Das zweite Davos: Was Event Professionals daraus lernen können
von Heidrun Scholten,
Januar in Davos: Für eine Woche wird der Alpenort zum globalen Hotspot für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Das WEF zieht rund 3.000 Teilnehmer:innen an, von Staats- und Regierungschefs über CEOs bis zu Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft. Die Teilnahme ist teuer und exklusiv; allen anderen bleibt der Zugang vorbehalten.
Davos AI Summit von Imagination in Action (Bild: Heidrun Scholten)(Bild: Heidrun Scholten)
Doch die eigentliche Veranstaltung findet jenseits des Kongresszentrums statt. Parallel zum offiziellen Programm pulsiert ein zweites, lebendiges Davos: Side Events, Brand Houses, Pop-ups, Panels, Empfänge, Workshops, Dinners und Networking-Gelegenheiten ziehen bis zu 20.000 Teilnehmer:innen an. Dezentral organisiert, oft nur auf Einladung zugänglich, selten zentral erfasst – und doch der Ort, an dem viele der wirklich spannenden Gespräche stattfinden.
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Die Stadt als Bühne für Brand Houses und Begegnungen
Während des “zweiten Davos” wird die Stadt selbst zur Bühne: Restaurants werden zu Marken-Hubs, Hotels zu temporären Treffpunkten und Boutiquen zu Orten für Austausch. Die Räume sind unterschiedlich gestaltet – manche schlicht, andere aufwendig inszeniert – und dienen fast immer einem Zweck: Meetings, Networking und Dialog. Besucher:innen tauschen Ideen aus, verhandeln Partnerschaften oder knüpfen Kontakte.
Brand Houses verwandeln Hotels, Restaurants oder Boutiquen in kuratierte Erlebnisräume: Showroom, Debattenplattform und Netzwerkzentrum in einem. Ein besonders gelungenes Beispiel ist das DP World Brand House, das zur bestehenden Architektur 300 m² hinzufügte und in höchster Qualität umgesetzt wurde – kürzlich ausgezeichnet mit einem Gold Award beim BrandEx.
DP World House (Bild: Frank Hörner)(Bild: Heidrun Scholten)
Gleichzeitig zeigt sich: Bei vielen Brand Houses gibt es noch Luft nach oben. Bisher dienen sie vor allem als Meetingräume, doch oft fehlt ein stimmiges Zusammenspiel von Storytelling, Interaktivität und architektonischer Gestaltung. Gerade diese Kombination ist entscheidend, um die Marke dem breiten Publikum, das in Davos vor Ort ist, zu präsentieren und die Wirkung zu maximieren. Für Unternehmen bietet sich hier noch viel Potenzial, durch kreative Inszenierung und gezielte Erlebnisse die Aufmerksamkeit zu steigern und die Markenbotschaft nachhaltig zu verankern.
Side Events: Satellitenformate mit hoher Wirkung
Neben den Brand Houses bilden bis zu 1000 Side Events das Herz des “zweiten Davos”. Sie spiegeln die großen Themen des offiziellen WEF wider, gehen aber oft einen Schritt weiter: Inhalte sind experimenteller, persönlicher und offener als in den großen Sessions. Künstliche Intelligenz dominierte in diesem Jahr, von der Transformation ganzer Industrien über neue Arbeitsmodelle bis hin zu ethischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Weitere Schwerpunkte waren Wirtschaftstrends, Nachhaltigkeit, Energie, neue Mobilität, Health Tech, Finanzsysteme und geopolitische Resilienz.
Breakfast Session bei Bloomberg (Bild: Heidrun Scholten)(Bild: Heidrun Scholten)
Die Formate reichen von Open Forums über Corporate Lounges, Mini-Panels und Networking-Bereiche bis zu thematischen Houses und informellen Partys. Das Open Forum des WEF ermöglicht registrierten Teilnehmer:innen aktive Diskussionen zu Innovation, Bildung, Klimaschutz und globaler Gesundheit. Exklusive Lunches oder Dinners wie der „Swedish Lunch“ bieten direkten Austausch mit Entscheidungsträger:innen, während medienmoderierte Roundtables wie von Bloomberg hochkarätige Speaker wie Al Gore präsentieren. Thematische Houses wie das „Axios House“ fördern Vernetzung und Diskussion zu aktuellen wirtschaftlichen und technologischen Trends, Speaker-Beispiel: Matt Damon, Co-Founder von Water.org.
WEF Open Forum Panel Session (Bild: Heidrun Scholten)(Bild: Heidrun Scholten)
Besonders spannend: Side Events ermöglichen auch Gästen ohne offizielles Konferenzticket, von der Präsenz hochkarätiger Entscheider zu profitieren.
