Frauen in der Technik: zwischen Fortschritt & Frust
von Christiane Bangert,
Von Vorurteilen bis fehlender Sichtbarkeit: Der Weg zur Normalität für Frauen in der Veranstaltungstechnik scheint noch lang. Doch Netzwerke und neue Vorbilder zeigen, wie Veränderung gelingt.
Die Rosa Stunde ist bereits Tradition auf der LEaT con: formlos-fröhliches Treffen rund ums pinke Case. (Bild: LEaT)
Nach wie vor arbeiten wesentlich weniger Frauen als Männer in der Veranstaltungstechnikbranche – und dies sicher nicht, weil die Arbeit an sich zu hart, kompliziert oder schwer wäre. Dafür gibt es hinreichend Beispiele in allen Arbeitsbereichen der Branche. Woran liegt es also und wie kann man es verändern? Dies waren einige der Diskussionspunkte beim Workshop und der Bühnendiskussion auf der LEaT con 25 mit Vertreterinnen verschiedener Frauenverbände. Dabei herrscht Einigkeit über die Notwendigkeit, mehr Frauen für technische und organisatorische Berufe zu gewinnen. Denn der Nachwuchs fehlt.
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Im 21. Jahrhundert sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass Frauen in technischen Berufen, in der technischen Organisation und Herstellung technischer Gerätschaften arbeiten und auch Führungspositionen einnehmen. Ist es aber nicht. Und dies nicht nur, weil es wenige Frauen gibt, die dies tun. Es scheint auch in den Köpfen nicht angekommen zu sein. So wird z. B. auf Produktionen eine Frau schneller beim Catering eingeordnet als für eine Technikerin gehalten. Eine Frau auf Tour ist mutmaßlich eher die T-Shirt- Verkäuferin – weil sie die Freundin eines Bandmitglieds ist – und nicht die Tourmanagerin. Wenn es eine Frau an den FOH-Platz schafft, dann doch eher als Lichttechnikerin als wirklich Mischerin der Band?
In der Zusammenarbeit etabliert sich sicher oft die Selbstverständlichkeit. Vielleicht liegt hier ein Grund, warum kein Problem mehr wahrgenommen wird. Den Erfahrungen vieler der Frauen beim Workshop auf der LEaT con nach ist frau aber nach wie vor immer wieder unangenehmen Situationen ausgesetzt – oder vielleicht einfach nur ärgerlichen. Der Druck, sich zu beweisen, ist hoch. Da wäre es gut, wenn Männer wahrnehmen würden, dass es nach wie vor Probleme gibt. Kommunikation wurde beim Workshop als gutes Mittel gesehen und die Bühnendiskussion auf der Hauptbühne als Möglichkeit, den ein oder anderen Problempunkt näher zu erläutern. Nur leider waren da die Männer im Publikum sehr rar. Folgend ein paar Punkte, die beim Workshop und Panel zur Sprache kamen (und die wir auch künftig weiterverfolgen werden). Dabei war der Workshop kein Kuschelkurs: Es wurde kontrovers diskutiert, gerade auch, als es um neue Stereotypen und Frauenbilder ging.
Die Sponsoren Neumann & Müller Veranstaltungstechnik und Harmann unterstützten die Ausrichtung des Workshops. (Bild: LEaT)
Branchen-Netzwerke und Initiativen für Frauen
AVIXA Women’s Council: Das internationale Netzwerk fördert die Sichtbarkeit und Karrierechancen von Frauen in der AV- und Medientechnik. In regionalen Gruppen – wie dem deutschen Chapter – tauschen sich Fachfrauen aus, vernetzen sich und entwickeln gemeinsame Projekte, um mehr Diversität in der Branche zu erreichen. www.avixa.org
BDKV Female Voice: 2024 unter Leitung von Verena Kraemer gegründet, ist das von BDKV Female Voice Ziel Frauen in der Livebranche eine stärkere Stimme zu geben. Das Netzwerk vernetzt Frauen aus BDKV-Mitgliedsunternehmen, fördert Austausch und Weiterbildung und setzt sich aktiv für Diversität, neue Rollenbilder und Chancengleichheit in der Veranstaltungswirtschaft ein. female-voice.bdkv.de
Rosa Stunde: Die Rosa Stunde ist ein deutschsprachiges Vernetzungsformat für Frauen in der Veranstaltungstechnik, initiiert von Solveig Busler. In entspannter Atmosphäre stehen Erfahrungsaustausch, gegenseitige Unterstützung und berufliche Weiterentwicklung im Mittelpunkt. Informationen zu kommenden Treffen finden sich über Partnernetzwerke wie das AVIXA Women’s Council DACH oder auf Social Media.
