Kommentar

Nachhaltiger Messebau – zwischen Anspruch und Realität

Messebau kann und muss nachhaltiger werden – doch der Weg dorthin scheint voller Stolpersteine. In seinem Kommentar beleuchtet Klaus Zittrich, warum viele nachhaltige Konzepte im Messebau nicht zu Ende gedacht sind und wie echte Veränderung möglich ist.

(Bild: shutterstock/eamesBot)

 

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Nachhaltigkeit im Messebau wird häufig als Zukunftsversprechen beworben – doch zwischen grünen Schlagworten und tatsächlicher Verantwortung klafft oft eine deutliche Lücke. Nachhaltige Ketten werden immer wieder unterbrochen und auch wenn wirksame Maßnahmen in der Messewelt oft als schwer umsetzbar gelten, so müssen sie dennoch implementiert werden. Unsere Branche ist geprägt von Schnelllebigkeit, Spontanität und Zeitdruck und trotzdem müssen Wege für dauerhaft nachhaltiges Handeln gefunden werden. Geschieht dies nicht, bringt es Konsequenzen mit sich, die weit über die Messehallen hinausgehen.

Nachhaltige Gedanken und wirksame Ansätze gibt es bereits in vielen Bereichen des Messebaus. Trotzdem begleitet uns im daily Business immer wieder der Satz: „Das wurde nicht zu Ende gedacht“. Ein erstes Beispiel dafür bietet das Standcatering: Regionale Essensbeschaffung und der Einsatz von Geschirr aus biologisch abbaubarem Holz, das direkt gemeinsam mit Essensresten kompostiert werden kann. Doch leider verendet der gute Ansatz in Plastikmüllbeuteln, in denen alles gesammelt und am Ende der Messe dann doch zum Restmüll gestellt wird. Eine der leider immer noch vielen Lücken auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Branche.

Die Zeitfrage

Verbesserungsbedarf gibt es neben der Ökologie auch in den Bereichen Ökonomie und Soziales. Dies zeigt sich vor allem an den Messeplätzen selbst: während es vor ein paar Jahren noch genügend Zeit für Logistik, Montage und Demontage gab, sieht das heutige Zeitalter streng dezidierte Anlieferungs-Slots, sowie kurze Ab- und Aufbauzeiten vor, die der Nachhaltigkeit leider immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen.

Statt wiederaufnahmefähige Bodenbeläge einzusetzen, wird oftmals Einweg-Bahnen-Ware verlegt. Aufgrund der knapp bemessenen Zeit werden dann Bodenbeläge großflächig verklebt, damit die anderen Gewerke z. B. mit dem Wandbau durchstarten können. Bei längeren Zeitfenstern wäre die Möglichkeit gegeben, einen hochwertigen, mehrfach einsetzbaren Boden mit Hebesystem, sowie Parkett- oder Teppichplanken einzusetzen. Diese Bauteile könnten beim Abbau rückstandslos und schadenfrei demontiert und für weitere Einsätze wiederverwendet werden. Die zeitlichen Voraussetzungen seitens der Messeplätze sind durchaus gegeben, man muss dies nur noch in die Tat umsetzen. Zudem werden die Kosten aktuell zu Lasten der Dienstleister verschoben und landen am Ende parse wieder beim Kunden.

Der Abbau muss oft in 24 Stunden erfolgen und gleicht eher einem Abriss, der die Bauteile enorm in Mitleidenschaft zieht. Die Wiederverwendbarkeit vieler Bauteile ist unter solchen Umständen oft nur schwer möglich.

Doch nicht nur die Qualität der Bauteile leidet unter diesen Vorgaben, auch die menschliche Komponente wird in Mitleidenschaft gezogen. Wenig Aufbautage verlangen Nachtschichten und Überstunden der Arbeitskräfte. Um dennoch eine makellose Qualität der Stände zu gewährleisten, wird unter Hochdruck und maximaler Präzision gearbeitet – doch auch das hat Folgen, wie beispielsweise ein höherer Krankenstand und der daraus resultierende Fachkräftemangel.

Was wäre also eine Lösung für diese Umstände? Längere Auf- und Abbauzeiten, sowie effizienter geregelte Prozesse für Be- und Entladung. Die Time Slots für Anlieferungen und Abholungen sind jedenfalls ein „Rohrkrepierer“, weil die Slots oft ausgebucht sind. Hintergrund sind mögliche Mehrfachbuchungen, welche die Zeitfenster für die An- und Ablieferungen ausdehnen – was aus Sicht der Anliefernden mehr als verständlich ist. Wer kann denn bei den heutigen Verkehrsverhältnissen auf die ¼ Stunde genau anliefern?


