Seit 2009 fordert die TU Chemnitz in ihrem alljährlichen Call for Papers die (Vor-)Denkenden aller Branchendiszi-plinen auf, ihre Ergebnisse aus Forschung und Lehre, Entwicklung und Case Studies zu den Megatrends einzureichen, die die Eventwelt (ganz besonders) umtreiben. Dr. Cornelia Zanger, Organisatorin der Veranstaltung und (mittlerweile emeritierte) Professorin, hat für die diesjährige Konferenz drei Themenschwerpunkte definiert: „der ‚richtige‘ Umgang mit Gen Z“, „Digitalisierung und KI“ sowie „Events in (welt-)wirtschaftspolitisch unruhigen Zeiten“.
„Nachhaltigkeit sieht man nicht, Nachhaltigkeit weiß man“, so Sandra Henze von mac.brand spaces in ihrem Vortrag. Sie setzt auf Kreislaufwirtschaft im Messegeschäft.
Business as usual?
„Der Eventbranche geht’s gut!“, attestiert Igor Palka, Senior VP Tech & Business Development der Messe Berlin, und Colja Dams, CEO der Vok Dams Group, ergänzt sinngemäß, Marketingbudgets würden derzeit (fast) nur für Live-Kommunikation geschrieben. Je mehr Fahrt der digitale Hype aufnehme, desto mehr sehnten sich die Menschen nach echtem, „unfakebarem“ Austausch. So weit, so bekannt. Locations, Caterer und andere Dienstleister sind verwundert: hinter ihnen liegt ein rekordverdächtig schlechtes Jahr (mit wenigen Ausnahmen) und die Prognosen für 2026 sind verhalten. Der Preiskampf im Meetingmarkt ist geradezu grotesk: Tagungshotels rufen Ganztagespauschalen von 70,00 € oder weniger auf. Wer die Zahlen der zurückliegenden Dekade verfolgt hat, weiß: die Anzahl der Meetings und Konferenzen nimmt ab bei gleichzeitig steigenden Teilnehmerzahlen; ein Trend, der den „großen Playern“ zugutekommt, aber eben nicht der breiten Masse.
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Die Mehrheit der Anbieter bleibt entsprechend skeptisch und wird zwangsläufig die weitere wirtschaftliche Entwicklung mit (An-)Spannung verfolgen (müssen).
Die wissenschaftliche Konferenz Eventforschung bringt einmal im Jahr zusammen, was im Alltag oft getrennt bleibt: Perspektiven aus Praxis, Hochschulen, Verbänden und Unternehmen. Wo Theorie auf reale Marktbedingungen trifft, entstehen spannende Reibungspunkte – und wertvolle Einblicke. Warum dieser Austausch für die Branche wichtiger ist denn je, zeigt der Blick auf die diesjährigen Themen.
Miriam Brennmaehl
KI- und IT-Kompetenz gefragt
Colja Dams, größter Förderer der Veranstaltung, eröffnete die erste Vortragssession und referierte über „digitale Doppelgänger“, die den Blick in die Glaskugel möglich machen sollen: anstatt mit erhobenen Daten auf zurückliegende Events zurückzublicken, sollen mit eben diesen Daten und unter Zuhilfenahme von KI zukünftige Eventbezugsgruppen digital „dupliziert“ werden. Richtig „unterfüttert“ und korrekt „gebrieft“ (gepromptet) sollen diese virtuellen Stakeholder schon im Vorfeld verlässliche Antworten auf die Fragen „Was sollen die Teilnehmenden nach dem Event tun?“ und „Warum tun sie das nicht bereits jetzt?“ liefern. Befragt nach möglichen Halluzinationen und „Falscheinschätzungen“ („Du hattest Recht, diese Idee war doof. Möchtest Du mehr über doofe Ideen erfahren?“) verweist Dams auf den Faktor Mensch, der etwaigen Unplausibilitäten nachgehen und sie ggf. händisch bereinigen muss.
Mit 113 Live-Teilnehmenden und 100 online Zuschauenden war die 17. wissenschaftliche Konferenz Eventforschung „ausverkauft“.
Die Forderung nach Ausbildung von IT-Kompetenz wird damit gleich zu Beginn der Veranstaltung laut und im weiteren Verlauf mehrfach unterstützt, u. a. in Beiträgen des AUMA (Messen im Zeitalter von KI), der Hochschule Worms (KI-Kompetenz im Rahmen der Hochschulausbildung) sowie der EventLawyers (EU AI-Act als Innovationstreiber).
Nachhaltigkeit keine Priorität
Das Thema Nachhaltigkeit bzw. ihr sinkender Stellenwert im Hochschulalltag, in der (Wirtschafts-)Politik und auf dieser Veranstaltung (und ob es da einen Zusammenhang gibt), war vor allem Gegenstand der Mittagspause. Bisher immer omni- präsent, wurde sie dieses Mal „nur“ in zwei Beiträgen zu Kreislaufwirtschaft im Messegeschäft und Inklusion behandelt. Cornelia Zanger begründete auf Nach- frage ihren Themenfokus nachvollziehbar damit, dass Nachhaltigkeit bereits seit 2011 wiederkehrend auf der Agenda gestanden habe und nach prominenter Platzierung 2023 und 2024 auch anderen Megatrends der Branche Priorität eingeräumt werden müsse.
Fazit
Die wissenschaftliche Konferenz Eventforschung ist ein El Dorado des interdisziplinären Austauschs; nicht alle Erkenntnisse sind für alle neu und unmittelbar in der Praxis anwendbar. Wer gern über den sprichwörtlichen Tellerrand hinausschaut und das große Gesamtzusammenspiel verstehen möchte (und über das nötige theoretische Vorwissen verfügt), trifft hier auf eine versierte, motivierte Community jenseits von Snobismus und Weltuntergangsstimmung. Die 18. Konferenz Eventforschung ist auf jeden Fall als fester Termin auch in meinem Kalender 2026 vorgesehen.