WIE (Women in Eventbusiness): Women in Eventbusiness ist eine Initiative von EVVC-Präsidentin Ilona Jarabek, die Frauen in der Veranstaltungsbranche sichtbar macht und vernetzt. Das Netzwerk fördert Austausch und gegenseitige Unterstützung und entwickelt derzeit ein Mentoring-Programm zur gezielten Förderung junger Frauen in der Eventbranche. www.evvc.org/wie
Women in Events D.A.CH.: 2024 gegründet, engagiert sich der Verein für Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Eventbranche. Er setzt sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Sichtbarkeit weiblicher Role Models und den Abbau von Rollenklischees ein. Durch Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit möchte das Netzwerk ein Umdenken in der Branche anstoßen. women-in-events.de
WIL (Women in Lighting): Women in Lighting ist eine globale Community, initiiert vom britischen Studio Light Collective, die Frauen im Lichtdesign sichtbar macht und miteinander verbindet. Durch Porträts, Interviews und Veranstaltungen inspiriert das Netzwerk weltweit Frauen dazu, ihre Expertise und Leidenschaft für Lichtgestaltung zu teilen und weiterzuentwickeln. www.womeninlighting.com
WILM (Women in Live Music): WILM ist eine europäische Organisation, die Frauen und andere unterrepräsentierte Gruppen in der Live-Musikbranche unterstützt – von FOH-Technikerinnen über Tourmanagerinnen bis zu Lichtdesgnerinnen. Sie bietet Mentoring, Workshops und Networking-Events, um Frauen in allen Bereichen der Liveproduktion zu stärken. www.womeninlivemusic.eu
Podiumsdiskussion: vom Workshop auf die Bühne, moderiert durch Sebastian Messerschmidt. (Bild: LEaT)
Selbstverständnis
Das so genannte „Impostor-Syndrom“ ist unter Frauen in der Veranstaltungsbranche wohl bekannt: die Zweifel an eigener Leistung und Erfolg. Dazu das Gefühl, nur durch Glück oder Zufall eine Position innezuhaben, nicht aber, weil man die Fähigkeiten dazu unter Beweis gestellt hat. Dazu der Gedanke, keine Fehler machen zu dürfen, weil Fehler nicht individuell, sondern geschlechtsspezifisch gesehen werden: Frauen können das halt nicht. Dies führt zu einem hohen Leistungsdruck.
Eine solcher Situation schafft natürlich schlechte Voraussetzungen, um an seinen Aufgaben zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.
Aber woran liegt es, dass „Impostor-Syndrom“ und Leistungsdruck so weit verbreitet sind? Am Selbstverständnis der Frauen oder den Strukturen in der männlich dominierten Branche? Den Erfahrungen vieler Frauen im Workshop nach muss man sich als Frau immer noch viel mehr beweisen und besser sein als die männlichen Kollegen. Und selbst wenn das Resultat gut ist, so wird eine Frau durchaus noch von anderen Zweifeln männlicherseits eingeholt – ist frau denn wirklich mental belastbar genug? Sie schien nervös, oder ist das nicht doch körperlich zu schwer? Es bedarf nicht der Tiefenpsychologie, um den Zusammenhang zwischen einer starken Infragestellung von außen und eigenen Zweifeln zu sehen.
