Sondernetz: So denkt die Veranstaltungstechnik Strom
von Redaktion,
Auf der LEaT con in Hamburg widmeten sich Sven Kubin und Thomas Bardeck einem Thema, das auf den ersten Blick trocken wirkt, in der Praxis jedoch zentrale Bedeutung hat: der Normung mobiler Energieversorgung in der Veranstaltungstechnik. In ihrem Vortrag zeigten sie, warum Strom „aus der Steckdose“ nicht automatisch Teil einer Hausinstallation ist, weshalb der Begriff Sondernetz entscheidend ist und wie die überarbeitete DIN 15767 reale Arbeitsbedingungen auf Produktionen, Messen und Tourneen abbildet.
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Warum die neue DIN 15767 die Veranstaltungstechnik neu ordnet
Normen gelten in der Veranstaltungstechnik oft als notwendiges Übel: schwer lesbar, teuer zugänglich und scheinbar weit entfernt vom hektischen Produktionsalltag. Genau mit diesem Vorurteil räumen Thomas Bartek und Sven Kubin in ihrem Vortrag zur DIN 15767 auf. Denn die Norm zur Energieversorgung in der Veranstaltungs- und Produktionstechnik ist kein theoretisches Regelwerk, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Praxiserfahrung.
Im Zentrum steht eine zentrale Erkenntnis: Mobile elektrische Anlagen in der Veranstaltungstechnik sind keine klassische Elektroinstallation. Sie werden nicht errichtet, sondern aufgebaut – temporär, unter Zeitdruck, mit steckbaren Systemen und klar definierten Übergabepunkten. Genau hier setzt die DIN 15767 an.
Von der Praxis in die Norm
Die aktuelle Revision der DIN 15767 ist das Resultat eines mehrjährigen Prozesses, getragen von einem breiten Kreis aus Praktikern, Herstellern und Fachleuten. Ziel war es, den Anwendungsbereich zu schärfen und Begriffe eindeutig zu definieren. Besonders wichtig: Die Norm betrachtet nicht nur Hauptzuleitungen oder große Powerlock-Systeme, sondern alle Leitungen ab dem Übergabepunkt – von der Steckdose bis zum Verbraucher. Geräteanschlussleitungen selbst sind bewusst ausgenommen und fallen weiterhin unter das Produktsicherheitsrecht.
Neu aufgenommen wurden unter anderem klare Regelungen zu Mindestquerschnitten, realistischen Leitungslängen und zum Einsatz von Aluminiumleitungen. Gerade im Bereich höherer Ströme bietet Aluminium deutliche Vorteile: geringeres Gewicht, bessere Handhabung und wirtschaftliche Aspekte, die im Touring- und Festivalbetrieb längst Alltag sind.
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Ein zentraler Begriff der neuen Norm ist das Sondernetz. Damit wird klar zwischen fest installierter Gebäude-Elektrotechnik und temporären, mobilen Energiesystemen unterschieden. Veranstaltungstechnik arbeitet mit steckbaren, flexiblen Leitungen – vergleichbar mit einem modularen System. Diese Realität lässt sich nicht sinnvoll mit klassischen VDE-Installationsnormen abbilden.
Die DIN 15767 schafft hier einen eigenständigen Rahmen, der sich mit bestehenden elektrotechnischen Regelwerken ergänzt, ohne sie blind zu kopieren. Das Ergebnis ist ein praxistauglicher Standard, der Sicherheit gewährleistet, ohne den Arbeitsalltag unnötig zu blockieren.
Sicherheit durch realistische Prüfungen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage: Wann ist eine Anlage sicher? Die Norm definiert klare, praxisnahe Prüfanforderungen, die der Realität mobiler Produktionen Rechnung tragen. Einzelne Betriebsmittel werden regelmäßig geprüft, Leitungen sind vorkonfektioniert und betriebsfertig. Daraus ergeben sich andere Prüfprozesse als bei fest installierten Anlagen.
Auch beim Thema Spannungsfall geht die Norm einen differenzierten Weg. Moderne Geräte mit Weitbereichsnetzteilen reagieren deutlich toleranter auf Spannungsabweichungen als ältere Technik. Statt starrer Prozentwerte setzt die Norm auf funktionale Betrachtung – orientiert am tatsächlichen Einsatz.
Internationale Bedeutung und Ausblick
Die Relevanz der DIN 15767 reicht inzwischen über Deutschland hinaus. Durch die Anerkennung der fachlichen Kompetenz des Normenausschusses ist der Weg in die europäische und internationale Normung geöffnet. Inhalte aus der deutschen Veranstaltungstechnik finden sich heute in internationalen Diskussionen wieder – bis hin zu Übernahmen in amerikanische Standards.
Gleichzeitig werfen neue Entwicklungen ihre Schatten voraus: batteriegepufferte Systeme, USV-Konzepte im FOH-Bereich und zukünftige Gleichspannungsnetze für LED-Technik. Auch hier versteht sich Normung nicht als Bremsklotz, sondern als strukturierter Rahmen für kommende Technologien.
Fazit
Die DIN 15767 zeigt, wie Normung funktionieren kann, wenn sie aus der Praxis heraus gedacht wird. Sie schafft Klarheit, Sicherheit und Rechtssicherheit für alle, die mit mobiler Energieversorgung arbeiten – ohne den Charakter der Veranstaltungstechnik zu verleugnen. Oder anders gesagt: Strom kommt zwar aus der Steckdose, aber was danach passiert, braucht klare Regeln.
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