„ Nachhaltigkeit hat nicht nur auf den Baustellen eine große Bedeutung. Bei uns liegt sie fortwährend im Fokus: im Büro, im Lager, in der Logistik und in der Fertigung. Entlang der gesamten Kette muss Nachhaltigkeit mit Überzeugung implementiert und gelebt werden. Nur so erreichen wir gemeinsam eine fundamentale Veränderung, die unserem Planeten zugutekommt.“

Leyna Rotte, Amecko Nachhaltigkeitsbeauftragte

(Bild: shutterstock/eamesBot)

Best-Practice: Was heute schon möglich ist

Auch wenn wir hier zunächst ein recht negatives Bild zeichnen, gilt es auch die positiven Dinge in der Branche hervorzuheben: zahlreiche Organisationen, Vereine und Verbände erkennen die Problematik und setzen sich gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit im Messebau ein. Denn wer heute auf Messen überzeugen will, setzt auf nachhaltige Konzepte, die Design, Innovation und Verantwortung zu einem starken Markenauftritt verbinden.

Nachhaltiger Messebau kann funktionieren, wie dieses Best-Practice-Beispiel anschaulich zeigt.
Nachhaltiger Messebau kann funktionieren, wie dieses Best-Practice-Beispiel anschaulich zeigt. (Bild: shutterstock/eamesBot)

Ein Best-Practice-Beispiel konnten wir in den eigenen Reihen im September für einen Kunden umsetzen: ein komplett nachhaltiger Stand, dessen Bestandteile nach der Messe beinahe zu 100 Prozent wiederverwendet wurden. Ein besonderes Bauteil hierbei war ein „Cradle-to- Cradle“-zertifiziertes Vollholz, welches dank einer Speziallasur trotzdem ein Brandschutzzertifikat vorweisen konnte. Zudem wurde bei der Montage auf Klebemittel und Verschraubungen verzichtet, sodass Möbel, Wände und Theken leicht wieder in einzelne, wiederverwendbare Elemente zerlegt werden konnten. Auch die Lokalität war ein essenzieller Punkt im Konzept. Von Medientechnik über Bepflanzung bis hin zum Catering wurde nach Möglichkeit ausschließlich mit regionalen Partnern gearbeitet, um Wege einzukürzen und den CO2-Ausstoß so gering wie möglich zu halten. Maßnahmen, die sich auszahlten: Zu guter Letzt lag der CO2-Fußabdruck des Standes bei über 65 Prozent unter dem eines vergleichbaren klassischen Messestandes und wurde von der Schweizer Messegesellschaft ausgezeichnet. Nachhaltiger Messebau zeigt also, dass beeindruckende Markeninszenierungen und Umweltschutz perfekt zusammenpassen.

Amecko geht voran

Klaus Zittrich ist seit fast 40 Jahren in der Live-Kommunikationsbranche tätig. Zuletzt gründete er 2010 mit seinen Partnern das Messebauunternehmen Amecko GmbH mit Sitz in Oberhausen. Dort konzipieren, realisieren und betreuen er und sein Team kreative Erlebnisräume für Marken auf Messen, auf Kongressen, im Innenausbau und für Events, national und international.
Klaus Zittrich ist seit fast 40 Jahren in der Live-Kommunikationsbranche tätig. Zuletzt gründete er 2010 mit seinen Partnern das Messebauunternehmen Amecko GmbH mit Sitz in Oberhausen. Dort konzipieren, realisieren und betreuen er und sein Team kreative Erlebnisräume für Marken auf Messen, auf Kongressen, im Innenausbau und für Events, national und international. (Bild: shutterstock/eamesBot)

Nicht nur aus diesem Grund ist das Thema Nachhaltigkeit bereits seit unserer Gründung tief in uns verankert. Und gerade in der letzten Zeit haben wir uns besonders intensiv damit befasst. Wie der AUMA ebenfalls predigt: Messen sind ein wichtiger Teil der Lösung auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Dieser großen Verantwortung sind wir uns mehr als bewusst und tun alles, um nachhaltiges Denken in die Tat umzusetzen. In internen Fort- und Weiterbildungen haben wir uns gegenseitig gezeigt: Nachhaltigkeit in unserer Branche kann nicht, sie muss. Bereits das kommende Jahr hält spannende Erfahrungen für uns bereit: mit viel Motivation und Tatendrang starten wir den Prozess einer Zertifizierung nach ISO 20121. Durch diesen elementaren Schritt möchten wir mit gutem Beispiel für kleine und mittlere Unternehmen vorangehen.

Wir mögen vielleicht nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen sein, doch es wird deutlich, dass Nachhaltigkeit und der Schutz unserer Umwelt nicht nur unsere Branche, sondern uns alle betrifft. Umso wichtiger ist es, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen, um unsere Zukunft grüner zu gestalten. Nachhaltige Gedanken gibt es viele, man muss diese nur zu Ende denken.

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