssen. Für uns war es als Agentur erst mal wichtig, selber nachhaltig zu agieren. Diese Einstellung kam aus eigenem Antrieb.

“Nachhaltigkeit hat bei den Kunden noch nicht oberste Priorität”
Ingo Schwerdtfeger


Messerich:
Bei uns beginnt die Nachhaltigkeit schon bei der Produktion. Da werden die ersten Akzente gesetzt. Nachhaltigkeit beginnt auch in den Köpfen unserer Mitarbeiter, aber auch bei allen, die daran beteiligt sind. Dazu gehören unsere Produzenten und Lieferanten. Hier diskutieren wir die Fragen: Wo sitzt der Produzent, wie produziert er, wie kommt das Produkt zu uns? Sind unsere Partner Erzeuger, Genossenschaften oder Importeure – wir haben die Möglichkeit, direkt an der Wurzel unsere Philosophie einzubringen.

Kaiser: Wir sind das Thema Nachhaltigkeit proaktiv angegangen und haben uns Gedanken gemacht, wie wir unsere gesamte Wertschöpfungskette etwas nachhaltiger gestalten können. Im technischen Bereich lässt sich das relativ gut umsetzen. Das fängt schon bei der Planung an und endet bei der Logistik. Es stimmt, explizit angefordert wird es nicht. Wobei wir bei den Kunden die Erfahrung gemacht haben, dass das Stichwort Nachhaltigkeit auf offene Ohren stößt. Wenn man das Thema etwas prominenter positioniert, weckt es auch das Interesse.

Liegt es an den Unternehmen, weil die Leute, die für Nachhaltigkeit zuständig sind, meistens nicht im Marketing sitzen?
Schwerdtfeger:
Das primäre Ziel der Marketingabteilungen ist es eben, die Unternehmensziele zu kommunizieren und nur sekundär eine nachhaltige Veranstaltung zu produzieren. Sollte dadurch der Preis steigen, wird die Nachhaltigkeit hinten angestellt. Man kann aber z. B. schon bei der Anreise von Autos auf Sonderangebote der Bahn umsteigen – eine nachhaltige Maßnahme, die das Budget nur gering mehr belastet.

Liegt es vielleicht auch daran, dass es in der Eventbranche, die ja immer das Einmalige produzieren möchte, schwierig ist, über Wiederholungsketten Nachhaltigkeit zu generieren?
Schwerdtfeger: Die Einzigartigkeit liegt ja oft bei den Inhalten, beim Content, den wir kreieren. Wir haben jetzt für Siemens bewusst eine Mediensystematik nach dem Baukastenprinzip entwickelt, die für das Unternehmen weiter verwendbar ist. Zudem können wir durch unsere internen Teamstrukturen sehr ressourceneffizient arbeiten, was ebenfalls in die Nachhaltigkeit einer Veranstaltung einzahlt.

Ingo Schwerdtfeger
Ingo Schwerdtfeger, Geschäftsführer der Agentur marbet Marion und Bettina Würth GmbH & Co. KG in Künzelsau (Bild: Sylvia Koch )

Kaiser: Das ist eine Gratwanderung. Wir würden nie ein Design oder ein Bühnenbild zweimal verkaufen oder bauen, sondern wir haben den Anspruch, immer ein hohes Maß an Individualität zu realisieren. Wir versuchen, ein standardisiertes Engineering zu machen, aber das Finish muss letztendlich individualisierbar sein. Die Kunst ist es, diesen Spagat zu schaffen.

Nachhaltigkeit wird ja immer unter drei Stichworten diskutiert: ökologisch, sozial und ökonomisch. Haben Sie bei den Kunden das Gefühl, dass v. a. die ökonomische Komponente im Mittelpunkt steht?
Messerich: Den Gesundheitsaspekt möchte doch jeder berücksichtigen. Doch zu sagen, ich gehe diesen Schritt der Nachhaltigkeit, auch wenn es vielleicht zu Lasten des Budgets geht – zu diesem Schritt fehlt, so finde ich, der Mut.

Viele Caterer sind in diesem Bereich ja schon aktiv, aberin den technischen Gewerken denke ich manchmal über die soziale Nachhaltigkeit nach. Wenn ich etwa an die Arbeitstage der Rigger denke, dann muss man sich schon fragen, ob das sozial nachhaltig ist?
Messerich: Jeder Auftragnehmer ist auch Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern gegenüber verantwortlich ist. Und hier sollte man auch in der Argumentation mit dem Kunden eine klare Haltung finden, um seiner sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

Kaiser: Nachhaltigkeit ist natürlich auch eine soziale Frage und spiegelt sich bei der Planung eines Projektes und dem sozialen Umgang mit Mitarbeitern wider. Bei der Planung von Arbeitszeiten ist der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen extrem wichtig. Hier zahlt sich Nachhaltigkeit für den Mitarbeiter, den Kunden und den Unternehmer aus.