Ein erstaunlich egalitärer Ort
Trotz seines elitären Rufs ist Davos während der WEF-Woche überraschend egalitär. Für mich ist das eine der größten Stärken des “zweiten Davos”: die informelle Gleichheit schafft Raum für gute Gespräche, spontane Vernetzung und unvorhergesehene Kooperationen. Auf kleinstem Raum kommen Menschen mit unterschiedlichsten Perspektiven und Hintergründen zusammen, tauschen Ideen aus und lassen sich gegenseitig inspirieren – oft in Momenten, die abseits der großen Panels passieren, beim Kaffee, beim Lunch oder auf dem Weg zwischen zwei Side Events.
US House in einer Kirche (Bild: Heidrun Scholten)(Bild: Heidrun Scholten)
Dieses Zusammenspiel aus Exklusivität und echter Begegnung macht das “zweite Davos” für Event Profis besonders spannend: Es zeigt, wie ein bewusst gestaltetes Ökosystem von Begegnungen selbst bei hochkarätigen Teilnehmern Offenheit, Dynamik und kreative Energie erzeugen kann.
Learnings und Take-Aways für Event Professionals
Davos zeigt eindrucksvoll, wie ein temporäres, globales Ökosystem aus Brand Houses, Side Events und Panels erfolgreich gestaltet werden kann. Für Event Professionals lassen sich daraus zentrale Erkenntnisse ableiten:
Diversität & Sichtbarkeit: unterschiedliche Teilnehmergruppen – von CEOs über Gründer:innen bis hin zu Politische Vertreter:innen – bringen neue Perspektiven und kreative Impulse
Formatvielfalt & Flexibilität: Brand Houses, interaktive Side Events oder informelle After-Work-Treffen erzeugen verschiedene Arten von Begegnungen
Integration offizieller Programme: offizielle Konferenzen liefern thematische Leitplanken, Side Events setzen eigene Impulse und ermöglichen neue Zielgruppen
Storytelling & Erlebnis: Architektur, Inszenierung, Interaktivität und Markenbotschaften sollten stimmig verzahnt sein, um unvergessliche Erlebnisse zu schaffen
Exklusivität bewusst steuern: „By invitation only“-Formate verdichten Gespräche, während offene Formate Sichtbarkeit und Reichweite erhöhen
Für mich zeigt das “zweite Davos”, dass erfolgreiche Events von morgen vor allem vielfältige Teilnehmer, flexible Formate, starke Storytelling-Elemente und gezieltes Networking miteinander verbinden müssen.
Ausblick: “Zweites Davos” weltweit?
Intern beim World Economic Forum wird über eine mögliche Neuausrichtung des jährlichen Gipfeltreffens nachgedacht. Hintergrund sind logistische Einschränkungen in Davos und die Frage, ob der alpine Standort dem gewachsenen Umfang noch gerecht wird.
Promenade in Davos (Bild: Heidrun Scholten)(Bild: Heidrun Scholten)
Ob das “zweite Davos” dann ebenfalls gleichzeitig verlagert würde, ist sehr unklar. Kurzfristig wird dies nicht so einfach sein, da die Side Events, Brand Houses und Satelliten-Formate über Jahre organisch gewachsen und dezentral strukturiert sind. Eine Verlagerung würde das bisherige Ökosystem auf jeden Fall zunächst sehr stark verändern.
Mein Fazit
Das “zweite Davos” zeigt, wie ein temporäres, globales Ökosystem aus Brand Houses, Side Events und Panels wirksam gestaltet werden kann. Für mich heißt das: Storytelling, Diversität, exklusive Begegnungen, flexible Formate und Egalität sind die Schlüssel zu erfolgreichen Events von morgen.
Gleichzeitig zeigt sich, dass Satelliten-Formate wie Side Events ein enormes Potenzial bieten: Veranstaltungen können über ihren Ursprungsort hinauswachsen, international adaptiert werden und völlig neue Möglichkeiten für Teilnehmer:innen und Gastgeber eröffnen.
Wer heute relevant bleiben will, muss gestalten, offen für neue Formate sein und den Mix aus Inhalt, Begegnung und Inszenierung bewusst nutzen.
Über die Autorin
(Bild: Heidrun Scholten)Heidrun Scholten, Senior Director Strategy & Marketing bei George P. Johnson, besuchte Davos in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal. Ihr Fokus lag darauf, verschiedene Events, Brand Houses und Formate zu besuchen, um das „zweite Davos“ zu erkunden und das Potenzial für Event Professionals aufzuzeigen.