Ein „rauer“ Ton
Produktionen sind ein spezielles Arbeitsumfeld. Lange Arbeitszeiten, Phasen hohen Leistungsdrucks und wieder langer Pausen, hektischer Situationen und klarer Hierarchien. Hier seinen Platz und seine Rolle zu finden, kann auch für Männer eine Herausforderung sein. Per se aufzufallen, ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Frauen fallen aber schon durch die bloße Tatsache, eine Frau zu sein, auf. Um nicht noch exponierter dazustehen, ist Unauffälligkeit eine Strategie. Nicht zu weiblich kleiden und bei vermeintlich lustigen, aber doch recht sexistischen Sprüchen lieber keine Szene machen. Denn das erfüllt dann die Erwartungen, dass frau eben nicht so belastbar ist, und schwierig. Und schwierige Frauen kann man auf einer Produktion oder Tour nicht gebrauchen …
Wünschenswert sind andere Umgangsformen und Unterstützung, wenn der Ton zu rau wird, Sprüche den Witz verloren haben oder beleidigend sind. Nicht weil frau sich nicht selbst wehren kann, sondern weil für alle eine Atmosphäre gegenseitigen Respektes bessere Arbeitsbedingungen schafft. Dabei braucht es aber keine Beschützer, sondern Mitstreiter.
Die Workshop- Teilnehmerinnen 2025 (v.l.): Malle Kaas, Melanie Schobel, Sylvia „Koyo“ Tara, Georgina Cartwright, Wiebke Heyder, Theresa Maßop, Nike Ostendarp, Kamilla Wysocki, Odsuren Terbishdavga, Olga Kenig und Lisa Affenzeller
Stereotypen, aber wieder anders
Kontrovers wurde die Diskussion beim Workshop, als es um Gehälter und Karrierewillen ging. Einerseits wurden u. a. strukturelle Hindernisse und fehlende Vorbilder als Ursache gesehen, warum Frauen nicht die Karriereleiter hochklettern. Andererseits wehrte sich frau dagegen, ihre beruflichen Ziele fremd definieren und den Wert ihrer Arbeit am Gehalt der Männer und nicht ihrer eigenen Leistung messen zu lassen. Es war ein Plädoyer, sich für den Freiraum einzusetzen, dass Frauen ihren beruflichen Weg selbst festlegen und sich nicht neue Stereotypen, wie Frauen zu sein haben, etablieren. Zu den Karriere-Chancen gab es, auch sehr unterschiedliche Perspektiven. Aus dem Live-Bereich kommend wurden eher Männer in Entscheidungspositionen dafür verantwortlich gemacht, dass man besser und härter als männliche Kollegen für eine Position arbeiten müsse. Entscheiderinnen in Firmen kennen hingegen die Situation gut, dass sich bei internen Ausschreibungen ein weniger geeigneter Mann um die Stelle bewirbt, nicht aber die passend qualifizierte Frau.
Nachwuchs
Hier soll es nicht um Schwangerschaften gehen, sondern um die Fachkräfte. Auch wenn die Aussage im Workshop, dass Alkoholiker bei Produktionen eher akzeptiert würden als schwangere Frauen, sicher einer tieferen Reflexion bedürfen.
Fachkräfte sind in der Veranstaltungsbranche nicht einfach zu finden. Laut der Teilnehmerinnen mit Personalverantwortung kann es sich niemand mehr leisten, auszuwählen: Wer fachlich geeignet und im Umgang mit Kolleg:innen und Kund:innen korrekt ist, wird eingestellt. Geschlecht, Hautfarbe oder persönliche Eigenheiten sind egal. Unattraktiv für die Hälfte der Menschheit zu sein, scheint vor diesem Hintergrund nicht zielführend.
Um mehr Frauen für die Veranstaltungsbranche zu begeistern, sind Vorbilder sicher wichtig – und damit die Sichtbarkeit von Frauen in all den technischen und organisatorischen Berufen. Vernetzung, Mentorinnen und Ansprechpartnerinnen können wertvolle Unterstützung liefern, damit Frauen, die sich für den Beruf entschieden haben, ihren Weg in der Branche finden. An dieser Stelle leisten verschiedene Frauenverbände, Netzwerke und Initiativen wertvolle Arbeit.
Die Selbstverständlichkeit von Frauen in all den technischen und organisatorischen Berufen als Basis für eine erfolgreiche und erfüllende berufliche Entwicklung, dies können Frauen natürlich nicht alleine schaffen. Männer müssen das auch selbst verstehen. Ein erster Ansatz wäre, sich Zeit zum Zuhören zu nehmen. Möglichkeiten dazu liefern die Angebote von LEaT united.