Schwerdtfeger: Für uns als Agentur ist es auch wichtig, die richtigen Partner in den Gewerken zu haben, die nachhaltig arbeiten und handeln. Hier legen wir bereits bei der Auswahl unserer Preferred Partner den Schwerpunkt. Für uns war wichtig, dass wir mit Vorbildfunktion voran gehen, und somit haben wir uns vor zwei Jahren als FAMAB Sustainable Company mit der Höchstpunktzahl zertifiziert. Wir haben vor ca. vier Jahren ein Konzept entwickelt, welches sich auf drei Säulen stützt – Bildung, Gesundheit, Förderung – und insbesondere auf die Ressource Mitarbeiter eingeht. Einer der Bestandteile ist z. B. „Joana“, eine fiktive Kollegin, die durch effektive E-Mail- Regeln unsere interne E-Mail-Flut um ca. 75 % reduzieren konnte. Den positiven Effekt spürt man deutlich in der Abnahme des Leistungsdrucks auf die Mitarbeiter. Dies wird zudem unterstützt durch unser vor zwei Jahren eingeführtes Arbeitszeitmodell, welches primär die drastische Senkung der Überstunden zum Ziel hat.

Messerich: Wir haben einen hohen Anteil an Agenturkunden. Da ist die Agenturin Form ihres Geschäftsführers oder Projektleiters gefordert, dem Kunden, dem Auftraggeber gegenüber, dies zu kommunizieren. Wir als Caterer können letztendlich auch nur argumentieren. Aber als Messerich-Catering sind wir an dieser Stelle ganz klar unterwegs. Weil wir den Mut haben zu sagen: So können wir das nicht machen. Deshalb ist das Zusammenspiel aller Gewerke mit der beauftragten Agentur immens wichtig. Man muss den Mut haben, klar aufzutreten.

Kaiser: Das sieht man auch an der Qualität der Performance. Jeder weiß, dass sich diese Ansätze in der Mitarbeiterzufriedenheit und letztendlich auch im Arbeitsprozess widerspiegeln. Das zahlt sich langfristig aus, also auch nachhaltig. Das ist ein Investment, das man als Unternehmer guten Gewissens machen kann, weil man damit sicherlich langfristig profitieren wird.

“Die Kunst ist es, den Spagat zwischen standardisiertem Engineering und individualisierbarem Finish zu schaffen”.
Ingo Kaiser


Der Fachverband FAMAB propagiert schon länger das Thema. Sehen Sie in Verbänden wie dem FAMAB einen großen Kommunikator, der dieses Thema weiter nach vorne bringen kann?

Schwerdtfeger: Ja, da sehe ich den FAMAB durchaus als wichtigen Kommunikator, denn dort sind ja zum einen Agenturen aus der Live Kommunikation und zum anderen Messebauer vertreten. Wir unterstützen seit Jahren den FAMAB bestmöglich in diesem Bereich. Denn meiner Meinung nach ist man nur gemeinsam stark genug, um in der Branche Gehör zu finden und etwas bewegen zu können.

Kaiser: Das muss aber aus der eigenen Überzeugung kommen. Der Impuls muss vom Dienstleister kommen. Man muss darstellen, dass man Aufgabenstellungen auch anders lösen kann, ohne dass sich daraus ein Nachteil ergibt.

Was Ihre Unternehmen angeht, haben Sie da schon festgestellt, dass Nachhaltigkeitim Bereich des Recruitings eine Rolle spielt? Stichwort Work-Life-Balance. Ist das für die jungen Leute, die heute in den ehemaligen Traumberuf „Eventmanager“ hinein wollen, relevant?
Messerich: Das ist aus meiner Sicht wichtiger denn je geworden. Junge Leute setzen den Fokus auf ein sehr ausgewogenes Privatleben im Zusammenspiel mit dem Job, dem Business. Wir kommen aus einer Generation, in der das ganz anders war. Wir hatten eine ganz andere Sichtweise. Früher wurde sicherlich auch viel zu viel gefordert und erwartet. Die jungen Menschen, die gerade aus dem Studium oder von der Schule kommen, gewinnt man auch damit, dass man aufzeigt, dass man trotz des hohen persönlichen und zeitlichen Aufwands eine gute Brücke vom Job hin zum Privatleben bauen kann. Deshalb ist „Arbeitszeitenregelung“ für uns auch ein ganz wichtiges Thema geworden. So haben wir beispielsweise in unserer Verkaufsabteilung ein Zeitsystem eingeführt, um den persönlichen Belangen der Mitarbeiter gerecht zu werden.

Lothar Messerich ist Geschäftsführer beim mittelständischen Caterer Messerich-Catering aus Ingelheim
Lothar Messerich, Geschäftsführer beim mittelständischen Caterer Messerich-Catering aus Ingelheim (Bild: Sylvia Koch )

Kaiser: Bei uns ist das ein großes Thema, gerade bei den jüngeren Kollegen. Die sind eigentlich immer komplett online. 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Aber die wollen dann auch mal an einem Mittwoch um zwölf sagen: „Jetzt mach’ ich was anderes.“ Ich habe festgestellt – und daran arbeiten wir gerade ganz intensiv –, dass der Arbeitsplatz als solches nicht mehr der Arbeitsplatz sein kann, der er für uns mal war: Der Schreibtisch im Büro und das war’s. Es entwickelt sich zur Arbeits-Community, man trifft sich, vielleicht auch draußen unterm Sonnenschirm und arbeitet da, oder man macht zusammen irgendeine Aktion und spielt für eine Stunde Basketball, das halte ich für eine schlaue Idee. WorkLife-Balance ist ein Riesenthema, wir verbringen unser halbes Leben in der Firma, wenn nicht mehr. Da muss man einen gewissen Mehrwert schaffen.

Schwerdtfeger: Wir müssen als Arbeitgeber auf je den Fall flexibler sein und auch neue Möglichkeiten bei den Arbeitszeiten bieten. Im  heutigen schnellen Arbeitsalltag durch die Digitalisierung muss ein Augenmerk des Arbeitgebers auf der Reduzierung der Überstunden liegen. Ohne einen Ausgleich sind die Arbeitspensen unserer Branche auf Dauer nicht auszuhalten. Man verlor in der Vergangenheit gute Mitarbeiter an die Kundenseite, da diese bereits seit Jahren auf ausgewogene Arbeitszeiten achten. Wir bieten heute unseren Mitarbeitern mehr Freiraum in ihrer persönlichen Entfaltung, was einige z. B. nutzen, um auf eine längere Reise zu gehen. Ein Auto und Geld sind auf dem heutigen Arbeitsmarkt oft nicht mehr die einzigen Anreize, sich für ein Unternehmen zu entscheiden.

Wie sieht die Branche in fünf, sechs Jahren aus, was das Thema Nachhaltigkeit betrifft? Sind hier bereits Trends sichtbar?
Schwerdtfeger:
Es ist natürlich ein Ziel von uns, die besten Mitarbeiter der Branche zu gewinnen. Wir ziehen in zwei Jahren um, bauen gerade und fangen an, Arbeitswelten der Zukunft zu gestalten. Auf diese Reise wird jeder unserer Mitarbeiter mitgenommen, um jedem bieten zu können, was er braucht. Dafür investieren wir als Agentur gerne. Ich bin mir auch sicher, dass das Thema Nachhaltigkeit in den nächsten Jahren auch in Bezug auf die Veranstaltungsorganisation deutlich an Bedeutung zunehmen wird.

“Wenn sich die Sensibilisierung in der Branche zu einem Anspruch entwickelt, so wäre das der richtige Weg”. 
Lothar Messerich


Messerich:
Das qualifiziert uns ja auch gegenüber einem Konzern, der ja gar nicht so flexibel reagieren kann. Es gibt eine Sensibilisierung in der Branche, die bereits stattfindet. Wenn sich das zu einem Anspruch entwickelt, so wäre das der richtige Weg. Wir sind heute gefordert.

 

Wir danken für das Gespräch. 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Freut mich sehr, dass immer mehr Firmen aus Überzeugung auf Nachhaltigkeit achten und den Kunden näher bringen. Nachhaltigkeit verbindet und sorgt auch für neue Ansätze und Auswahl der “preferred partner”. Denn es kommt ja auf die gesamte Lieferkette an. Auch der Umgang miteinander ist ein anderer, wenn man sich über bestimmte Grundlagen schon mal einig ist and ähnlich tickt. Nachhaltigkeit verbindet eben.

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